Unscheinbar und tot

Trauer Nachruf auf einen Durchschnittsmenschen, den kaum jemand kannte
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Adam Zeisig ist tot. Er starb am vergangenen Freitag in seiner Wohnung. Adam Zeisig war ein völlig unscheinbarer und unbescholtener Bürger. Er war so unscheinbar, dass ihn kaum einer richtig kannte. Er stand nie im Vordergrund, er hatte rein gar nichts erfunden, hatte keine Rekorde gebrochen, keine Siege errungen und nie auch nur eine Kleinigkeit gewonnen. Er war aus jenem Holz geschnitzt, woraus die sind, welche den Regierenden keine Probleme machen. Menschen ohne Wiedersach, die sich still fügen und die kaum beachtet werden.

Als Adam Zeisig geboren wurde, gab Mutter Natur ihm überhaupt nichts Besonderes mit auf seine Lebensreise. Er war ein sehr stilles, ruhiges Kind, so ruhig, dass man ihn fast nicht bemerkte. Als Schüler ist er sogar mal von seiner eigenen Mutter im Bus vergessen worden. Das fiel der aber erst nach Stunden auf, denn Adam hatte es versäumt, auf sich aufmerksam zu machen.

Adam Zeisig stand an jedem Morgen pünktlich auf. Er ging einer Arbeit nach, die er viele Jahre lang ausübte. Er war geachtet und verrichtete eher unscheinbar die von ihm verlangten Tätigkeiten, das aber zur vollsten Zufriedenheit aller. Adam Zeisig hielt sich fast immer im Hintergrund, er wurde nie von irgendwem gehasst. Ach, nein, das stimmt nicht ganz. Manchmal verfluchte ihn der Paketbote. Zeisig wohnte im dritten Stock. Und dorthin mussten seine Bestellungen geliefert werden. Der gute Mann bestellte nämlich jede Menge Bücher. Und er bestellte sie nicht nur, er las sie auch noch in seinen Mußestunden. Und der Paketbote fluchte, vornehmlich dann, wenn wieder mal dreißig Grad im Schatten zu erwarten waren und die Büchersendung besonders groß ausfiel. Laufen Sie mal bei solchen Temperaturen zweimal wöchentlich drei Treppen hoch. Da lernen Sie schnell die Literatur lieben!

Adam Zeisig ging wenig unter Menschen. Nie berichtete eine Zeitung über ihn und wenn er mal mit auf ein Foto sollte, zierte er sich und dachte immer, er wäre nicht fotogen genug. Zeisig war der eher stille Mensch, der weder zu seinem Eigennutz auf der Welt, noch einer war, der sein Fähnlein in den Wind hing, egal woher dieser auch wehte.

Adam Zeisig ging immer wählen, alle paar Jahre setzte er seine Kreuzchen. Mal an der einen, mal an der anderen Stelle. Er tat dies weniger, weil er glaubte, damit etwas zu bewirken. Er verstand sich prächtig darauf, die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen, sich das aber nicht anmerken zu lassen. Zeisig war lebenslustig, hatte Humor, stellte beides jedoch nie zur Schau. Manchmal, na eher selten, besuchte er ein Wirtshaus. Und wenn er da mal über die Stränge schlug, war er sogar bereit, sich ein zweites Bier zu bestellen.

Viele Jahre gingen so ins Land. Adam Zeisig lebte gemeinsam mit seiner kleinen, zurückhaltenden Frau mitten unter uns. Und wenn er schon unscheinbar war, dann war Zeisigs Frau nur ein Schatten von ihm. Beide halfen, wenn Hilfe nötig war, sie waren freundliche Leute und hatten immer ein Lächeln oder ein gutes Wort parat.

Adam Zeisig kümmerte sich fleißig um Haus und Hof, hielt bis in den späten Herbst hinein seinen Rasen kurz, beschnitt die Obstbäume einmal jährlich und freute sich daran, wenn die Blumen in jedem Frühjahr wieder zu blühen anfingen. Im Sommer saß er oft nächtelang mit seiner Frau im Garten, grillte Würstchen und genoss die laue Luft. Im Winter war er stets der Erste, der morgens den Schnee räumte. Und er streute nicht mit Salz, sondern noch ganz altmodisch mit Sand, weil das besser für die Umwelt war.

Und nun ist Zeisig tot. Er starb, wie er gelebt hatte, ohne Aufsehen und Reklame. Am nächsten Donnerstag wird er auf dem städtischen Friedhof begraben.

Von diesem nun Verblichenen wollte ich Ihnen kurz berichten. Bitte entschuldigen Sie, dass ich wegen dieses ganz und gar gewöhnlichen Menschen ihre Zeit in Anspruch genommen habe.

21:46 23.08.2018
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