Rückschau und Analyse

Jubiläum Bedenkenswertes zur Einheit
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Es ist wieder einmal an der Zeit, zurück zu schauen. Der 30. Jahrestag des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik bietet dafür den gebührenden Anlass. Der dänische Philosoph Soren Aabye Kierkegaard hat es uns mit auf den Weg gegeben: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Nur in der Rückschau wird verständlich, wie, warum und wodurch wir wurden und taten, was wir sind und tun. Oder wie es Gerhard Gundermann formulierte: „Manchmal ist der Blick zurück der bessere Blick nach vorn.“

In dem gerade erschienenen Buch „Aufgewachsen in Ost und West“, herausgegeben von Katrin McClean und Torsten Haeffner, versammeln sich vierzig Autoren aus der ehemaligen DDR und der alten BRD, um aus ihrem Leben zu berichten. Den Herausgebern geht es dabei nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu erheben. Vielmehr wird um Verständnis füreinander geworben.

Schon der Klappentext macht neugierig:

„Während der Teilung Deutschlands herrschten im Osten wie im Westen zahlreiche Klischeevorstellungen. Viele DDR-Bürger glaubten, im Westen herrschten paradiesische Zustände. Und nicht wenige BRD-Bürger sahen den Osten ausschließlich als Zone der Unfreiheit und politischen Verfolgung. Doch wie nahmen die Menschen in Ost und West ihre eigenen Lebensrealitäten wahr? Wie wuchsen sie in ‚ihrem‘ Teil Deutschlands auf, wie politisierten sie sich dort, wie begehrten sie auf, erlebten Glück und Leid? Was machte und macht ihre Leben aus? Und nicht zuletzt: Wie erlebten sie die Wiedervereinigung und das Danach?“

Die insgesamt 64 Geschichten decken ein breites Themenspektrum ab. Von Erlebnissen aus der Kindheit wird berichtet, von den Nachkriegsjahren, Schul- und Betriebsgeschichten bis hin zu Grenzerfahrungen und Wendegeschichten reicht das Spektrum der Texte. Und ja, auch die Stasi spielt mit, aber sie spielt nicht die Hauptrolle. Die Texte machen den Leser neugierig, etwas über das Erlebte auf der jeweils anderen Seite zu erfahren und so die Sicht auf Geschichte und Gegenwart zu erweitern.

Im Vorwort schreiben die Herausgeber:

„Wo Menschen sich füreinander öffnen, Neugier zeigen, zuhören, nachfragen und von eigenen Erfahrungen berichten, da kann aus Unkenntnis Verständnis werden. Man stellt fest: Persönliche Schilderungen von glücklich Erlebtem und unglücklich Erlittenem helfen, Brücken zu bauen und eigene wie fremde Grenzen zu überwinden.“

Gerade letzteres ist vielleicht das beste Ziel des Buches.

Einige Texte lassen auch die außergewöhnliche Stimmung der Wendejahre wieder aufleben, in denen alles möglich schien, sogar die Verwirklichung der Utopie einer gerechteren Welt. Es wird aber auch deutlich, was nicht erreicht wurde: eine gemeinsame Verfassung nach Artikel 146 Grundgesetz, die Verwirklichung des Rechts auf Arbeit und vor allem eine friedlichere Welt ohne Waffen.

Eines wird dem Leser des vierhundert Seiten starken Buches auf jeden Fall klar: die Unterschiede zwischen Ost und West sind, was die Träume und Hoffnungen der Menschen angeht, bei weitem nicht so groß, wie das gelegentlich gefühlt wird.

Einige nachdenkenswerte Sätze in dem Buch stammen von Nila Wortmann:

„Ich werde heute manchmal gefragt, ob ich die DDR zurückhaben wolle. Meine Antwort: Nein, ich hätte gern die BRD, wie sie vor 1989 war, ‚zurück‘. ... erhofft hatten wir uns die soziale Marktwirtschaft, erhalten haben alle dagegen eine mehr und mehr ‚marktkonforme‘ und damit immer mehr ausgehöhlte Scheindemokratie.“

Das ist eine bemerkenswert offene Analyse, die auf den Punkt bringt, was viele Menschen heute, nach dreißig Jahren gemeinsamen Weges, fühlen. Die von Kohl verkündeten „blühenden Landschaften“ gibt es mancherorts, aber sie gehören uns nicht.

Das im Rubikon-Verlag erschienene Buch möge noch viele weitere Denkanstöße geben und dazu beitragen, uns durch die Rückschau besser verstehen zu lernen.

Katrin McClean und Torsten Haeffner (Hrsg.)
„Aufgewachsen in Ost und West: 64 Geschichten für eine wirkliche Wiedervereinigung“
Rubikon-Verlag, ISBN 978-3967890082

22:58 01.10.2020
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