Den „Findling“ wiederentdecken

Literatur Nach Jahrzehnten noch aktuell
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Den „Findling“ wiederentdecken
Herbert Jobst (r.) bei der Verleihung des Heinrich-Mann-Preises, mit dem er 1958 ausgezeichnet wurde
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-54074-0001/Wikimedia (CC)

Ich sitze vor meinem Bücherregal, räume auf und um. Da fällt mir ein Buch in die Hände. Auf dem Einband ist das Bündel eines Kleinkindes abgebildet. Ich schlage das Buch auf. Die Titelseite ziert ein Autogramm. „Zur Erinnerung mit herzlichem Gruss Herbert Jobst“ (sic), steht da zu lesen. Das Autogramm stammt aus dem Jahr 1977, das Buch selbst erschien bereits 1957. Ich erinnere mich genau. Es war meine erste Begegnung mit einem „richtigen“ Schriftsteller, dessen Buch „Der Findling“ ich bereits mehrfach und mit viel Vergnügen gelesen hatte. Mein Vater hatte es mir geschenkt. Und als der Autor in meiner Heimatstadt im damaligen Kulturhaus las, wollte ich unbedingt hin. Was er im Einzelnen erzählte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß aber, dass ich begeistert war und als er mir das Buch signierte, war er überrascht, dass ich ihm ein Exemplar der Erstauflage mit Abbildungen, die in späteren Auflagen fehlten, unter die Nase hielt.

Herbert Jobst wurde am 30. Juli 1915 in Neu-Welzow in der Lausitz geboren. Er war der Sohn eines Bergarbeiters. Seine Mutter setzte ihn in Radeberg als Findelkind aus. Deshalb wuchs er bei Pflegeeltern und unter staatlicher „Fürsorge“ in verschiedenen Heimen auf. Diese Erlebnisse vom Kleinkind bis zum jungen Erwachsenen schildert er in jenem ersten Band seiner späteren Romantetralogie, welchen ich mir signieren ließ.

Für mich war das Buch auch deshalb so wertvoll, weil Radeberg meine Heimatstadt ist. Im Roman wird der Ort Rabenberg genannt, das Findelkind heißt Adam Probst und wird in der Ederpromenade von seiner Mutter abgelegt. Die Eder ist im Buch der Fluss, der durch Rabenberg fließt und in Wirklichkeit die Röder ist. Diese literarische Verfremdung hat mich als Jugendlicher magisch angezogen. Viele Orte, die im Buch beschrieben werden, gab oder gibt es wirklich. Das Gasthaus „Gambrinus“ ist mittlerweile geschlossen, der Hungerturm am alten Schloss kann aber noch immer besichtigt werden. Das Rathaus existiert natürlich auch noch und ebenso viele der Gassen, in den sich das Leben des Jungen abspielt. Und von manchem Ladengeschäft weiß man in etwa, wo es sich befand.

Vor dem Hintergrund des sich anbahnenden Hilterfaschismus erlebt der Junge in meiner Heimatstadt die gesellschaftlichen Umbrüche jener Zeit. Und manches im Buch lässt in erschreckender Weise beim Wiederlesen Ähnlichkeiten mit dem Heute erkennen. Längst überwunden Geglaubtes wird zur Realität. So wie damals Schlägertrupps durch die Straßen zogen, erleben wir auch heute mancherorts politische Gesinnungsgewalt. Sichtbar wird, dass sich Geschichte, wenn schon nicht wiederholt, so doch in ähnlichen Bahnen verlaufend, gleicht.

Herbert Jobst fand zur Sozialistischen Arbeiterjugend, wanderte als „Vagabund“ (so der Titel des zweiten Romanteils) durch Österreich, Jugoslawien und Italien, wurde wegen Wehrkraftzersetzung in Deutschland inhaftiert und musste sich im Zweiten Weltkrieg an der Front „bewähren“. Aus Kriegsgefangenschaft zurück, ging er in der frühen DDR zur Wismut, arbeitete dort als Hauer und später, nach seinem Studium an der Bergakademie Freiberg, als Steiger. In der Mitte der Fünfzigerjahre begann er mit ersten Schreibversuchen im Rahmen eines Zirkels schreibender Arbeiter, um dann schließlich Schriftsteller zu werden. Neben Kurzgeschichten und Drehbüchern ist seine Romantetralogie über seine eigene Geschichte das Hauptwerk seines Schaffens. Herbert Jobst starb im Jahr 1990.

Der vierbändige Roman über die aufregenden Stationen seines Jahrhundertlebens, insbesondere aber der erste Teil über die Kindheit in der sächsischen Kleinstadt Radeberg, ist von bleibendem Wert und sollte von Generation zu Generation wiederentdeckt werden. Es lohnt sich!

22:24 26.07.2017
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