Jenseits des Alltags

Gedanken Warum wir die Kunst brauchen
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Im flackernden Schummer von Talglichtern legte einst ein bärtig-zotteliger Vorfahre von uns seine Hand an die Wand der Felsenhöhle, die ihm Wohnstatt und Zuflucht war. Die Umrisse der Hand versuchte er unter Zuhilfenahme einer Mischung aus Holzkohle und Rötel nachzubilden. Mit einiger Mühe entstand so das erste Abbild aus der Natur, ein schöpferischer Akt und der Beginn eines Weges, welcher bis in die heutige Zeit reicht.

Als der erste kindliche Mensch damit begann, mit einfachsten Mitteln Zeichnungen und Bilder an die Höhlenwände zu malen, war das eine der Geburtsstunden der Kunst. Es war der Moment, in dem sich der Mensch über die Dinge des Alltags stellte, jener Dinge also, die ihm die Lebensgrundlagen zu sichern vermochte. Die Kunst erhob den Menschen aus dem Reich des Elementaren in das Reich der Phantasie.

Seitdem haben abertausende Künstler ihre Spuren hinterlassen. Nicht nur die bildende Kunst, auch die darstellende sowie die Musik und die Literatur haben einen atemberaubenden Entwicklungsweg hinter sich. Kunstwerke können gleichsam als Wegmarken gelten, welche die Menschen zu setzten imstande waren. Noch nach Jahrhunderten werden diese Zeichen entschlüsselt und die Botschaften verstanden. Das macht die Kunst zu einer ganz eigenen Form der Kommunikation über Generationen hinweg.

Unser heutiges Leben stellt sich oft als Abfolge von Verpflichtungen dar, die uns, oftmals fremdbestimmt, Lebenskraft und Lebenszeit kosten. Wir haben das Gefühl, in einem Alltag gefangen zu sein, der sich unserer Kontrolle allzu oft zu entziehen scheint. Unser tägliches Tun pendelt zwischen beruflichen Verpflichtungen und privatem Wollen. Allzu sehr sind wir damit beschäftigt, nach den Vorstellungen anderer zu leben, als nach den eigenen.

Die Kunst ist jedoch einer jener Bereiche, der uns aus dem Alltag herauszuheben vermag. Betrachten wir ein Bild, lesen ein Buch, hören Musik oder sehen ein Theaterstück, so werden wir gefordert, mit diesem schöpferischen Werk Zwiesprache zu halten, uns auseinanderzusetzen. Wir reflektieren, werten und analysieren. Die Kunst vermag uns den Weg vom Menschlichen hin zum Göttlichen zu weisen, ohne dass wir dieses je erreichen können.

Dabei wird es der Kunst nie gelingen, das Wesen des Menschen selbst zu ändern. Was gelingen kann, ist, Anstöße zu geben, Halt zu bieten und das Leben zu spiegeln. Das beste Kunstwerk ist wohl jenes, aus dem sich sein Schöpfer ganz herausgelöst hat, er verschwunden ist hinter dem, was uns berührt, fesselt und zum Denken anregt. Die Kunst hebt, neben der Wissenschaft, den Menschen aus dem Tierreich heraus. Die Fähigkeit, Dinge auf die eine oder andere Weise zu hinterfragen, ist die Basis, auf der unsere Kultur ruht.

Während Wissenschaftler aber versuchen, die Welt mit dem Verstand zu analysieren, sie in der Sprache der Mathematik zu befragen, tun Künstler dies auf subtil andere Weise. Wohl befragen auch sie die Welt, tun das aber mit dem Gefühl. Und die Welt antwortet ihnen mit einem bunten Blumenstrauß an Bildern, Worten und Metaphern. Beides, Verstand und Gefühl, sind wichtig und ergeben erst gemeinsam ein Bild der Welt, ein „Weltbild“ im wahrsten Wortsinn.

In einer Gesellschaft, die allein auf der Basis pekuniärer Berechenbarkeit existiert, ist die Kunst eine der wenigen Möglichkeiten, der geistigen Verarmung etwas entgegenzusetzen. In fast allen Lebensbereichen haben sogenannte „ökonomische Zwänge“ Einzug gehalten. Die Grundfrage allen Seins ist heute, ob es sich „rechnet“. Das Dinge etwa schön, voller Anmut, hässlich oder abstoßend sein können, spielt kaum oder gar keine Rolle.

Zum sinnlichen Begreifen der Welt haben wir heute die Kunst nötiger denn je.

08:54 06.04.2018
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