Masken der Angst

Notiert Knapp 2 Monate nach dem Shutdown kann eine Zwischenbilanz gezogen werden. Eine erste, lose Chronologie zu den Pandemiebestimmungen zeigt das Für und Wider der Abwägungen.
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Ich weiß nicht, in welchem Land Sie wohnen aber angenommen, Ihre Regierung würde Sie auffordern, im Zug oder beim Einkaufen eine Maske aufzusetzen: Würden Sie das tun? Eventuell“, ist vielleicht Ihre Antwort, „wenn es einen triftigen Grund dafür gibt!“ Wenn es um Tod und Leben geht, zum Beispiel, sind viele zu großen Einschränkungen bereit.

In der Bundesrepublik Deutschland tragen seit einigen Wochen fast alle im Supermarkt eine Maske. Einige zuerst aus Rücksicht auf andere, um eine Verbreitung von Viren zu verhindern. Mancher dann schließlich, weil es eben vom Staat her vorgeschrieben war. Teils aus Überzeugung, teils auch nur „aus Zwang“. Etliche aus Sorge vor eigener Ansteckung.

Die neue Ernsthaftigkeit

Allgemein hat sich eine ganz neue, grundsätzliche Ernsthaftigkeit durchgesetzt. Dass das Leben etwas ganz kostbares ist! Sogar das Leben der anderen!

In seiner Ausgabe vom 11.4. fragte DER SPIEGEL, aus welchen Quellen man in solchen schwierigen Zeiten Resilienz, Kraft und Widerstandsfähigkeit beziehen könne.

Verhältnismäßigkeit

Unumstritten waren die Maßnahmen zu den Einschränkungen dabei nicht. So warnte der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum am 29.3.20 im ZDF dass die gesamtgesellschaftlichen Maßnahmen „möglicherweise mehr Krankheits- und Todesfälle erzeugen“ als das Virus selbst. Wirtschaftsverbände warnten vor massiven Problemen. Die Juristin Jessica Hamed stellte am 6.4.20 im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau in Frage, ob Kontaktsperren in Deutschland überhaupt rechtens sind.

Vor allem die Verhältnismäßigkeit der Eingriffe stand im Mittelpunkt der Debatte.

In der Erstbegründung der Maßnahmen wurde argumentiert, das Hauptziel sei eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern.

Nun gibt es gute Nachrichten.

Nach offizieller Statistik gibt es aktuell 12.731 „aktive Fälle“ (Quelle: Deutschlandfunk 22.5.2020).

Und wie manche Virologen und Epidemiologender Berliner Charité oder des Bonner Uni-Klinikums im März aus Studien sowie aus Vergleichen mit anderen Ländern wie China prognostizierten, verläuft eine Infektion mit dem Virus bei mehr als 91 % harmlos bis unbedenklich:

Derzeit beträgt laut Deutschlandfunk die Gesamtzahl aller insgesamt nachgewiesenen Ansteckungen in Deutschland rund 176.700. „Genesen sind dem RKI zufolge etwa 158.000 Menschen.“ Also bereits rund 90 %. (Zahlen vom 21.5.20)

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Infektionen: 176.700

Genesen: 158.000

Quelle: Robert-Koch-Institut RKI, Zahlen Deutschland, 21.5.2020

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Das war also bereits vor zwei Monaten so absehbar.

Auswirkungen auf gesellschaftliche Gruppen und Interessen

Wir leben ja in Zeiten der Umfragen und der Zahlenwerke. Anhand von statista-Auswertungen lässt sich ein kurzer Blick auf einige Bevölkerungsteile werfen, wie es ihnen in der „Coronakrise“ ergangen ist. Für Kinder und Jugendliche etwa ist das Virus (Erkenntnisstand heute) so gut wie ungefährlich. Gleichzeitig tragen sie durch Unterrichtsausfälle, Probleme bei Abschlussprüfungen und Einschränkungen in der Freizeitgestaltung auch biografisch gesehen mit die größte „Last“. Nebenbei: Dass Schüler darauf aus sind, endlich wieder in die Schule gehen zu dürfen, sollte kein Bildungs-Verantwortlicher“ ungenutzt verstreichen lassen!

Für Online-Medien sowie für Kaufzeitungen brachte die Krisenberichterstattung enorme Zuwachsraten. Die Nachrichtenseite n-tv.de konnte z.B. annähernd eine Verdopplung verzeichnen. Das gönnt man der Presse gerne. Auch wenn man dabei

Doch für die Gesamtwirtschaft zeichnen sich ab dem Frühjahr 2020 massive Einschnitte ab. Im Bundeshaushalt wurde zudem die beispiellose Summe von 156 Mrd. EUR als Verschuldung aufgenommen. Die EZB hat ein Paket von 750 Mrd. EUR verabschiedet.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Mit jedem weiteren Tag an Einschränkungen dürften sich insbesondere die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verschlimmern. Man frage etwa Restaurantbesitzer oder Hoteliers. Auch hier stehen Existenzen auf dem Spiel. Damit wächst der Rechtfertigungsdruck. Sind die Maßnahmen verantwortbar und gerechtfertigt?

Ethische Güterabwägung

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats Peter Dabrock hat darauf hingewiesen, dass es sich in einer solchen Situation um eine typische Situation der Güterabwägung handelt. Das heißt, das eine bewahrenswerte Gut muss gegen ein anderes bewahrenswertes Gut abgewogen werden. Der bereits zitierte Epidemiologe Gérard Krause meint: „Wir müssen als Gesellschaft verstehen, dass es Naturereignisse gibt, die man nicht komplett ungeschehen machen kann.“

Keine Überlastung des Gesundheitswesens

Am 30.3.2020 wurde gemeldet: „Fast die Hälfte der Intensivbetten ist frei“. Am 3.4.2020 waren laut statista.de 9.697 Intensivbetten in Deutschland nicht belegt. Auch am 19.4. meldet das „Zentralregister für Klinikkapazitäten“, dass 13.000 Intensivbetten frei sind (Quelle: tagesschau.de).

Keine „Übersterblichkeit“ feststellbar

Die Situation in anderen Ländern ist besonders zu betrachten. (So gibt es z.B. Hinweise, dass ein Teil von Todesfällen auf eine falsche Behandlung des neuartigen Virus, statt auf das Virus selbst zurückgeht: „Beatmungen schaden statt zu helfen“. Ein weiteres Thema ist die jeweilige Situation des Gesundheitswesens vor Ort, z.B. Stichwort „resistente Keime“). Am 23.4.2020 meldet tagesschau.de: „Für Deutschland ist aber bislang keine Übersterblichkeit festzustellen.“ Auch am 22.5. meldet das Statistische Bundesamt auf seiner Webseite in einer „Sonderauswertung“: „Im März … ist bei einer monatsweisen Betrachtung kein auffälliger Anstieg der Sterbefallzahlen im Vergleich zu den Vorjahren erkennbar.“ Die Auswertung mit einer gleichmäßig flachen Kurve reicht bis 26.4.2020.

Ob man herausfinden wird, ob diese flache Kurve an den eingeführten Maßnahmen, z.B. auch am Tragen der Mundschutz-Masken liegt? In der Wissenschaft war und ist es ja umstritten, ob Masken sinnvoll oder nicht sinnvoll sind. Wie auch immer, momentan kann man sich an der „durchschnittlich flachen“ Kurve freuen.

Sieg des Föderalismus

Ist es allerdings denkbar und wahrscheinlich, dass die Zahl der Infektionen wieder steigen wird? Etliche sagen das, und der gesunde Menschenverstand spricht nicht dagegen. Zu bedenken ist dabei jedoch einerseits, dass eine Infektion nicht automatisch einen gefährlichen oder tödlichen Verlauf bedeutet (s.o.: über 90 % genesen). Die versehentliche oder absichtliche Verwechslung von „infiziert“ mit „erkrankt“ war in den letzten Wochen des öfteren zu beobachten. Wie generell die Bewertung von Zahlen und Statistiken zu viel Stirnerunzeln Anlass gab. Der Risiko-Experte“ Gerd Gigerenzer meinte in der Frankfurter Rundschau am 13.5. gar zur Weltgesundheitsbehörde WHO, das absolute und das relative Risiko betreffend: „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die Verantwortlichen sind zahlenblind und verstehen den Unterschied selbst nicht. Oder sie sind nicht zahlenblind, verstehen den Unterschied und führen uns in die Irre.“

Andererseits bleibt es dabei, dass das Virus für einen bestimmten Anteil tödlich sein kann und ist.

Auf die sich damit einstellenden ethischen Dilemmata hat auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hingewiesen, als er am 26.4. im Interview mit dem Tagesspiegel sagte, dass der Schutz des Lebens in einer Gesellschaft immer in einem Abwägungsprozess stattfindet. Schützt man das Leben des einen, kann es die Existenz eines anderen bedrohen. Hier finden in einem Gemeinwesen ständig (auch ohne Coronavirus) gesellschaftliche Aushandlungsprozesse statt (Güterabwägungen).

Die Entscheidungen im Bund lassen sich auch deshalb bisher als einen Sieg des Föderalismus verstehen, da hier jedes Bundesland vor Ort je nach eigener Abwägung und Situation ganz wesentlich entscheiden kann.

Hierbei wurde und wird beides berücksichtigt: Die dramatischen Folgen, die die Einschränkungen auf viele Bürger Deutschlands haben und die für nicht wenige existenzbedrohend sind oder werden, einerseits, und andererseits, dass das Virus für einen bestimmten Anteil tödlich und existenzbedrohend sein kann und ist.

Auswirkungen auf gesellschaftliche Gruppen (2)

Beim obigen Blick auf gesellschaftliche Gruppen fehlten noch die Kirchen (die für Zeiten existenzieller Krisen ja in besonderer Weise „zuständig“ sind). Diese dürften im Großen und Ganzen zuversichtlich und gewissermaßen man setzte auf Verantwortung und tat alles, damit kirchliche Veranstaltungen nicht zu einer Virenverbreitung beitragen auch “bewährt“ aus der „Coronazeit“ hervorgehen. Zum Beispiel weil sie infolge der zeitweiligen Gottesdienstaussetzung nun im Internet und digital weitaus präsenter sind, als vorher, und „Gottesdienste erfolgreich ins Internet“ verlagerten, wie DER SPIEGEL schrieb. Auch weil sich alsbald zeigte, dass auf kirchliche Inhalte in Radio und Fernsehen täglich rund 10 Millionen Menschen zugreifen (epd-Meldung), man fand also auch Resonanz. Die Quote des ZDF-Fernsehgottesdienstes jeden Sonntag verdoppelte sich in dieser Zeit. Waren es früher ungefähr 750 000 bis 800 000 Zuseher jeden Sonntag (zum Vergleich der Größenordnung: das entspricht in etwa der Anzahl der Abonnenten des SPIEGELs), waren es nun rund 1,4 Millionen. Auch gab es deutschlandweit eine gemeinsame Gebetsaktion, an der sich über eine halbe Million Menschen beteiligten, um für einen glimpflichen Verlauf der Pandemie in Deutschland zu bitten. (Da die Pandemie in Deutschland (bisher) ja tatsächlich vergleichsweise glimpflich verlaufen ist, steigt hier derzeit bestimmt manches heimliche Dankgebet nach oben…) In Zeiten neuer Ernsthaftigkeit und eines andauernden Memento mori („Gedenke des Todes“) war gerade auch das geistliche, seelsorgerliche, Trost zusprechende aber auch Ernsthaftigkeit gemahnende Wort und Angebot der Kirchen („Mensch, werde wesentlich!“) gefragt. Denn, um einmal Luther zu zitieren: „Wir sind allesamt zum Tode gefordert, und keiner wird für den anderen sterben, sondern ein jeglicher in eigener Person für sich mit dem Tode kämpfen. In die Ohren können wir wohl schreien, aber ein jeglicher muss für sich selbst geschickt sein in der Zeit des Todes: Ich werde dann nicht bei dir sein noch du bei mir.“

Diskussionen und Demonstrationen

Mit jedem weiteren Tag der Einschränkungen werden deren Folgen und Gefahren gravierender.

Werden die Diskussionen darüber „ideologisiert“ geführt? Wie es einer angesehenen Wissenschaftlerin ergehen kann, die in einem Interview sagte, das Coronavirus sei „kein Killervirus“, ist im ZEIT Magazin vom 20.5.2020 zu lesen. Dort wird die Virologin Karin Mölling, die unter anderem am Max-Planck-Institut in Berlin forschte und später Institutsleiterin an der Uni Zürich war, porträtiert. Sie sagt, der Schutz der Hauptrisikogruppe – die Älteren – habe Priorität, und: „Ich bin nicht für Einheitlichkeit, es gibt sehr unterschiedliche lokale Bedingungen.“ Doch Interviews gibt sie jetzt seltener. Ihre Meinungsäußerung stieß nicht überall auf Zustimmung.

Dass am 23. Mai, dem „Tag des Grundgesetzes“, manche für die dort verbürgten Grundrechte demonstrieren wollen (bei den jeweiligen konkreten Anliegen muss man natürlich wie immer bei solchen Demonstrationen genau hinschauen), hat immerhin Bundespräsident Frank Walter Steinmeier dankenswerter insofern gewürdigt und nicht pauschal verurteilt, als er sagte, dass Diskussionen zu einer Demokratie dazugehören, und dass es in einer Demokratie möglich sei, dass es zu einer Sache zwei verschiedene Ansichten gibt. Dass angesichts der Erstbegründung für die Einführung von Einschränkungen manche ungeduldig warten, dass die Politik nicht wortbrüchig werde, oder den rechtzeitigen Ausstieg verpasse, kann mancher vielleicht nachvollziehen: Denn auch der Deutsche Richterbund forderte (bereits am 25. März), dass „alle Sonderregeln anlässlich der Corona-Krise nur befristet gelten und ein Enddatum haben“ müssen. Damit „Ausnahmevorschriften nicht schleichend zur Normalität werden.“

Genau das befürchten aber manche. Als ein Gewinn der „Corona“-Zeit ist daher allemal zu werten, dass es nun einen viel größeren Bevölkerungsanteil gibt, der dafür sensibilisiert (und im Zweifel offensichtlich sogar dafür mobilisierbar) ist, dass die BRD nicht „unversehens“ in eine Art von Überwachungsstaat (sei es digital oder wie immer) abgleitet.

Einschätzungen der Maskenpflicht

Diskussionen sollten jedenfalls in einer Demokratie gestattet sein. Zu Masken liest man auf tagesschau.de: „Ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sinnvoll?“ „Wissenschaftlich nachgewiesen ist das … nicht.“ „Es gibt bislang keine Hinweise dafür, dass man sich durch das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung selbst vor einer Ansteckung schützen kann.“ Und der Weltärztepräsident Frank Montgomery sagt, dass Masken eine Ansteckung sogar befördern können: Denn im Stoff konzentriere sich das Virus, beim Abnehmen berühre man die Gesichtshaut, schneller könne man sich kaum infizieren.“

Sind das nun Masken der Angst oder Masken der Verantwortung? Sollen wir sie aufsetzen oder sollen wir sie ablegen?

06:23 24.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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