Matthias Stark
01.04.2017 | 09:11 1

Buch(ungs)probleme

Verlagssuche Offener Brief an meinen ehemaligen Ministerpräsidenten

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Matthias Stark

Buch(ungs)probleme

Sehr geehrter Herr Prof. Kurt Biedenkopf,

mein Lieblingsfernsehsender MDR strahlte mir kürzlich die Nachricht ins abendliche Wohnzimmer, dass Sie ein Problem mit Ihrem Buchprojekt haben. Sie wollen Ihre Tagebücher aus der Zeit als sächsischer Ministerpräsident veröffentlichen. Das interessiert bestimmt viele Menschen, insbesondere hier in unserem heimatlichen Bundesland, dem Sie so treu und redlich dienten. Umso mehr schmerzt es mich, dass Sie nun offenbar ein echtes Problem an der Backe haben.

Mir ist schon bewusst, dass so manchem Ruheständler die Altersbezüge nicht ausreichen und etwas dazu verdient werden muss. Nicht zuletzt die hervorragende Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte hat dazu beigetragen, dass Altersarmut leider ein Thema in unserem so reichen Land ist. Deshalb verstehe ich auch, dass Sie Ihre Tagebücher nun der Öffentlichkeit in gedruckter Form übergeben wollen.

Da ich selbst Autor bin, weiß ich auch um die Schwierigkeiten bei der Verlagssuche. Man kann da schnell an „Schwarze Schafe“ geraten, an sogenannte Druckkostenzuschussverlage, bei denen der Autor Geld mitbringen muss, wenn er veröffentlichen will. Normalerweise wird ja der Schreiber fürs Schreiben entlohnt, der Verlag zahlt an den Autor. Der Verband deutscher Schriftsteller rät dringend von Druckkostenzuschussverlagen ab.

Ich hätte auch nicht gedacht, dass es ein Problem für Sie ist, einen Verlag zu finden, bei dem Sie kein Geld mitbringen müssen. Bei ihrem Bekanntheitsgrad und Ihrer Beliebtheit in der Bevölkerung kann ich mir gar nicht vorstellen, dass die Verlage nicht Schlange standen. Und umso betroffener macht es mich, dass es nun doch nötig war, dass die sächsische Landesregierung Ihr Buchprojekt offenbar mit 300000 Euro unterstützen musste. Oder kommt das Geld aus Ihrer Partei? Na, egal. Warum, in Teufels Namen, müssen Sie denn Geld mitbringen bei Ihrem Buchprojekt? Jeder ordentliche Autor und Schriftsteller erhält Geld, wenn er Bücher schreibt? Außerdem gibt es heute hervorragende Möglichkeiten, Bücher im Selfpublishing zu veröffentlichen. Dazu sind keine fünfstelligen Eurobeträge nötig, das geht viel preiswerter.

Natürlich ist mir klar, dass die Sachsen Sie gern finanziell unterstützen. Schließlich sind ja schon alle Schulen und Kindergärten saniert, alle Kultureinrichtungen auf Vordermann gebracht, die Krankenhäuser auf dem letzten Stand der Technik und die ganze Infrastruktur, wie Straßen, Brücken und öffentliche Gebäude, sind schick und strahlen ihren Charme in die blühenden Landschaften, welche einer ihrer Parteifreunde den Menschen einst versprach. Deshalb macht es uns auch nichts aus, Ihrem Buchprojekt ein wenig zum Erfolg zu verhelfen. Was sind schon Dreihunderttausend? Man hilft ja gern, wo man kann.

Vielleicht wäre es aber doch gut gewesen, wenn Sie vor Vertragsabschluss den Rat bei einem der vielen Autorenverbände gesucht hätten. Dort gibt es ganz viele Schreibende, die künstlerisch hervorragende Texte produzieren und die niemals in den Genuss einer öffentlichen Förderung kommen werden. Die hätten Ihnen so manchen Tipp geben können, wie man erfolgreich einen Verlag findet, ohne Geld mitbringen zu müssen. Und dass sich Ihr Amtsnachfolger Tillich nun von der ganzen Sache distanziert, ist, gelinde gesagt, geradezu schoflig zu nennen. Ob der vielleicht weiß, dass man als Autor kein Geld für den eigenen Text bezahlt?

Lieber Professor Biedenkopf, ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen: Wenn Sie wieder mal ein Buch schreiben, dann bin ich für ein Drittel des Betrages, also sagen wir mal Einhunderttausend Euro, bereit, einen kleinen Verlag zu gründen und Sie bei der Veröffentlichung zu unterstützen.

Da bin ich völlig uneigennützig, das würde ich gern tun für Sie!

Es grüßt Sie herzlich von Autor zu Autor

Ihr Matthias Stark

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (1)

Ratatörskr 01.04.2017 | 15:27

Na, da muss man ja auch Verständnis haben, ging er doch damals wie alle Arbeitnehmer für 10 % weniger Lohn in den bösen Osten. Und wir müssen noch heute den Soli aus neoliberaler Nächstenliebe aufbringen.

Da waren Merkel und Gauck schlauer. Sie schlossen sich lieber sofort der "freien" neoliberalen Westwirtschaft an und dienten loyal einer wirtschaftskonformen Politik! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Das ist das Märchen vom Gutmenschentum.