„Unser Planet wird von Verrückten gelenkt“

Gedenken Zur Erinnerung an Carl Sagan, der vor wenigen Tagen Geburtstag gehabt hätte
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Astronom, Sachbuchautor und Fernsehmoderator Carl Sagan wurde am 9. November 1934 in New York geboren. Er starb mit nur 62 Jahren am 20. Dezember 1996. Bekannt wurde Sagan durch seine Idee, verschiedenen interplanetaren Raumsonden irdische Botschaften mitzuschicken, so den beiden Voyager-Sonden je eine Datenplatte mit Bild- und Tonaufnahmen von der Erde. Sagan setzte sich für die Förderung der Exobiologie und die Suche nach außerirdischem Leben ein. Aus seiner dreizehnteiligen Fernsehserie „Unser Kosmos“ entstand später ein gleichnamiges Buch, welches ein Bestseller wurde. Als populärwissenschaftlicher Autor verfasste er mehrere Bücher. Sein Roman „Contact“ wurde im Jahr 1997 unter der Regie von Robert Zemeckis verfilmt. Dieser Film gehört zu den herausragenden Werken des Genres Science-Fiction.

„Contact“ ist die Geschichte der Astronomin Ellie Arroway, die als Leiterin des Projekts „Argus“ mit ihrem Team die Aufgabe hat, den ganzen Himmel mit über einhundert Teleskopen radioastronomisch nach Signalen fremder Intelligenzen abzulauschen. Nach jahrelanger Suche und ständigen Zweifeln am Nutzen eines solchen Vorhabens geschieht das unfassbare: Signale werden aus 26 Lichtjahren Entfernung von der Wega empfangen.

Die Botschaft verändert mit einem Schlag das Leben auf der Erde, das Denken und Handeln der Menschen. Sagan gelingt es, in geradezu authentischer Weise die Reaktion der Menschheit darzustellen, wie sie heute wahrscheinlich wäre. Carl Sagans Gedankengänge sind geprägt von einem tief religiösen Bewusstsein vom Kosmos in seiner Gesamtheit. Diese Gedanken einer „kosmischen Religiosität“ durchziehen das ganze Buch und regen den Leser an, über sich und den Glauben nachzudenken.

„Wenn Gott so allmächtig und allwissend ist, warum hat er dann das Universum nicht von Anfang an so geschaffen, wie er es sich wünschte? Warum bastelt er ständig daran herum und beklagt sich. Nein, eines gibt die Bibel deutlich zu verstehen: Der biblische Gott ist ein schlampiger Handwerker. Er ist weder in der Planung gut noch in der Ausführung. Wenn es Konkurrenz gäbe, wäre er sofort weg vom Fenster.“

Ellie ist überzeugt, dass sich der Schöpfer dieser Welt niemals so vage und zweideutig zu den Menschen äußern würde, wie es die Religionen durch ihre Schriften lehren. Für sie wäre ein Satz wie „Du sollst Dich nicht schneller bewegen als das Licht“ oder „Zwei verschlungene Stränge sind das Geheimnis des Lebens“ in religiösen Überlieferungen ein Beweis für die Existenz eines Schöpfers.

Die tiefe Kluft zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und den Weltreligionen bekommt im Falle eines Kontaktes zu Außerirdischen eine ganz neue Dimension. Hinzu kommen noch all jene Pseudolehren, die zu allen Zeiten ihre Blüte hatten, weil immer, wenn der Mensch wenig weiß, er dazu neigt, viel zu glauben. Das Unvermögen der menschlichen Gesellschaft, ihre Probleme im globalen Maßstab mit menschlichen Mitteln zu lösen und zum „kosmischen Denken“ zu gelangen, wird vom Autor schon am Anfang des Buches treffend dargestellt:

„Eine Million Jahre waren die Menschen aufgewachsen mit einem aus direkter, sinnlicher Wahrnehmung herrührendem, sich täglich erneuernden Wissen um das Himmelsgewölbe. In den letzten Jahrtausenden hatten sie angefangen, Städte zu bauen und dorthin zu ziehen. Und in den letzten Jahrzehnten hatte ein Großteil der menschlichen Bevölkerung sein ländliches Leben aufgegeben. Mit dem Fortschritt der Technik und der Verschmutzung der Städte wurden die Nächte sternenlos. Neue Generationen wuchsen in völliger Unkenntnis des Himmels heran, der ihre Vorfahren noch gefesselt und das moderne Zeitalter der Wissenschaft und Technik in Gang gesetzt hatte. Ohne auch nur zu bemerken, dass gerade für die Astronomie ein goldenes Zeitalter anbrach, schnitten sich die meisten Menschen vom Himmel ab. Die Isolation vom Kosmos fand erst mit der Erforschung des Weltraums ein Ende.“

So vielversprechend und hoffnungsvoll die Menschheit seit dem Empfang der Botschaft sich global entwickelt und zusammenwächst, so kläglich lässt Sagan sie in seinem Buch letzten Endes versagen. Die heutige Menschheit ist nicht reif für einen „Contact“ mit ihr weit überlegenen Intelligenzen. „Unser Planet wird von Verrückten gelenkt. Überleg Dir nur einmal, was Politiker dafür tun müssen, dass sie dorthin kommen, wo sie sind. Ihr Blick ist so eingeschränkt, sie sind so kurzsichtig. Ihr Blick reicht nur ein paar Jahre in die Zukunft, bei den besten ein paar Jahrzehnte. Sie sind nur an der Zeit interessiert, während der sie an der Macht sind.“

Vom Schicksal gezeichnet, innerlich jedoch nicht zerbrochen, sucht Ellie Arroway Antworten bei einem Mann, dem sie Jahre zuvor scharf widersprach, einem religiösen Prediger. Sie sucht nach Beweisen für den „Contact“. Am Schluss des Werkes ist der Leser sicher, sie wird sie finden: in der und durch die Naturwissenschaft.

Ein bemerkenswertes Buch von einem bemerkenswerten Autor, das zu lesen jedem noch immer sehr empfohlen werden kann. Carl Sagans Gedanken haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Alle Zitate aus:

Carl Sagan, „Contact“ Droemer Knaur Verlag München, ISBN 3426191415, 1986

19:20 12.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3