Der schnurrige Alte aus Babelsberg

Unvergessen Den populärwissenschaftlichen Schriftsteller Bruno H. Bürgel kennt heute kaum noch jemand. Nur Sternfreunde und Liebhaber seiner Literatur erinnern sich.
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Bruno H. Bürgel (1875-1948)
Federzeichnung von Gudrun Stark

Bürgel wurde 1875 in Berlin geboren. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und von einem Schuhmacherehepaar adoptiert, gelang ihm der Aufstieg zu einem anerkannten und in Fachkreisen geehrten Schriftsteller. Seine Schriften waren vielen Menschen in schwerer Zeit Erbauung und Hilfe. Heute würde man ihn vermutlich zu den Bestsellerautoren zählen. Sein Werk umfasst 22 Bücher, die auch zum Teil im Ausland erschienen sind. Sie zeugen von Fleiß und Beharrlichkeit. Bürgel verstand es, mit einer einfachen und eingängigen Sprache selbst schwierige Sachverhalte darzustellen. Der wichtigste Gegenstand seines Schreibens war die Himmelskunde, aber auch auf andere naturwissenschaftliche Fragestellungen verstand er meisterhaft Antwort zu geben. Darüber hinaus war er ein amüsanter Alltagsphilosoph, der die Schnurren seiner Zeitgenossen aufs Korn zu nehmen wusste. Bruno H. Bürgel stand politisch der SPD nahe und war im Nachkriegsdeutschland Mitbegründer des „Kulturbundes“.

Der Alte aus Babelsberg starb im Juli 1948 in Potsdam. In Deutschland tragen acht Schulen, fünf Sternwarten und achtzehn Straßen seinen Namen. Eine Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus in der Merkurstraße 10 in Potsdam erinnert an den Menschen- und Sternfreund. Sein Credo, „nicht gerecht, sondern gütig zu sein“, hat bis heute seine Gültigkeit nicht verloren.

Um ihn ein wenig dem Vergessenwerden zu entreißen, habe ich Bürgels Schrift „Vom täglichen Ärger“ als Neuauflage herausgegeben. Nachfolgend eine kleine Kostprobe aus diesem kauzigen Büchlein.

Da fällt mir eben ein... Ich muss Ihnen das mitteilen, ehe ich es vergesse! „Sängerin“. Auch so eine Teufelei! Was können so winzige Dinge, wie es die Buchstaben in einem Zeitungsartikel schon sind, für Ärger schaffen! Eines Tages gastiert eine hochberühmte Sängerin an un­serem Theater, eine Walküre, die einen feldmarschmäßig ausgerüsteten Soldaten mit dem rechten Arm hätte emporstemmen können, eine Ma­dame, mit der verheiratet zu sein mir für jemand, der nicht Preisboxer oder Schwerarbeiter ist, untunlich und bedenklich erscheint. Ein gewal­tiger Wogebusen erschien einen Schritt vor ihr selbst, wenn sie aus der Kulisse trat, ein Busen, der hingereicht hätte, sie zur Nährmutter eines ganzen Volkes zu machen.

Am nächsten Morgen begrüßt sie der Re­dakteur für Kunst und Wissenschaft in der Zeitung mit den Worten: „Die größte Säugerin, die je unsere Bretter betrat...“ Was für ein gottverfluchter Druckfehler! Aber eine ganze Stadt bricht in ein kollern­des Gelächter aus, und in der Redaktion, Setzerei und Druckerei entladen sich elementare Gewitter; es kommt zu Beleidigungen, Entlassungen, ein winziger Buchstabe, ein Bleiklümpchen von der Größe eines halben Pfef­ferkorns, richtet Unheil an, unterbricht eine Karriere, stellt das Schick­sal von Familien um! Ein Pünktchen, das auf der Netzhaut unseres Au­ges zu einer untermikroskopischen Winzigkeit wird, ändert unser Denken und Empfinden! Die beiden Sätze: „Hänschen, sagt der Lehrer, ist ein Faulpelz“ und „Hänschen sagt, der Lehrer ist ein Faulpelz“ enthalten die gleichen Worte in gleicher Folge und sagen doch Gegensätzliches aus: ist der eine berechtigte Kritik, so der andere die freche Bemerkung eines Lausbuben. Das aber ist es, was ich sagen will! Winzigkeiten entscheiden über Glück und Unglück in unserem Leben, über Freud und Leid, Ärger und Vergnügen. Bakterien können Elefanten umbringen.

Aus Bruno H. Bürgel „Vom täglichen Ärger“, herausgegeben von Matthias Stark,
ISBN 978-3-7528-6643-8

19:41 08.08.2018
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