Von Lutherfest zu Lutherfest

Reformationstag Ein ertragreiches Reformationsjahr 2017 geht zu Ende, und schon stehen die nächsten Feierlichkeiten an.
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Während im Lutherjahr weiterhin zahlreiche Kunstschauen, Reformationskonzerte, Vorträge und Diskussionsrunden in vielen Gemeinden bis in die jetzige Adventszeit hinein stattfinden, während etliche der guten und besseren Ausstellungen erst jetzt zum Winterhalbjahr 2017/18 eröffnet wurden, wie z.B. in Potsdam, Stuttgart oder Jena, und während es sich allmählich anbietet, mit den ersten vorläufigen „Bilanzierungen“ und Rückblicken auf ein in jeder Hinsicht ertragreiches Reformationsgedenken zu beginnen – stehen schon wieder die nächsten großen Luther-Feierlichkeiten an.

Denn nicht nur, dass die Debatte um den bundesweit dauerhaften Reformationsfeiertag weiter an Fahrt aufgenommen hat. Nein, bereits mit dem Weihnachtsfest steht eines der größten „Luther-Feste“ überhaupt in Deutschland vor der Tür.

Weihnachten, ein Luther-Fest

Nur wenige Einzelpersönlichkeiten dürften einen so großen Einfluss auf die heutige Gestalt von Weihnachten genommen haben wie Martin Luther.

Das gilt schon grundlegend für eines der Kernmotive des weltweiten Weihnachtsfests, nämlich schlicht: dass man sich zu Weihnachten Geschenke macht. Denn vor Martin Luther war es eigentlich üblich, zum Nikolaustag die Kinder mit Geschenken zu überraschen. Erst Luther führt das Schenken zu Weihnachten ein. Das „Weihnachtspäckchen“ geht also als Geschenk von Wittenberg in die ganze Welt hinaus(Und das natürlich, nebenbei gesagt, aus wohlüberlegten theologischen Begründungen).

Dass Weihnachten ein Fest des Schenkens, ein Fest der Familie dazuhin, dann auch ein „Fest der Liebe“ neben und im Zusammenhang der kirchlichen Grundbedeutung geworden ist, liegt wesentlich an der Reformation.

Auch der eingängige Grundtext zu Heilig Abend, den viele auswendig im Ohr haben, ist ein Geschenk von Dr. Martin Luther an seine „lieben Deutschen“. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde Die Weihnachtsgeschichte in der Fassung der Lutherübersetzung zählt bis heute für viele zum unverzichtbaren „Inventar“ am Weihnachtsfest.

Und auch viele (Kinder-)Lieder zu Weihnachten stammen vom Reformator selbst, darunter eines der populärsten und am häufigsten gesungenen: „Vom Himmel hoch da komm ich her...“ (Dazu kommen einige weitere Advents- und Weihnachtslieder.)

Schon mit diesen wenigen Skizzenstrichen ist quasi beiläufig belegt, was manche „Kulturbanausen“ im letzten Jahr lieber verdrängen und unterschlagen wollten: Die umfassende, durchschlagende Bedeutung Luthers für unsere gesamte Kultur.

Reformationstag 2017

Das klingt nun vielleicht nach etwas übertriebener Luther-Überhöhung. Doch so Viel muss in unseren Tagen schon sein, wenn man sich anschaut, mit welchen geschichtsvergessenen und kurzatmigen Zeitgenossen man es neuerdings im frühern Land der Denker und der Dichter zu tun haben kann.

Doch ist das vor allem eine „Krise der Eliten“ (Armin Wolf), weniger der übrigen Bevölkerung. Denn wenn man sich das riesige Echo anschaut, das das Reformationsjahr gefunden hat, muss einem um ein respektvolles und würdiges Gedenken der Lebensleistung Luthers und der Errungenschaften der Reformation nicht bange sein. Das kommt im Übrigen auch ohne jede künstliche Überhöhung aus. Das Lebenswerk von Martin Luther hat so viel Substanz, dass sich ein Eindruck von dessen Größe von ganz allein einstellt.

Nichts hat das besser erwiesen als der Reformationstag 2017, an dem in ganz Deutschland die Kirchen „sogar voller waren als an Weihnachten“, wie mancher Journalist erstaunt feststellte. Und zwar in den „Metropolen“ genauso wie in der Provinz. „Ich hatte gedacht, nach einem ganzen Jubeljahr hätten die Leute genug gehört von Luther & Co.“, meinte ein Medienvertreter. Doch am 31. Oktober stand man in und vor den Kirchen dicht gedrängt. (Übrigens ein Wink an die Politik, dass man den Kampagnenmachern in manchen Medien längst nicht so viel Bedeutung zumessen darf oder muss.)

Erste Rückblicke zum Luther-Jahr

Rund 50 000 Einzelveranstaltungen gab es im Lutherjahr 2017. Vermutlich deutlich mehr. Hier einzelne herauszugreifen oder summarisch auf einen Nenner zu bringen, dürfte verwegen sein.

Doch weil allmählich erste belastbare Zahlen eintrudeln und weil bereits die nächsten Ereignisse ihre Sogwirkung entfalten, bleibt nicht viel anderes übrig, als jetzt mit den ersten Rückblicken zu starten. Als Vorbereitung zu solch einer – eher rhapsodischen – Zwischenbilanz hier ein paar aufgespießte Zahlen – weil man sonst mit dem Sammeln der Erträge ja kaum hinterher kommt.

Zum Beispiel könnte und sollte man wohl die eine oder andere Zahl aus der folgenden Übersicht aufgreifen, ein Streifzug quer durch die Formate, mit großen und mit kleinen Highlights:

Übersicht

60 neue Lutherbäume wurden im Rahmen einer Aktion des MDR-Sachsen im Jahr 2017 neu gepflanzt. Der Zuspruch für Baumpatenschaften war vor Ort so groß, dass die Aktion für eine zweite Phase verlängert worden war (und trotzdem nicht alle Interessenten zum Zuge kamen). Insgesamt sind in Sachsen derzeit 276 Lutherbäume bekannt. Ein gutes Beispiel für die breite Verwurzelung der Reformation in der Gesellschaft im wörtlichsten Sinn.

500 neue Lutherbäume mit Paten aus aller Welt stehen bereits im Luthergarten in Wittenberg in Sachsen-Anhalt oder werden dort gepflanzt. Die Paten kommen aus Honkong und Tschechien, aus Chile und Argentinien, aus Kanada, Neuseeland, Südafrika... Ein schönes Symbol für die Internationalität der Reformationsereignisse.

1517 Brass-Ensembles und Posaunenchöre intonierten am Reformationsfeiertag am 31. Oktober Punkt 15.17 Uhr Luther-Choräle auf Marktplätzen und öffentlichen Plätzen in ganz Deutschland. (Vermutlich waren es freilich noch einige mehr.) Heuer wie damals eine kleine musikalische Massenbewegung...

50 000 Einzelveranstaltungen gab es in Städten und Gemeinden (die Zahl ist geschätzt, liegt aber sicher zu niedrig). Davon viele in kirchlicher oder staatlicher Verantwortung, zudem viele aus der weiteren Zivilgesellschaft initiiert. Dadurch wird die Vielfalt des Aspekte der reformatorischen Umwälzungen deutlich, die theologische, allgemeingeschichtliche und politische mitumfasst.

80 000 Exemplare Lutherpass: Der Pass zum Abstempeln (Elbe-Elster-Land) führt den Besitzer zu wichtigen Stätten im „Zweistromland der Reformation“ . Für 2018 ist bereits der „Lutherpass 2.0“ als Fortsetzung angekündigt.

125 000 Stück beträgt die Auflage der Jubiläumsausgabe der Mosaik-Hefte der Abrafaxe mit Abrax, Brabax und Califax, die 2017 ihr Jubiläum zeitgleich und zusammen mit Martin Luther feiern. Auch die Einzelverkäufe und die Abo-Gesamtauflage der Geschichts-Comics konnten dank Luther einen kräftigen Sprung nach oben machen (und verzeichnete nach Verlagsangaben geradezu „fantastische Verkäufe“).

200 000 auf so viele Downloads ist die digitale Verbreitung der App zur Lutherbibel mittlerweile angestiegen (Dezember 2017).

500 000 Besucher haben sich allein im Kulturland Brandenburg zum Themenjahr „WORT & WIRKUNG. Luther und die Reformation in Brandenburg" mit ca. 350 Einzelveranstaltungen eingefunden: Nicht nur in den direkten Stammlanden (Elbe-Elster-Region) war die Reformation 2017 wirkungsvoll präsent.

1 Million Besucher waren allein im Bundesland Sachsen-Anhalt in Ausstellungen rund um das Thema Reformation.

13,5 Millionen Einzelkontakte online über Soziale Medien vermeldete die Deutsche Tourismus Zentrale (DZT) bereits bis August 2017, wohlgemerkt betrifft dies nur bzw. insbesondere Reise- und Tourismus-Inhalte. Die Medienreichweite insgesamt wird mit 50 Millionen Lesern angegeben (ebenfalls bis August 2017). Zum Informationsangebot zählten z.B. „Luther-Routen“ zu wichtigen Stationen der Reformation, 360°-Videos, und interaktive Landkarten.

Da hatten also ein ganzes Jahr lang manche Medien geradezu manisch-verbissen versucht, hier und da an einem Monument zu kratzen – und stellten schließlich am Reformationstag fest, dass das nicht verfängt, dass sich die Leute ihren Luther eben nicht nehmen lassen. Bei einer Umfrage im November 2017 sprachen sich im Anschluss über 80 Prozent für die Einführung des Reformationstages als dauerhaften Feiertag aus (Umfrage in NRW).

Erträge aus dem Lutherjahr

In einem Rückblick auf das Reformationsjahr sollten aus den zahlreichen Erträgen wohl genannt werden:

- der große Schatz für die Ökumene, der mit den Reformationsfeierlichkeiten 2017 erworben wurde. Für das schöne Zieldatum 2030 haben hier manche größere Hoffnungen formuliert. Doch ob schon früher, oder etwas später, ist nicht so wichtig: Es wurde ein fruchtbares interkonfessionelles Gespräch in Gang gesetzt.

- Freilich würde man sich von lutherischer Seite sicher wünschen, dass nach der atmosphärisch positiven Entwicklung, gerade auf Ortsebene, allmählich auf katholischer Seite die Kenntnisse in Reformationsfragen über die pure Notiz davon hinausgehen, dass es da von Wittenberg ausgehend „noch so irgendetwas gibt“… Ein Ertrag von 2017 ist, dass das für einige Bereiche durchaus festzustellen ist. Das darf freilich noch wachsen.

- Ein Rückblick müsste zudem sicher eine Rekapitulation der Seltsamkeiten der öffentlichen Berichterstattung enthalten. Denn einer der weiteren Erträge von 2017 ist, dass wieder einmal in aller wünschenswerten Deutlichkeit zu Tage getreten ist, wie leicht sich die deutsche Medien-Öffentlichkeit durch ungeprüfte Halb-Wahrheiten hinters Licht führen lässt.

- An Einseitigkeiten hat es 2017 in manchen Medien wahrlich nicht gefehlt. Hier ist ein wichtiger Ertrag, dass längst nicht alles davon ernsthaft Folgen hatte. Dass man in Medienberichten noch selber kritisch sortieren muss, hat sich also längst herumgesprochen. Doch ein profunder Rückblick sollte wohl dennoch bereits einen Beginn der Aufarbeitung dieser Einseitigkeiten bieten oder einläuten.

- 2017 war deshalb zudem eine „Stunde des Lokaljournalismus“, weil a) sich viele Regionen in 2017 neu klargemacht haben, wie das eigentlich damals vor 500 Jahren konkret vor Ort vonstatten ging, in den Dörfern und Gemarkungen: warum der eine Ort heute hauptsächlich katholisch geprägt und der andere wenige Kilometer weiter hauptsächlich evangelisch geprägt ist, das konnte für die lokale Presse natürlich spannend sein, und b) weil Lokaljournalisten eben generell doch noch näher an den Lebensrealitäten dran sind als die zum Teil eben doch etwas weltfremd gewordenen Lounge-Redaktionen überregionaler Blätter.

Wink an die Politik: den Medien nicht zu viel Glauben schenken

Das ist, wie gesagt, sicher auch ein Wink an die Politik, dass man die allfällige Meinungsmache in Medien längst nicht so beachten muss: Eigentlich gar nicht, denn meistens ist sie falsch. Der Journalist Hans Leyendecker hat erst dieser Tage wieder darauf hingewiesen, dass sich zum Beispiel in der „Affäre Wulff“ oder beim Germanwings-Absturz 2015 schließlich herausstellte, „dass fast kein Satz gestimmt hat, der dazu geschrieben worden ist.“ Im Lutherjahr war das in mancher Hinsicht ähnlich.

Eine Presse ohne Land – ein Land ohne Presse

Auch in vielen anderen Bereichen hat man den Eindruck, dass sich die Medien von der Wahrheit und von ihren Lesern weitgehend entfernt haben. Eine Presse ohne Land. Und ein Land ohne Presse. Ein trauriger Befund im fünfhundertsten Jahr nach der Reformation und ein weiterer Hinweis, warum das Luther-Gedenken überaus wichtig ist. War es doch mit eines der, jedenfalls gesellschaftlich gesehen, wichtigsten Errungenschaften der Reformation, dass es damals eine kritische Öffentlichkeit gab bzw. eine solche überhaupt erstmalig entstand. (Die Bürger müssen hierzulande eben wieder selber Presse machen.)

500-Jahres-Chronologie

Schließlich und endlich könnte ein Rückblick auf die spannende aktuelle „Gleichzeitigkeit“ der Geschichte einstimmen, die dadurch entsteht, dass sich in nächster Zeit (soz. durch die „immanente Logik des Zeitstrahls“) vergleichsweise häufig weitere wichtige reformationshistorische Ereignisse ebenfalls zum fünfhundertsten Male jähren. Quasi eine zeitversetzte historische Live-Chronologie, ein 500-Jahres-Kalendarium, was wir da ab jetzt durchleben. So fielen zum Beispiel jetzt in diesen Tagen im Dezember vor 500 Jahren wichtige Vorentscheidungen für den gesamten weiteren geschichtlichen Reformationsverlauf… (Meldungen gingen nach Rom. In Wittenberg begann man sich argumentativ zu positionieren.) Spannende Zeiten für alle, die „historische Kalenderblätter“ lieben, hier steht viel Interessantes zu entdecken an.

Ein kleineres Gedenkprogramm plant etwa Heidelberg, wenn sich im April 2018 die folgenreiche Heidelberger Disputation von 1518 zum fünfhundertsten Mal jährt.

Und just in diesen Tagen zwischen November 1517 und Sommer 1518 dürfte sich die berühmte und entscheidende „Reformatorische Wende“ in der theologischen Entwicklung Luthers vollzogen haben. Wer für so etwas empfänglich ist, darf sich dieser Tage also ruhig einen kleinen historischen Schauer über den Rücken jagen lassen.

Doch zurück zu den Vorbereitungen eines ersten Rückblicks auf das Jahr 2017. Was würde in diesen Rückblick noch hineingehören?

Ein Streifzug quer durch die Formate, größere und kleinere Highlights

Im Reformationsjahr gab es große Highlights und kleine, feine Veranstaltungsformate. Gerade schon die pure Masse der Ausstellungen hat viele überrascht. Denn auch abseits der ganz großen Ausstellungen mit deutschlandweiter und internationaler Ausstrahlung (z.B. den vier „Nationalen Sonderausstellungen) gab es zahlreiche Ausstellungen – von denen doch wenigstens einige exemplarisch in einem Rückblick unterkommen sollten.

Leipzig (Sachsen) etwa zog mit allein zwei mittelgroßen Ausstellungen rund 84 000 Besucher an (Michael Triegel: Logos und Bild, 41.000 Besucher, sowie: Gottes Wort und Werk vor Augen, Kunst im Kontext zur Reformation, Grassi-Museum, 43.000Besucher). Nimmt man noch eine dritte Ausstellung hinzu (Luther im Disput. Leipzig und die Folgen), dann sind es in Leipzig über 100 000 Besucher in diesen Ausstellungen(Die Zahlen stammen vom Herbst 2017 und liegen insgesamt mittlerweile höher).

Ähnliches lässt sich aus Thüringen z.B. von vier mittelgroße Ausstellungen mit insgesamt über 50 000 Besuchern berichten: Barfuß ins Himmelreich? Martin Luther und die Bettelordern in Erfurt (16.500); Cranach vor und nach der Reformation (12.000); Luthers ungeliebte Brüder (11.500); Sonderausstellung im Lutherhaus Eisenach zum „Katholischen Blick“ auf Luther (13.500). (Alle Zahlen Stand Anfang Oktober 2017; mit Material von MDR Kultur)

Viele Reformationsausstellungen landauf landab sind noch weiterhin geöffnet, wurden 2017 generalüberholt oder sind neu in Planung.

Worms 2021

Nach einigen Tagen des „Luther-Fastens“ kann es demnächst also munter weitergehen. Der Vorteil: Bei der sich nun Tag für Tag einstellenden 500-Jahres-Chronologie lassen sich Stück für Stück auch viele der 2017 in Umlauf gebrachten historischen Unrichtigkeiten in aller Ruhe ausräumen und korrigieren.

Für 2021 bereitet sich die Stadt Worms bereits mit einem größeren Programm auf den 500. Jahrestag von Luthers Auftritt auf dem Reichstag vor Kaiser Karl V. vor. Es ist zu hoffen, dass bei diesen Feierlichkeiten nicht dieselben Fehler wie in 2017 wiederholt werden.

Mit Material von MDR Kultur
23:27 23.12.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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