Novembergedanken

Unabdingbar Wenn die Abende früher eindunkeln, ist es Zeit fürs Zurückschauen
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An den Buchen und Eichen färben sich die letzten Blätter gelb, manche sind gar schon vollkommen braun. Der Herbst hat Einzug gehalten und mit ihm die früh hereinbrechende Dämmerung. Melancholische Stimmung, wir denken zurück an Erlebtes und Gewesenes. Was prägte uns, was haben wir von ganz besonderen Menschen mit auf den Lebensweg bekommen? An wen richten sich unsere Gedanken in diesen Dunkelstunden?

Da sind zunächst die Eltern, denen wir einiges zu danken haben. Nicht zuletzt waren sie es, die uns ins Leben stießen. Doch spätestens in der pubertären Jugendzeit lösen wir uns von den Vorstellungen und Werten der Alten, stellen eigene Regeln auf, die sich später dann oft als wenig haltbar herausstellen.
Es gibt aber Personen, die uns im ersten Lebensjahrzehnt etwas vermitteln, was wir für den Rest des Erdendaseins nicht mehr missen möchten. Diese Menschen vergessen wir oft zu schnell oder denken an sie nicht in gebührendem Maß. Ich meine unsere Lehrer, insbesondere die, welche uns in den ersten Schuljahren Wesentliches zu vermitteln suchten.

Meine Grundschullehrerin war Frau W. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich Lesen und Schreiben lernte. Die Fähigkeit, selbst lesend die Welt zu erkunden und sie schreibend zu meistern, verdanke ich der umsichtigen und einfühlenden Art dieser Lehrerin. Wir halten es für eine Selbstverständlichkeit, zu lesen und zu schreiben. Obwohl Deutschland zu fast einhundert Prozent als alphabetisiert gilt, leben hier etwa fünf Millionen Menschen, die nur einzelne, kurze Sätze zu lesen und zu schreiben imstande sind. Bis zu 300000 Deutsche scheitern selbst an elementaren Worten. Dieser funktionale Analphabetismus ist für die Betroffenen ein Problem, unsere Gesellschaft benötigt die Schrift als Basis von Informationsübermittlung.

In der Rückschau ist es das Erlernen von Lesen und Schreiben gewesen, das mir den Zugang zu allem geschaffen hat, was mich interessiert. Es ist die absolute Grundlage für den Erwerb von Wissen und Bildung gewesen und damit letztlich für gesellschaftliche Teilhabe. Selbst dann, wenn Menschen nach Schulausbildung und Lehre nie wieder ein Buch in die Hand nähmen, besitzen sie doch die Fähigkeit dazu. Insbesondere das Lesen ist für das Funktionieren unserer modernen Welt unabdingbar. Bildung ist weit mehr als Wissen. Um sie zu erlangen, ist Lesen eine wesentliche Voraussetzung. Nur dadurch werden Zusammenhänge deutlich, Bezüge stellen sich her und der Schleier des Unwissens lüftet sich ein wenig. Nicht lesen zu können lässt uns die Welt wie durch Milchglas sehen.

Ich erinnere mich daran, das Lesen sofort als eine Bereicherung empfunden zu haben. Schon bald nach seinem Erlernen war ich ohne Buch nicht mehr denkbar. Ich wurde zum Bücherwurm. Das geschriebene Wort eröffnete mir eine neue Welt. Ich erkundete lesend die Welt, wandelte durch Raum und Zeit, hielt Zwiesprache mit längst verstorbenen Autoren und erlebte Abenteuer, die ich im wahren Leben nie würde bestehen. Das damit einhergehende Erlernen des Schreibens verschaffte mir die Möglichkeit, Wissen zu speichern, Erlerntes und Erlebtes festzuhalten und anderen mitzuteilen.

Liebe Frau W., ich danke für Ihre Mühe und und Geduld. Ich versichere Ihnen, es hat sich gelohnt. Durch Sie öffnete sich mir ein ganzes Universum, in das ich zeitlebens eintauchte. Möglicherweise treffen sich unsere Gedanken an einem originellen Absatz irgendeines Buches. Durch Sie war es mir möglich, ihn zu lesen.

19:32 08.11.2018
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