Glücksache Gesundheit

Das symptomatische System Wie aus Routine ein Notfall wurde
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Eine Frau geht in Vorbereitung einer geplanten OP zu einem Arztgespräch. Im Verlauf des Gesprächs wird der Frau mitgeteilt, dass im Anschluss noch eine Blutabnahme stattfinden soll. Da die Frau einen Port besitzt, wird das Blut aus diesem entnommen. Standardmäßig erfolgt danach eine Portspülung mit Kochsalzlösung. Bis hierher ist alles Routine. Aber anstatt Kochsalzlösung verwendet die mit der Blutentnahme beauftragte Schwester das Betäubungsmittel Xylocain, die Frau fällt in Ohnmacht und findet sich auf der Intensivstation wieder. Mehrere Ärzte bemühen sich um sie. Die Angelegenheit geht glimpflich aus, nach einer Stunde kann die Frau nach Hause entlassen werden. Die Schwester entschuldigt sich mehrfach für das Versehen.

So geschehen in einer großen deutschen Klinik, keinem Provinzkrankenhaus. Was sagt das aus über unser Gesundheitssystem? Ist es Glück, mit heiler Haut ein Krankenhaus zu verlassen? Oder dass Fehler passieren? Natürlich passieren die, wo auch immer Menschen arbeiten, ganz zweifellos. Nach meinem Eindruck haben wir es hier aber auch mit einem grundlegenden Systemfehler zu tun. Überlastete Ärzte, Schwestern und Pfleger, die teilweise in 24-Stunden-Schichten arbeiten müssen, geben ihr Bestes. Dazu kommt eine steigende Patientenzahl, Notfälle und damit ein permanenter Druck, der auf allen Beteiligten lastet. Kaum ein Arztgespräch vergeht, ohne dass es von einem oder mehreren Telefonanrufen unterbrochen wird, der Arzt sich zwischendurch mit einem anderen Fall als dem des vor ihm sitzenden Patienten beschäftigen muss. Einerseits macht die Medizin enorme Fortschritte, können heute Krankheiten behandelt, Symptome gelindert werden, die noch vor einigen Jahren unweigerlich zum Tod führten. Andererseits führt der enorme Kostendruck dazu, Personal einzusparen und dadurch Patienten oft wochen- oder monatelang auf Termine warten zu lassen. Jede Autowerkstatt hat eher Kapazitäten frei, jeder Klempner hilft schneller als ein (Fach-)Arzt bei nicht akuten Problemen Termine zur Verfügung hat. Die Folge des Ganzen ist Überlastung und Überforderung, daraus resultierend manchmal Unfreundlichkeit des Personals und letztlich auch Behandlungsfehler.

Ständige Überforderung ist nicht nur für das beteiligte Personal ein Problem sein, darunter haben vor allem die Patienten zu leiden. Leider entscheiden in immer stärkeren Maße nicht Mediziner aus fachlicher Sicht über Personalstärke und Abläufe sondern Kaufleute aus finanziellen Erwägungen heraus. Das macht eines ganz sicher: unser Gesundheitssystem krank. Gerade das Gesundheitssystem sollte ein Bereich sein, der aus der permanenten Ökonomisierung unseres Lebens ausgenommen sein müsste. Es geht hier letztlich um Menschenleben! Eine wahrhaft humanistische Gesellschaft sollte sich ein Gesundheitswesen leisten, dass unter keinen Umständen auf Geld schielt, sondern nur eines in den Mittelpunkt stellt: den Patienten. Und was kann der tun? Nun, sein Beitrag ist klein aber gewichtig: er sollte beispielsweise nicht wegen Banalitäten die Notaufnahmen verstopfen, was gelegentlich ja vorkommt.

Dass wir vom Ideal weit entfernt zu sein scheinen, weiß jeder, der schon einmal zu einem Klinikaufenthalt gezwungen war. Ich persönlich ziehe meinen Hut und verneige mich tief vor der medizinischen Leistung unserer Ärzte. Diese kann aber immer nur so gut sein, wie es die Umstände zulassen. Und die wiederum sind dringend zu überdenken, zum Wohl der Patienten und damit zu unser aller Gesundheit.

07:45 03.08.2016
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