Was großartig wäre

Bekenntnisse Fragen an den Cottbusser Schauspieler Michael Becker
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Foto: Archiv Michael Becker

Du stehst ja vor Deinem Ruhestand. Wird das eher ein Unruhestand?

Ja natürlich. Ich bin viel zu zappelig. Ich möchte die Leute wissen lassen, dass ich noch da bin und möchte ihnen weiter auf den Geist gehen, um mich so vorm Sterben möglichst lange drücken zu können.
Und im nächsten Leben werde ich wieder Schauspieler, und natürlich ein Linker, das steht fest.

Du bist ein Kind der DDR. Was verbindest Du mit diesem verschwundenen Staat?

Ich habe mit dem Austritt aus der Partei nicht meine Gesinnung gewechselt. Im Gegenteil, den Kapitalismus jetzt durch Erfahrung genauer kennend, bin ich „röter“ denn je. Es muss eine bessere Variante des Zusammenlebens geben als die gegenwärtige. Wir müssen uns weitere Versuche gönnen, eine gerechtere Gesellschaft zu bauen. Das muss nicht Sozialismus heißen, aber es darf nicht Kapitalismus sein.

Hast Du Vorbilder?

Meine größten Favoriten waren und sind selbstverständlich Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi. Ich trauere der DDR nach, war aber in der DDR-Zeit selbst sehr kritisch und mit vielem nicht einverstanden. Die DDR war ein redlicher Versuch, auf deutschem Boden den Sozialismus zu errichten. Ich bin froh, dabei gewesen zu sein. Ich fand den Versuch lohnend.

Ist die Einteilung in „links“ und „rechts“ heute noch zeitgemäß?

Die Einteilung in „links“ und „rechts“ heißt für mich, die Einteilung in menschenfreundlich und menschenverachtend. Menschenfreundlich impliziert für mich: teilen, solidarisch sein, frei sein von Rassenhass und Antisemitismus.

Glaubst Du, dass unsere Welt noch zu retten ist, hast Du Hoffnung auf eine bessere Welt?

Ich bedauere, dass ich nicht religiös bin, es nicht sein kann. Religiöse Menschen haben einen Halt, einen Schutz, eine Krücke. Die Gier und die anderen Urtriebe der Menschen haben sich kaum verändert im Lauf der Jahrhunderte. Das alles sagt mir, dass es weiter bergab geht. Zu befürchten ist es, dass sich die Menschheit selber auslöscht.

Was würdest Du einem, sagen wir heute 16jährigen, mit auf den Weg geben?

Wenn ich es sarkastisch sagen sollte, dann: breche sofort deine Ausbildung ab, lerne Taschendieb, gehe in die Lehre von Bankräubern. Mache das, was der Staat mit dir macht, beklaue ihn. Hole dir die Kohle von den Banken, von denen, die sie haben, durch dich haben.
Pädagogisch und ernst sage ich natürlich: Schaue dir immer an, wem etwas nützt. Bei allem, was man dir erzählt, sei misstrauisch. Traue den Medien überhaupt nicht, den Politikern schon gar nicht, der Kirche auch nicht. Traue nur dir selber, deinem Instinkt und den Menschen, die du als freundlich, zuverlässig, menschlich und gerecht erlebt hast. Du wirst merken, das sind ganz wenige. Schwimme nicht mit dem Strom, habe eine eigene Meinung. Nach meiner Erfahrung landest du dann „links“. Stell dir bloß mal vor, Sarah Wagenknecht ist Kanzlerin und Gregor Gysi Außenminister. Wär das nicht großartig.

Auszüge aus einem gerade entstehenden Interview-Band mit dem Arbeitstitel „Michael Becker - Über sein Leben“, das 2018 im SEW-Verlag Dresden erscheinen wird. Die Fragen stellte Matthias Stark.

19:07 04.07.2017
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