Egoismus

Literatur Ein Romanauszug
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Wind ist aufgekommen, das Boot ist weit hinausgetrieben, es wirkt verloren. Die Wellen lassen es heftig schaukeln. Der hohe Nachmittag ist heran und Alfred will zurück an Land. Während Stefan kräftig rudert, erinnert sich der Alte. „Dein Vater hat‘s mir nie leicht gemacht. Der war immer schon kritisch, mit sich, aber auch mit den anderen.“ Ruderschlag um Ruderschlag, das Boot giert, die Wellen glucksen an die Bordwand.

Silberlicht liegt über dem Wasser. In der Ferne ist das Ufer zu erkennen, ein paar Badegäste bevölkern den Strand. „Hat Dir mein Sohn eigentlich jemals davon erzählt, was er während seiner Armeezeit auf Rügen erlebt hat?“ Alfred richtet die Frage unvermittelt an Stefan. „Nö, nie.“ „Na, vielleicht tut er’s ja eines Tages mal. War schon einschneidend damals, für ihn und auch für mich.“

Langsam wird die Düne größer, Stefan rudert kräftig. Der Alte schaut auf seinen Enkel. Es sind diese Stunden, die in Erinnerung bleiben werden bei dem Jungen. Viel zu oft im Leben interessieren wir uns nicht für den Anderen, sein Woher und Wohin, seine Beweggründe für Getanes und Unterlassenes. Alfred möchte Stefan noch viel mit auf den Weg geben, möchte Verstehen säen, wo bisher Unverständnis wucherte. Er möchte seinem Enkel erklären, was ihn bewog, sich im kleinen Ländchen zu engagieren und vor allem, warum es schief ging mit dem Experiment.

„Weißt Du …“, sagt er plötzlich und Stefan sieht ihm an, dass er aus einem tiefen Gedanken heraus spricht. „Weißt Du, woran die ganze DDR letztlich gescheitert ist?“ Der Enkel zuckt mit den Schultern und konzentriert sich ganz aufs Rudern. „Sie is einzig und allein am Egoismus gescheitert. Sowohl dem der Regierten wie auch dem der Regierenden. Die einen wollten alles Materielle haben wie im Westen, und die anderen och. Und nur die, die sich selbst in Wandlitz einsperrten, konnten sich‘s besorgen.“ Und nach einer Weile des Schweigens fügt er leise hinzu: „Egoismus ist eine Krankheit, aus der alles andere kommt. Machtstreben, Geldgier, Hass, alles.“

Stefan hält im Rudern inne. „Glaubst Du das, Großvater? Sind nicht alle Menschen auf ihre Art egoistisch?“ Alfred nimmt seine zitternde Hand vom Bootsrand und lässt sie sanft ins Wasser gleiten. Das Nass spritzt auf die Unterarme, der alte Mann genießt es. „Vielleicht sind sie es, der eine mehr, der andere weniger. Wir glaubten damals, wir könnten uns die Menschen nach unseren Vorstellungen backen, das ging eben schief.“ Alfred richtete den Daumen nach oben. „Und die da oben waren keinen Deut besser, keinen. Vielleicht kann es Gerechtigkeit auch gar nicht geben, solange der Egoismus unter uns ist. Und das is er ja offenbar noch ne Weile.“ Stefan rudert weiter. Mit kräftigen Zügen der Ruder erreichen sie am späten Nachmittag den kleinen Hafen wieder.

Am Abend dann ist der Himmel ohne Wolken. In voller Klarheit stehen die Sterne über der See und dem Achterwasser. Letzte Möwen schreien in die Dunkelheit. Die Brandung ist von fern zu hören. In immer gleicher Weise, so scheint es, wirft sich das Meer auf den Strand, wird von unbekannter Hand zurückgezogen und wirft sich wieder darauf. Ständiges Kommen und Gehen, Auf und Ab, Einatmen und Ausatmen. So ist das Leben, denkt Alfred. Nie bleibt etwas gleich, Veränderung über Veränderung, Pulsschlag um Pulsschlag, Welle um Welle. So ist das Leben!

Auszug aus Kapitel 11 meines Romans „Niemandsland Prora“,
ISBN 9783746037998.

Buchpräsentation und Lesung mit musikalischer Umrahmung durch Jens Opitz mit seiner Gitarre am 30. Mai 2018, 19:30 Uhr in der Buchhandlung Heinrich in Bischofswerda.

17:27 22.05.2018
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