Am Fluss entlang

Betrachtung Gedanken zu einer Ausstellung
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt
"Teufelskanzel im Wesenitztal"
Acrylbild von Gudrun Stark

Auf dem feuchten Waldboden sammelt sich der Regen. Er bildet Rinnsale hier, erst eins, dann noch eins. Wenig später versiegen sie. Weiter unten am Berg, zwischen den Granitfelsen, tritt das Wasser als Quelle hervor. Es plätschert über Steine, zwischen dickstämmigen Buchen sucht es sich den Weg zu Tal. Im Unterholz tanzen Schatten, die Blätter spielen mit dem Wind ihr Spiel aus tausend Märchen.

Nach einem Kilometer bereits ist das Wasser ein Bächlein. Silbrig windet es sich zwischen den Wiesen. Kühe grasen an seiner Aue, von Hängebirken bewacht. Unweit des Dorfes spielt ein Kind. Der Junge hat aus Ästen und Zweigen ein Wasserrad gebastelt. Kleine Sperrholztäfelchen übernehmen die Rolle der Schaufeln. In den Augen des Kindes spiegelt sich das Plätschern des Wassers. Die kleine Mühle hat kein Getreide nötig, erzeugt keinen Strom. Hier wird Zeit zu Freude vermahlen.

Später, hinter dem Dorf, ist das Bächlein zum Bach geworden. Er fliest nun, von Mauern umsäumt, neben der alten Staatsstraße her. Eine Brücke mit rostrotem Geländer verbindet beide Ufer. Hier entlang über Holzbohlen gehen die Kinder ihren Weg zu Schule. Zweimal am Tag sieht sie der Bach kommen und gehen. Mal sind die Kinder still, mal eilt ihnen ihre Lebenslust voraus. Ihre Schuhsohlen hinterlassen auf dem feuchten Holz für Sekunden Spuren. So trägt die Brücke die Last unsichtbarer Zeichen vieler Generationen.

Einige andere Bäche, die von den Bergen herunterkommen, vereinigen sich. Kurz vor der Stadt wächst der Bach so zum Flüsschen. Eine Steinbrücke führt eine Fernstraße darüber hinweg. Wo sie können, ziehen die Menschen ihren Nutzen aus dem Wasser. Mitten in der Stadt wird es zum Teich angestaut. Enten und Schwäne bewohnen seine Ufer. Auf der Bank unter der Weide sitzt am Abend ein Paar. Seine Hand berührt ihr Gesicht. Im Schein des vergehenden Sommertages ist viel Hoffnung auf morgen.

Das Flüsschen hat sich Kraft geholt. Es ist erwachsen geworden. Als Fluss verlässt es die Stadt. Zahlreiche Mühlen kann das Wasser nun antreiben. Mit seiner Hilfe wird Strom erzeugt. Wo früher der Müller den Mühlgraben sauber hielt, das Getreide zu Mehl vermahlt hat, summt ein Generator, schicken Turbinen die Wasserkraft als Elektronen in Stromleitungen. In der Mühle werden Menschen nicht mehr ständig gebraucht. Nur ab und an kommt der Wassermüller, prüft, kontrolliert und hält instand.

In Jahrhunderten hat sich der Fluss in den Fels geschnitten. Tropfen fallen von den Gesteinen zu Tal. In den Schlüchten herrscht selbst am Tag Dämmerlicht. Dicht am Ufer verläuft ein Weg. An den Wochenenden wird die Stille vom Lärm der Wanderer vertrieben. Wenn sich erste Frühaufsteher nähern, zerteilt ein Eisvogel als kristallblauer Pfeil die Morgenkühle. Hier am Fluss suchen die Menschen für Stunden, was ihnen die Stadt nicht mehr zu geben vermag, was unerreichbar wurde in ihrem Leben.

Immer mehr Raum nimmt sich nun das Wasser. Über Felsblöcke hinweg ergießt es sich zu Tal. Das Licht der Morgensonne macht aus der Gischt farbige Geister. Auf den Steinen mitten im Fluss sitzt eine Wasseramsel. Sie taucht nach Nahrung. Aber sie nimmt nie mehr, als sie nötig hat. An anderer Stelle fließt das Wasser in ruhiger Bahn, staut sich dann am Wehr der nächsten Mühle, wird am Mühlrad zu Wasserstaub, zu Tropfen, in denen sich die Welt spiegelt.

Das Wasser verlässt das enge Tal, an umgebrochenen Bäumen, morschen Ästen und der Ruine einer einstmaligen Fabrik vorbei. Wenn es zur Ruhe kommt, ist der Himmel in ihm zu sehen. Bald wird der Fluss seine Mündung erreicht haben.

Mit krummem Rücken sitzt ein Angler auf einem Baumstamm, welcher dem letzten Sturm nicht standzuhalten vermochte. Der Alte prüft mit trübem Blick seine Angel, wirft sie noch einmal aus. Er wartet reglos und stumm, denkt dabei an ein Wasserrad, dass er in Kindertagen im Bach drehen ließ. Dabei fällt sein Blick auf drei Blätter, die der Herbstwind von den Bäumen fortriss. Sie treiben auf dem Wasser, ziellos, planlos, leblos. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Anglers. Noch ein paar Wimpernschläge, dann werden die Blätter zusammen mit dem Fluss im großen Strom der Zeit aufgegangen sein.

Beinahe zart schlagen die Wellen an den Strand, über den der Wind hinweggeht, als kenne er ihn nicht.

Die Ausstellung "Entlang der Wesenitz" mit Bildern der Kunstmalerin Gudrun Stark wird am Freitag, den 8. September 2017 um 19 Uhr im Rittersaal von "Schloß Lohmen" (Sachsen) eröffnet und ist bis Jahresende zu den üblichen Öffnungszeiten des Gemeindeamtes zu sehen.

19:29 07.09.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare