Matthias Stark
18.04.2017 | 18:59 2

Schöne neue Welt

Technologie Das Internet der Dinge ist ganz nah

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Matthias Stark

Wenn von der Zukunft die Rede ist, wird als solche oft die technische Entwicklung gepriesen. Glaubt man dem, was zu hören ist, dann wird diese Zukunft wundervoll, ja geradezu grandios. Die Technik wird uns in die Lage versetzen, vollkommen sorgenfrei zu leben und uns verwöhnen zu lassen. Immer mehr schnöde Arbeit werden uns die wundervollen Maschinchen abnehmen, die uns für absehbare Zeiten versprochen sind. Viel hört man da vom „Internet der Dinge“, von der vernetzten Wohnung, dem „Smart Home“ und von so wunderbaren Aussichten, wie dem Kühlschrank, der automatisch die gerade aufgegessene Pizza nachbestellt. Wie schön wird das werden!

Kürzlich war aber die Rede davon, dass Internetfreaks, in dunklen Kellern hausend, sich mit den nahezu ungesicherten Komponenten dieser Zukunftswelt verbinden, sie ausspionieren und per Software unbrauchbar machen. Damit wollen die Nerds auf die unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen der Hersteller und die Blauäugigkeit der Benutzer aufmerksam machen. Das wird ihnen offenbar immer öfter gelingen. Denn der unbedarfte Technologiefreund ist sich gar nicht im Klaren darüber, was es bedeutet, immer mehr Heimgeräte mit dem Internet zu verbinden und das ohne entsprechenden Schutz mit sicheren Passwörtern und anderen Maßnahmen.

Ein besonders zu empfehlendes Dingelchen der neuen, schönen Welt ist Fräulein Alexa von Amazon. Dieses smarte Gerät wird per Sprache gesteuert, kann Antworten liefern, Musik abspielen und lernt auch noch selbst dazu. Das Ding kann also mehr, als mancher von seiner Ehefrau erwartet. Und es schickt jedes in der Wohnung gesprochene Wort ins Netz. Da reibt sich der ostdeutsche Kleinbürger, der die Staatssicherheit noch selbst kennengelernt hat, verwundert die Augen. Mussten damals die unauffälligen Herren in Wohnungen einbrechen, um diese zu verwanzen, tut heute der Bewohner selbst alles dafür, seine Privatsphäre fast vollständig aufzugeben. Das ist wundervoll, insbesondere für die Neugierigen dieser Welt. Das müssen nicht unbedingt Regierungen sein, gerade Internetkonzerne sollen ja sehr von Neu- und Wissbegier geplagt werden.

Als Vorteil dieser „Vernetzung von allem“ wird oft von der berühmten Heizung gesprochen, die sich per Smartphone steuern lässt oder gar von selbst anfängt zu arbeiten, wenn sich ihr Besitzer seinem Heim nähert. Auch das ist wundervoll. Blöd nur, wenn der gar nicht nach Hause sondern daran vorbei fährt, weil er noch was zu erledigen hat. Beleidigt wird sich die Heizung wieder abregen müssen. Das wirft die Frage auf, ob dieser Schnickschnack vielleicht auch nachtragend sein kann? Vielleicht verweigern diese Geräte dann ihren Dienst, wenn sie mehr als drei Mal umsonst angeworfen wurden. Wird mein Kühlschrank beleidigt sein, wenn ich die von ihm nachbestellte Pizza nicht anrühre? Wird Alexa schmollend schweigen, wenn ich drei Tage nicht mit ihr spreche? Man sagt ja nicht umsonst, dass ein Computer „in Silizium gegossene Heimtücke“ ist. Mit wie viel mehr Heimtücke werden wir da zu kämpfen haben, wenn immer mehr, immer kleinere Computer uns umgeben? Man weiß es nicht.

Ich jedenfalls freue mich auf diese schönen neuen Dinge. Wir werden vor Herausforderungen stehen, die wir uns bisher gar nicht vorstellen konnten. Das vernetzte Klo wird der letzte Schrei sein. Aufstehen von der Schüssel bewirkt Schließen des Klodeckels, Öffnen des Fensters und automatisches Hochziehen der Hose. Zum Schluss erfolgt ein Posting via Facebook oder Twitter über den erfolgreichen Abschluss des Geschäfts - wundervoll. Es ist genau das, woran es dem Menschen über Jahrhunderte gebrach.

Was für eine schöne, neue Technikwelt. Unser Vertrauen in diese Technologie wird grenzenlos sein. Irgendwann werden wir uns gar nicht mehr vorstellen können, jemals selbst Hand angelegt zu haben an irgendetwas. Wir Menschen hatten offenbar schon immer ein besonderes Gespür dafür, was uns wirklich fehlt!

Der Irrtum ist nur, dass wir glauben, bessere Technologie würde unsere Welt menschlicher machen. Ich glaube, das Gegenteil wird der Fall sein. Darüber sollten wir mal nachdenken!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (2)

Ute Behrens 19.04.2017 | 11:07

Danke für diesen Beitrag. ,,Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen", schrieb einst der Aufklärer Immanuel Kant (1724-1804). Solange die Technisierung unter dem Aspekt des Geldverdienens für einige wenige steht und gleichzeitig als Überwachungsmechanismus eingesetzt wird, um diese Strukturen nicht zu gefährden, wird sie zur Falle. Über dieses Thema hätte längst eine Grundsatzdiskussion innerhalb der Gesellschaft geführt werden müssen. Was wollen wir digitalisieren und wo hören wir auf, weil der Mensch als Individuum sonst seine Freiheit und Kontrolle verliert. Selbst bei der Neuauflage der Maut vor einigen Wochen geht es um einen tieferen Sinn (https://www.freitag.de/autoren/initiative146/wem-gehoeren-die-strassen), der von den Medien aber nicht ansatzweise transportiert wird.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Buch https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Circle. Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, brachte es auf den Punkt: ,,Überall meint man Spuren der Fiktion in der Wirklichkeit zu finden."

Sikkimoto 20.04.2017 | 01:10

Die Heimelektronik ist Schnickschnack. Wirklich drastisch wird die Veränderung der Produktionsverhältnisse. Wie geht man damit um, wenn 3/4 der Bevölkerung in der Wertschöpfungskette gar nicht mehr gebraucht wird? Ich werde meinen Enkeln einmal erklären: Euer Urgroßvater war noch Taxifahrer. Und sie werden mich mit verständnislosen Augen angucken, weil sie sich nicht vorstellen können, was das ist.

Wobei das Taxifahren auch nur ein Beispiel unter vielen ist und dazu gehören längst nicht nur manuelle Tätigkeiten. Es wird zB drastisch weniger Kaufleute geben, egal ob in Einzelhandel, Großhandel oder Industrie. Bei den bestbezahlten Kaufleuten im Banken und Versicherungswesen fängt das Aussterben schon an. Vergleichportale statt Makler, Onlinebanking und Automat statt Schalter.

Die Frage wer vom technischen Fortschritt profitiert und wer nicht wird da noch sehr drastisch aufkommen.