Meine Sommerbücher

Gelesen Der Sommer ist eine Zeit fürs Faulenzen und damit auch zum Lesen. Gerade in einem Jahr, in dem die Hitze uns zur Untätigkeit, zum Sitzen, Liegen und Nichtstun verurteilt.
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Ich hatte schon von ihm gehört, seine Lieder waren mir aber nicht (mehr) geläufig. So traf mich die persönliche Neu- bzw. Wiederentdeckung von Gerhard Gundermann wie ein Blitz, berührte mich tief und ließ mich seine Musik als kleine Offenbarung wahrnehmen. Der Kerl hat uns allen was zu sagen, auch in der heutigen Zeit. Woher weiß der musizierende Baggerfahrer das von mir, frage ich mich beim Hören seiner Musik.

Der Journalist Hans-Dieter Schütt führte mit Gerhard Gundermann mehrere Gespräche. Diese sind nun in einer Neuauflage unter dem Titel „Tankstelle für Verlierer“ erschienen. Absolut lesenswert! Ich konnte das Büchlein kaum aus der Hand legen. Wenn Gundi, wie ihn seine Freunde nennen, sagt: „Wenn es Leuten so schlecht geht, dass sie ihr Land verlassen, ist das böse. Wenn sie aber alle zu uns kommen, wird das auch böse. Man muss Menschen dort helfen, wo sie leben. Das ist die Art Hilfe, bei der ein Einzelner nichts ausrichten kann. Da muss der Staat ran. Und ich bemesse eine Gesellschaft schon daran, wie sie das Problem regelt.“ oder „Es geht ja im übrigen nicht gegen Leute, es geht gegen Strukturen. Kapitalismus ist doch kein Fettsack mit Zylinder, sondern ein Prinzip. Das kann man doch abschaffen. Nicht Kopf ab, sondern Geld weg.“ dann ist er aktueller denn je, dann ist er nicht gestorben, lebt er mitten unter uns weiter!

Gerhard Gundermann wurde 1955 geboren, zog als Zwölfjähriger in die Lausitz und verkörperte in seiner Person die ganze Zerrissenheit, derer ein ehemaliger DDR-Bürger fähig gewesen war. Er war Offiziersschüler und wurde rausgeworfen, er war IM bei der Stasi und schrieb zunehmend wenig brauchbare Berichte, er war Mitglied der SED und flog aus der Partei, er war im besten Sinne des Wortes ein Arbeiter, war Baggerfahrer im Tagebau und blieb es, als er sich schon als Künstler etabliert hatte. Er sang politische Songs auch in Nachwendezeiten, war Liedermacher, ein Poet an der Gitarre und starb mit nur 43 Jahren im Juni 1998. Ein Film von Andreas Dresen aus Anlass des 20. Todestages gedreht, erinnert demnächst an den Musiker.

„Woran glaubt ein Atheist“ fragt der französische Philosoph André Comte-Sponville in seinem gleichnamigen Buch. Er geht der Frage auf den Grund, ob und wie die „Ungläubigen“ Wert- und Moralvorstellungen entwickeln. Dabei schöpft der 1952 geborene Autor aus dem Vollen des persönlichen Lebens, wuchs er doch mit katholischen Wurzeln auf und entwickelte sich erst unter Benutzung des eigenen Verstandes zum Atheisten. Er kommt zu einem interessanten Schluss: „Eine Gesellschaft kann sehr wohl auf Religion im westlichen, beschränkten Verständnis des Wortes (als Glauben an einen personalen Schöpfergott) verzichten; sie könnte auch auf das Heilige oder Übernatürliche (Religion im weiteren Sinne) verzichten; aber auf Kommunion und Bekenntnis kann sie nicht verzichten.“ Er versteht dabei Ersteres als Gemeinschaft der Menschen und Letzteres als das Bekennen zu den humanistischen Werten der Aufklärung. Nur selten wird Comte-Sponville sarkastisch, etwa wenn er feststellt: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, lesen wir in der Genesis. Kommen einem da nicht Zweifel am Original? Die Abstammung des Menschen vom Affen scheint mir viel besser vorstellbar, eher originalgetreu.“ Ein sehr zu empfehlendes Buch.

Was würden Tote aufschreiben, wenn sie über ihr vergangenes Leben reflektierend nachdenken könnten? Den Versuch einer Vermutung darüber unternimmt Robert Seethaler in seinem Buch „Das Feld“. Die Einwohner des fiktiven Städtchens Paulstadt liegen alle bereits auf dem Friedhof, erzählen aber teils wortkarg, teils einfühlsam und teils ausführlich von ihrem irdischen Dasein, von Irrtum und Verzweiflung, Liebe und Hass, von Gewöhnung und Neubeginn und von all den anderen (Un)-Möglichkeiten zwischenmenschlicher Probleme. Ein nachdenkliches Buch, welches die noch Lebenden mahnt, ihre Gewohnheiten, Wünsche und Ansichten zu hinterfragen. Sehr zu empfehlen für alle, die noch ein wenig weiterzuleben gedenken. Der Österreicher Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, legt mit diesem Buch ein großes Stück moderne Literatur vor. Seethaler lässt einen seiner Protagonisten sagen: „Die Schönheit der Schmetterlinge braucht keinen Gott. Es gibt sie ja wirklich.“

Das ist wahre Poesie. Die kurzen Sommernächte laden förmlich ein, sie zu genießen.

Hans-Dieter Schütt „Tankstelle für Verlierer. Gespräche mit Gerhard Gundermann. Eine Erinnerung“
Dietz Verlag Berlin, ISBN 978-3320023522

André Comte-Sponville „Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott“
Diogenes-Verlag, ISBN 978-3257240276

Robert Seethaler „Das Feld“
Hanser-Verlag, ISBN 978-3446260382

22:22 15.08.2018
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