Herr S. wundert sich

Gegensätzliches Von einem, der das Lieben zu lernen hat
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Herr S. hatte keine Wahl, er wurde in der DDR geboren. In diesem, mittlerweile lange untergegangenen, Ländchen westlich von Polen lernte er schon früh das Lieben. Als kleiner Junge liebte er freiwillig Pittiplatsch und Meister Nadelöhr. Später dann glich das Liebeswerben in der Kinderorganisation der Heiligen Dreifaltigkeit: ihm wurde per Pioniergelöbnis die Liebe zur DDR, zu den Eltern und zum Frieden abgenötigt. Er gelobte es und liebte dann doch, was er mochte. Wobei die letztere Liebe zum Frieden ehrlich sein Herz gefangen nahm und ihn zeitlebens begleitete, nie wieder Krieg wurde sein Credo.

Ein Zeitchen drauf verlangte man von ihm, die Sowjetunion zu lieben. Ein ganzes, riesiges Land war er gehalten, in sein Herz schließen. Das gelang Herrn S. nie, so sehr er sich auch bemühte. Er fand die russische Sprache schwer erlernbar, verstand die russische Mentalität wenig und langweilte sich schrecklich bei den russischen, vornehmlich preisgekrönten Filmen, die im zweiten Programm des damaligen Fernsehens liefen.

Mit zunehmendem Alter füllte sich auch bei Herrn S. jenes Gefäß, in welchem man gewöhnlich das sammelt, was Erfahrung genannt wird. Liebe und Zuneigung müssen wachsen, von innen kommen und werden weder durch Gelöbnis, Schwur oder Erziehung herbeigerufen. Und wenn Herr S. nicht die DDR lieben lernte und schon gar nicht das Riesenreich Sowjetunion lieben konnte, so liebte er doch seine Heimat, die unmittelbare Landschaft im Wohnumfeld samt ihren Menschen, Gepflogenheiten, Sitten und Schnurren.

Dann kam mit einem Paukenschlag das, was heute als Wende, von manchem aber als Rolle rückwärts, bezeichnet wird. Alles wurde anders. Jetzt sollte Herr S. zwar weniger lieben, aber es wurde ihm nahegelegt, wenigstens seine unverbrüchliche Zuneigung zeigen, und zwar zu seinem neuen Betrieb, der jetzt Arbeitgeber hieß. Kritik an dem galt als unerwünscht und wurde gegebenenfalls mit Kündigung belangt. Loyalität hieß das, was man erwartete.

Herr S. durfte jetzt öffentlich fast alles sagen, was er früher kaum zu denken wagte, merkte aber recht schnell, dass er so gut wie nichts damit erreichte. Eines hatte er allerdings nie verloren: die Liebe zum Frieden. So wunderte er sich, als Soldaten seines Landes plötzlich in Auslandseinsätze geschickt wurden und mancher in einem Sarg zurückkam. Er staunte, dass er persönlich samt seinen Mitbürgern am Hindukusch und sonst wo noch verteidigt wurde, obwohl er nie dort war. Und weit mehr wunderte sich Herr S., als er hörte, dass sein neues wiedervereintes Land Rüstungsexporte im Wert von drei bis fünf Milliarden Euronen jährlich tätigt.

Und als dann ausreichend Waffen in der Welt und eine stattliche Anzahl Kämpfer in neuen Feldzügen rund um den Erdball im Einsatz waren, da kamen Flüchtlinge in sein Land, die vor eben diesen Waffen flohen. Und die Mächtigen seines Landes forderten wieder einmal Verständnis. Er möge die ihm nahezu unbekannte Kultur der Fremden lieben, sie als Bereicherung für sein eigenes Leben betrachten. Aber wie vermag er das Entkommen vor Krieg als Bereicherung empfinden? Er verstand den Grund ihrer Flucht gut. Lieber aber hätte Herr S. die Waffenlieferungen gestoppt. Das aber lag nicht in seiner Macht.

Für Herrn S. ist eines offensichtlich: Jede Gewalt gebiert neue Gewalt, jeder Kampf fordert Gegenwehr, jede Demonstration führt zu einer Gegendemonstration, jede gebaute Waffe erzeugt eine neue Fluchtursache und jeder, der vor Krieg und Tod zu flüchten gezwungen ist, macht einen weiteren Schritt weg von Humanismus und Frieden.

Und Herr S. liebt den Frieden, wie wir wissen. Leider liebt ihn das System nicht, in dem Herr S. seit der Rolle rückwärts zu leben hat.

19:25 13.09.2018
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