Matthias Stark
02.05.2017 | 19:19 2

Esau, Matthes Kulka und das Pferd Heidi

Erinnerung Matinee für Eva und Erwin Strittmatter

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Matthias Stark

Eingebetteter MedieninhaltMichael Becker, Matthias Stark, Dr. Knut Strittmatter, Renate Brucke und Oliver Breite auf der Bühne der Theaterscheune Cottbus-Ströbitz (v.l.n.r.) Foto: Sebastian Stark

Der Schriftsteller Bruno H. Bürgel schrieb einmal: „Der Mensch stirbt zweimal! Das erste Mal scheidet er aus dem Kreise der Lebendigen, das ist, wann man lange gelebt hat und sozusagen alles in der Welt kennen lernte, weiter kein Unglück. Das zweite Mal aber und gewissermaßen endgültig stirbt man, wenn man aus dem Gedächtnis seiner Angehörigen, seiner Freunde, der Öffentlichkeit entschwunden ist, als hätte man nie gelebt.“

Mit diesem Maßstab gemessen, sind die beiden Großen der ostdeutschen Literatur, Eva und Erwin Strittmatter, mitten unter uns. Ihnen war eine Matinee-Veranstaltung in der ausverkauften Theaterscheune Cottbus-Ströbitz gewidmet. Etwa einhundertdreißig Zuschauer waren gekommen, um der Vorstellung des Buches „Von Bohsdorf nach Schulzenhof“ beizuwohnen. In diesem Büchlein, das die Vorsitzende des Erwin-Strittmatter-Vereins, Renate Brucke und ich zum 20. Jubiläum der Vereinsgründung herausgegeben haben, kommen Freunde und Leser der beiden Literaten zu Wort. Sie berichten darin über die direkte Begegnung mit den Schriftstellern oder die indirekte über ihre Literatur. In teilweise berührenden Texten schildern über dreißig Autoren, welche Wirkung die Romane, Erzählungen und Gedichte der Strittmatters auf ihr Leben hatte und hat.

Zur Matinee in Cottbus waren auch die Schauspieler Michael Becker und Oliver Breite gekommen. Micha Becker spielte vor einiger Zeit den Großvater Kulka in der Laden-Inszenierung am Cottbusser Staatstheater, Oliver Breite gab der Hauptperson Esau Matt in derselben Inszenierung Gestalt und Stimme. Im Buch werden beide Schauspieler als Interview-Partner zu diesen Arbeiten befragt. Für Michael Becker war es eine prägende und wichtige Rolle, den alten, weisen Mann Matthes Kulka aus der Lausitz darzustellen. Es war einer der Höhepunkte seiner Karriere, wie Micha Becker zugibt, es war für ihn quasi der „König Lear der Lausitz“. Oliver Breite wiederum fand die Herausforderung spannend, den Sohn der Ladenbesitzer und alter Ego Erwin Strittmatters in drei verschiedenen Lebensaltern zu verkörpern. Als gestandener Schauspieler spielte er das Kind, den Jugendlichen und den erwachsenen Esau mit tiefer Glaubwürdigkeit. Oliver Breite erzählte dem Publikum aber auch von Heidi, einem „richtigen“ Pferd, dem es auf der Bühne nicht schnell genug ging mit dem Lockmittel Zucker und das die Schauspieler während der Vorstellungen deshalb anstupste. Die Inszenierung des Romans „Der Laden“ war vielen Matinee-Besuchern noch in lebendiger Erinnerung.

Zweifelloser Höhepunkt war die Teilnahme von Dr. Knut Strittmatter, eines Sohnes von Erwin Strittmatter aus erster Ehe mit der „Heckenbraunelle“, an die sich Strittmatter-Kenner vielleicht erinnern werden, wenn sie an die Nachtigall-Geschichten zurückdenken. Knut Strittmatter erzählte aus seinen Erinnerungen an Vater Erwin, schilderte Begegnungen mit Schriftstellern und Künstlern und berichtete, wie manches wirklich war bei den Strittmatters in Bossdom und Schulzenhof. Kritisch betrachtete er die veröffentlichten Lebenserinnerungen seines Halbbruders Erwin Berner, die seinen Vater und dessen dritte Frau Eva in teilweise schlechtes Licht rücken und der Wirklichkeit nicht in jedem Falle gerecht werden. Als direkter Zeitzeuge und Sohn von Erwin Strittmatter verstand es Dr. Knut Strittmatter sehr gut, Widerfahrenes im Kontext zu Persönlichkeit und Werk seines Vaters darzulegen.

An der Seite von Oliver Breite, Michael Becker und Dr. Knut Strittmatter erlebten Renate Brucke und ich als die „Macher“ des Buches ein sehr, sehr dankbares Cottbusser Publikum, das fast zwei Stunden lang den Anekdoten, Gedichten, Geschichten und Interviews aufmerksam folgte.

Und wie uns von manchem Besucher zugeraunt wurde, hätte das Publikum gegen eine weitere Matinee nichts einzuwenden. Schauen wir mal …

Zum Buch:
Renate Brucke und Matthias Stark (Hrsg.) „Von Bohsdorf nach Schulzenhof – Auf den Spuren von Eva und Erwin Strittmatter“,

SEW-Verlag Dresden 2016, ISBN 978-3-936203-28-8

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (2)

poor on ruhr 03.05.2017 | 05:28

Als einer aus dem Ruhrgebiet ist mir leider Vieles aus der Kultur der DDR-Zeit nicht so vertraut. Ich finde es aber wichtig, dass das was Sie hier beschrieben haben nicht verloren geht. Auch die Kulturgeschichte der DDR-Zeit sollte unbedingt nicht vergessen werden. Vieles Mentalitaetsunterschiede zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands wird sonst nie richtig verstanden. Mit dem Pferd Heidi habe ich mich jedenfalls schon beim Lesen des Artikel angefreundet.

Matthias Stark 04.05.2017 | 08:53

Vielen Dank, da bin ich ganz bei Ihnen. Beide Teile Deutschland hatten und haben Wesentliches zur Kultur beizutragen und die Beschäftigung damit erleichtert das gegenseitige Verstehen, auch und gerade für Jüngere, die die Teilung nicht mehr selbst erlebt haben.

Es gibt eben z.B. jenseits der gängigen Klischees eine erhaltens- und erinnerungswerte Literatur, die von den Absichten aber auch den Irrungen der gesellschaftlichen Entwicklung kündet. Daraus können wir noch heute lernen.