Themen der Reformation: Bildung

Geschichte „Unter den Übermütigen ist immer Streit; aber Weisheit ist bei denen, die sich raten lassen.“ (Proverbia 13,10)
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Weisheit, Bildung gehört zu den zentralen Anliegen der Reformation. Ein wichtiges Ziel ist dabei die Lesekompetenz: Damit man sich nicht so leicht ein X für ein U vormachen lässt...

Schon im März 1520 hatte sich Martin Luther dafür eingesetzt, Schulen für Jungen und Mädchen einzurichten, und dann erneut im Sommer 15201. Im Jahr 1524 legt er eine weitere Schrift vor: An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass Sie christliche Schulen aufrichten und unterhalten sollen“. Nachdem die Vorschläge und Appelle zu Schulgründungen noch nicht überall in wünschenswerter Weise durchgedrungen waren, wendet er sich darin „An die Bürgermeister und Ratsherren“, mit der dringlichen Ermahnung, „die allerbesten Schulen, beide, sowohl für Knaben als auch für Maidlein, an allen Orten aufzurichten“.

Offensichtlich war Überzeugungsarbeit durchaus nötig. Die Luther denn auch variantenreich betreibt:

Ihr „lieben Herren, wenn man jährlich so viel aufwendet für Büchsen [Stadtbewaffnung], Wege, Stege, Dämme und dergleichen unzählige Stücke mehr, damit eine Stadt zeitlichen Frieden und Ruhe/Wohlfahrt [Luther: Gemach] habe, warum sollte man nicht viel mehr doch auch so viel aufwenden für die bedürftige arme Jugend, dass man einen geschickten Menschen oder zwei als Schulmeister hielte?“ (Texte modernisiert)2

Bildung für alle

In den Schulen geht es um Lesen und Schreiben, um Rechnen, und um die Vermittlung der Sprachen und Künste. Luther fordert ein Fach Geschichte. Und er ließe die Kinder gerne musizieren. „Ich rede für mich: […] Sie müssten mir nicht alleine die Sprachen und Historien hören, sondern auch Singen und Musica mit der ganzen Mathematica lernen.“ Übertriebener Drill ist dabei zu vermeiden, vielmehr mit spielerischen Elementen vorzugehen. Denn: „Die Jugend muss sich austoben oder doch etwas zu tun haben, woran sie Spaß hat.“ (Zitiert nach: Fabian Vogt, Luther für Eilige. Seine wichtigsten Werke kurz und knackig, Leipzig, 3. Auflage 2017.) Bildung sollte alle Schichten erreichen.3 Jeder sollte daran Anteil erhalten, unabhängig von Herkunft oder Stand.

(Die Diskussion, ob und inwiefern sich der reformatorische Bildungsgedanke dabei vom bereits Vorhandenen unterschiedet, kann man dabei hier anstehen lassen, es geht ja nicht um konfessionelles „Hurra Luthertum“: Dass man an Vorhandenes anknüpfte, war klar. Luther hebt hervor, dass die Stifte und Klöster eben dazu früher eingesetzt waren („Daher auch die Klöster und Stifte kommen sind“), es gelte jetzt freilich manchen eingerissenen Missstand wieder abzuschaffen. Auch der Katholik Luther selbst war ja dem bestehenden Bildungssystem „entsprungen“ und stand in vielerlei Hinsicht im breiten Strom überkommener Bildungstradition. Diesen wieder in seine guten Ursprünge und zu seinen Quellen zurückzulenken, war das erklärte Ziel der reformatorischen Bildungsinitiativen.)

Reformatorische Bildungsoffensive

Die Initiativen waren vielseitig. Luther selbst war etwa aktiv an der Gründung von Schulen beteiligt, z.B. 1523 in Leisnig oder 1525 in Eisleben. Sein Wittenberger Kollege Philipp Melanchthon, der noch zu Lebzeiten den Beinamen „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) erhielt, z.B. in Magdeburg 1524 und in Nürnberg 1526.

Anders als manche Zeitgenossen, die der allgemeinen Schulbildung den Abschied geben wollten („Bruder Andres“), hielten die Reformatoren einen anspruchsvollen Bildungsgedanken hoch.4 Es ist ihnen überaus wichtig, dass gerade auch die Theologen an der allgemeinen Bildung teilhaben, die Grundlagentexte selbst nachvollziehen können (z.B. damit nicht ein jeder seinem Sonderfündlein nachhänge, oder seinen jeweiligen Gestimmtheiten, Stimmungen oder ausgefallenen Einfällen aufsitze…). Es ist überaus wichtig, dass sie (im Zweifel wenigstens in Grundzügen) die Urtexte im Original verstehen können. Darum ist Luther elementar an der Kenntnis der Sprachen gelegen. Die Reformation wird zur Bildungsbewegung.

Persönliche Bildung

Bildung ermöglicht, Vorurteile abzubauen, oder ein Bild, das man sich von etwas (oder jemand) gemacht hat, zu relativieren.

Bildung ermöglicht, dass man sich selbst ein Bild von den Dingen macht, urteilsfähig wird, nicht einfach alles nachplappert.5 Schon 1520 hatte Luther Sätze formuliert, die jedem Menschen den gleichen Anspruch auf Bildung zusprechen.

Luthers Bildungsprogramm ist insofern umstandslos kompatibel und anschlussfähig zu heutigen, modernen Bildungsidealen und -zielen, wie etwa „Erstens: die Person, ihren Wert und ihre Würde in den Mittelpunkt jedes formellen und informellen Bildungsprozesses zu stellen“, „Zweitens: auf die Stimme von Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen zu hören, denen wir Werte und Wissen vermitteln, um gemeinsam eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden, ein menschenwürdiges Leben für alle aufzubauen. Drittens: die volle Beteiligung von Mädchen und jungen Frauen an der Bildung zu fördern.“

Bildung braucht Zeit

Die Auswahl und Zahl der Bücher kann und sollte man dabei vernünftigerweise begrenzen.

Denn viele Bücher machen nicht gelehrt, vieles Lesen auch nicht, sondern gute Dinge und oft lesen, wie wenig es auch ist, das macht gelehrt [...]“ (Von Besserung, 1520) 6

Warum ist Luther Geschichte so wichtig? Sie vermittelt den Schülern Erfahrungswissen: „Da würden sie hören die Geschichte und Sprüche aller Welt, wie es dieser Stadt, diesem Reich, diesem Fürsten, diesem Mann, dieser Frau gegangen wäre, und könnten also in kurzer Zeit der ganzen Welt Wesen, Leben, Rat und Ergehen, Gelingen und Ungelingen von Anbeginn für sich [er]fassen wie in einem Spiegel. Daraus sie denn [entsprechend] ihren Sinn schicken und sich in der Welten Lauf richten könnten (mit Gottesfurcht). Dazu witzig und klug werden aus eben diesen Historien, was zu suchen und was zu meiden wäre in diesem äußerlichen Leben, und andere auch darnach [anschliessend, entsprechend] raten und regieren.“

Eine Erziehung aber ohne diese Schule der Geschichte die will uns weise machen durch die eigene Erfahrung.“„Doch ehe das geschieht, so sind wir hundertmal tot und haben unser lebenlang alles unbesonnen [Luther: unbedächtig] gehandelt, denn zu eigener Erfahrung gehört viel Zeit.“ 7

Gute Bildung ist wichtig für das Gemeinwesen

Luther denkt bei den Bildungsbemühungen gar nicht nur an die Theologenausbildung, sondern an das Gemeinwesen insgesamt, das in allen Bereichen gut ausgebildete Leute, seiens Ärzte, seiens Verwaltungsleute, Juristen usw. braucht. Darum, lieben Herrn, lasst euch das Werk [der Schulgründungen] anliegen, […] dessen euer Amt schuldig ist, das der Jugend so not ist, und das weder Welt noch Geist entbehren kann.“

In seinen Ratschlägen bleibt er dabei offen für Klügere, die vielleicht besseren Rat bereithalten, will aber angesichts der offenkundigen Not das Seine („richt' ichs aus, so gut als ich eben kann“) dazu getan haben. „Ich wollt ja […] gerne geraten und geholfen haben, ob mich gleich etliche darüber werden verachten und solchen treuen Rat in den Wind schlagen und bessers wissen wöllen, das muss ich geschehen lassen. Ich weiß wohl, dass andere könnten besser haben ausgericht, auch [doch, während] weil sie schweigen, richte ich es aus, so gut als ichs kann. Es ist ja besser dazu [geraten und] geredet, denn aller Dinge davon geschwiegen.“

Exkurs: Die biblische Geschichte als Weisheit und Erfahrungsquelle

Als Theologe, das müssen Agnostiker ihm nachsehen, wird für Luther dann natürlich Bildung zuvörderst auch und gerade durch die Historie und die Geschichte(n) der Bibel vermittelt.

(Nebenbei gefragt: Warum eigentlich die Bibel? Zum Beispiel, weil die Bibel für das „Stiftungsgemäße“ steht. Für das Ursprüngliche. Das Neue Testament enthält die Urdokumente der ersten ein bis zwei Jahrhunderte. Diese Texte sind deshalb zur Ermittlung und Bestimmung der Ursprungsgestalt des Christentums wesentlich“.) Darum sind besonders die Sprachen wichtig, denn nur wer Griechisch und Hebräisch kann (ggf. auch Latein), kann die biblischen Urtexte in ihrer eigenen Sprache reden hören und in ihrer originalen Ausdrucksform verstehen.

Breite Bildungsbewegung

Luther forderte und unterstützte zudem die Einrichtung von Biblio-theken und Büchereien (dass man nicht Fleiß und Kosten spare, gute Librareien oder Bücher Häuser [d.h. Bibliotheken] besonders in großen Städten, die dazu gut in der Lage sind, einzurichten.“) 8

Auch die Bibel selbst ist ja schon eine kleine Minibibliothek (biblion/biblia: Buch der Bücher...) in sich, d.h. eine An-Sammlung von Büchern. Daher ist kommen die heilige Schrift des Alten Testaments, welche sonst nimmermehr wäre zusammenbracht oder zusammengeblieben“: Durch Aufbewahren, Sammeln und Zusammenstellen der Schriftrollen und Pergamente ist das Alte Testament, wie die Bibel insgesamt, entstanden. (Als Exeget und Schriftausleger legt Luther dann auch einen besonderen Fokus auf die historische Dimension der jeweiligen biblischen Bücher.9)

Die Bibel steht daher auch für die Geschichte des frühen Israel. Und der Entwicklung einer reichen Schriftkultur. Der Sammlung von Geschichtsbüchern, Lern-, Lehr- und Spruchsammlungen altorientalischer Weisheitslehren, usw. usf.

Dort finden sich dann auch Weisheitssprüche wie dieser: „Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer der Städte gewinnt.“ (Proverbia/Sprüche 16,32)

Geduld ist auch beim Lernen gefragt und angebracht. Sowie mehrfache Wiederholung des Stoffes (repetitio est mater…). 10

Vom Tellerwäscher zum Mesner

Doch in damaligen Zeiten sind längst nicht alle Eltern schnell bereit, Kinder in die Schule zu geben. (Man kann sie z.B. gut im Haus bei allerlei Arbeiten gebrauchen.) Im Jahr 1530, weil mit den Schulen alles so langsam vorankommt, trägt Luther daher auch den Gedanken vor, dass im Interesse der Zukunft der Kinder die Eltern mit sanftem Druck und Zwang zur Beschulung des Nachwuchses gedrängt werden könnten. Dass es noch einige Jahrhunderte dauern sollte (1717/1919), bis sich formal eine Schul- oder Unterrichtspflicht großflächig durchsetzte, zeigt dabei nur, wie weit vorausweisend [Ehre, wem Ehre gebührt] dieser Gedanke damals war.

Schichten- und Ständeübergreifend

Ausdrücklich ist im reformatorischen Bildungsideal eine Durchlässigkeit zwischen sozialen Schichten erwünscht und wird gefördert. Allen Kindern soll ein Schulbesuch ermöglicht werden (ggf. auch durch Ermäßigung oder Erlass von Schulgeldern): Aufstiegsmöglichkeiten und, wir würden heute sagen, „Chancengleichheit“ ganz nach Begabung 11 – trotz damals in vielem festgezurrter „Ständeordnung“.

Da wirst du finden Juristen, Doktoren, Räte, Schreiber, Prediger, die gemeinhin arm und ganz gewiss allesamt Schüler gewesen sind und sich durch die Feder so emporgeschwungen haben undaufgestiegen sind, dass sie Herren sind“. Denn „Gott will's nicht haben, dass geborene Könige, Fürsten, Herren und Adel allein regieren sollen und Herren sein, er will auch seine Bettler dabei haben.“

1 „Von des christlichen Standes Besserung“, 1520. Zu den Bildungsinhalten, die Luther etwa an den Universitäten vorschweben, zählen Poetik und Rhetorik, „daneben hätte man die Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch, die mathematischen Disziplinen, die Historie […]“.

2 Gute Bildung ist demnach wichtiger als manches andere: „Nun liegt einer Stadt Gedeihen nicht alleine darin, dass man große Schätze sammle, feste Mauern, schöne Häuser, viel Büchsen und Harnisch erschaffe [Luther: zeuge]. Ja, wo davon viel ist und tolle Narren darüber kommen, ist [entsteht daraus]ein destoärger und desto größerer [Luther: schlimmer] Schaden für dieselbe Stadt. Sondern das ist einer Stadt bestes und allerreichest Gedeihen, [...] dass sie viele feine gelehrte, vernünftige, ehrbare, wohl erzogene Bürger hat. Die könnten darnach [anschließend, folglich] dann wohl Schätze und alles Gut sammeln, halten und recht gebrauchen.“ (Ratsherrenschrift 1524)

3 Luther nimmt gegenüber den Landesfürsten dabei kein Blatt vor den Mund, die ihm in Sachen Schulpolitik viel zu nachlässig und leichtfertig sind, und formuliert zu den avisierten Schulgründungen freimütig Ermahnungen, wie sie heute gewiss nicht mehr nötig wären: „Nun habe ich droben gesagt [...], Fürsten und Herren solltens tun, aber sie haben aufm Schlitten zu fahren, zu trinken und in der Mummerei [kostbaren Gewandung] zu laufen und sind beladen mit hohen merklichen [d.h. bedeutungsvollen] Geschäften des Kellers, der Küchen und der Kammer.“

4 Luther verwendet dabei inklusive Sprache und schreibt wie selbstverständlich von „Lehrern und Lehrerinnen“, von „Meistern und Meisterinnen“, „die da Sprachen und andere Künste und Historien“ lehren sollen. [„Meyster und Meysterin“] Er schlägt den Ratsherren also die Anstellung von Dorflehrerinnen vor.

5 Man kann dabei auch an die Begriffe Gewissensbildung, Herzensbildung, Medienbildung denken.

6 Hier kann man auch daran erinnern, dass der reformatorische Meditations-Begriff, wie in der großen jüdisch-alttestamentlichen Tradition, textbezogen ist. Es werden primär Texte („das Wort“) meditiert.

7 Gute allgemeine Urteilsfähigkeit hängt, wegen der Bedeutung von Geschichte und Sprachen, wohl auch deshalb immer mit an gut aufgestellten Geisteswissenschaften.

8 „Erstlich sollt die heilige Schrift beide auf Lateinisch, Griechisch, Hebräisch und Deutsch, und ob sie noch in mehr Sprachen wäre, darinnen sein. Darnach die besten Ausleger […]. Darnach solche Bücher, die zu den Sprachen zu lernen dienen, als die Poeten und Oratores [Redner/Redekünstige], nicht angesehen [unabhängig davon], ob Sie Heiden oder Christen wären […]. Denn aus solchen muss man die Grammatik lernen. Darnach sollten sein die Bücher von den freien Künsten und sonst von allen andern Künsten […].“

9 Er kommt dabei auch noch lange vor der klassischen historischen Forschung zu bemerkenswerten form- und gattungsgeschichtlichen Einsichten, z.B. zur poetischen Gestaltung des Hiobbuches.

10 Falls Ihnen – aus welchen Gründen immer – einmal an langen Abenden viel Zeit bleibt, könnten Sie die also zum Beispiel zum Sprachenlernen nutzen, oder um sich lesend in Geschichte zu vertiefen.

11 Die Schrift „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass Sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ von 1524 erschien noch im selben Jahr in 11 Auflagen. Die Schulprojekte und das ev. Schulprogramm hielt Einzug z.B. 1531 in Lübeck, 1528 im damaligen Territorium von Braunschweig(-Wolfenbüttel), im Gebiet von Schleswig-Holstein 1542. In vielen ev.-lutherisch geprägten Gebieten wurde eine Schulpflicht oder Äquivalentes eingeführt: in Württemberg 1559 (für Mädchen: 1649), in Straßburg 1598, in Gotha 1642.

18:42 01.12.2020
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Geschrieben von

m.schuetz

Hobby-Intellektueller, angehender Humorist; twittert hier nicht
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