Was Lesen macht

Eine Erkenntnis Gedanken über ein altes Kulturgut
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Neulich fiel mir ein Buch eines norddeutschen Autors in die Hände. Es war mehrfach ausgelesen und immer wieder eine Quelle von interessanten Gedanken. Der Autor, ein Vornamensvetter von mir, ist Maler und Schriftsteller. Dem Buch entfiel ein Lesezeichen. Ich hatte es vor einigen Jahren gratis samt einer Ladung Druckerzeugnisse in Ueckermünde erworben, diese selbstredend nicht ohne Kosten meinerseits. Dort, in der nordöstlichen Stadt am Haff, wohnte ich auch einer Lesung dieses Schriftstellers bei. Auf dem Lesezeichen ist eine Katze abgebildet, das Maskottchen des Buchhändlers im Norden. Diese Katze existierte wirklich und schlief in der Auslage, offenbar müde vom vielen Lesen oder der Kundschaft. Der kettenunabhängige Buchhändler hat meinen Dank und großen Respekt verdient, ist er doch nicht nur Handelsmann in Sachen Literatur, sondern auch Veranstalter von Lesungen und Ausstellungen in den Räumen seiner Zunft.

Auf Vorder- oder Rückseite, was bei einem Buchzeichen nicht einfach festzustellen ist, kann ich folgenden Satz lesen. „Lesen macht: mutig, schlau & schön.“ Eine interessante Behauptung. Was Letzteres betrifft, so konnte ich die Wirkung an mir selbst noch nicht feststellen. Schaue ich mich auf der Straße um, scheint so mancher wenig zu lesen, falls zutrifft, was des Zeichens Botschaft ist. Was die ersteren beiden Behauptungen anbelangt, bin ich schon eher geneigt, eine gewisse Wirkung nicht zu verleugnen.

Lesen von Büchern, jene kreative Beschäftigung, bei der Kino im Kopf entsteht, wird offenbar als Freizeitbeschäftigung von immer weniger Menschen durchgeführt. Glaubt man einer Statistik, die zum Leseverhalten Aussagen trifft, dann nimmt die Zahl derer, die täglich zum Buch greifen, seit Jahren ab und die Zahl jener, die dies nur einmal im Monat oder noch seltener tun, zu. Weniger als dreißig Prozent lasen mehr als zehn Bücher im Jahr 2015, sagt jedenfalls die Statistik. Aber was sagt das uns?

Lesen ist ein Kulturgut, das für uns Mitteleuropäer heute eine Selbstverständlichkeit bedeutet. Wir nehmen hin, dass wir können, was noch vor einigen Jahrhunderten nur einer Oberschicht vorbehalten war. Der Zugang zu Büchern ist für uns nahezu uneingeschränkt möglich. Dabei beschränkt sich das Lesen nicht auf das gebundene Buch. Das Internet bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, Bildung und Wissen durch Lesen zu erhalten. Das gedruckte Buch hat Geschwister erhalten, das E-Book und das Online-Lesen. Viele Klassiker der Literatur stehen heute im Netz kostenfrei zur Verfügung oder können heruntergeladen werden, was mir ein wenig Leid tut für den Buchhändler. Aber werden Texte aus dem Netz auch gelesen? Und wenn ja, wird ein Nutzen aus ihnen gezogen? Ich hoffe es, weil ich daran glaube, dass die Statistik Unrecht haben möge. Selbst wenn weniger zum Buch gegriffen wird, so wird doch mit Sicherheit so viel gelesen wie nie. Und ich hoffe auf die Wirkung von Literatur, von Kunst überhaupt. Wenn sie auch nicht unmittelbar wirkt, so doch durch ihre anregende Wirkung auf das Denken. Und da das Denken der Tat vorausgeht (zumindest sollte es das), kann Lesen auch zu Tätigkeit führen. Lesend die Wirklichkeit zu hinterfragen war noch nie so einfach wie jetzt. Das ist, was Lesende, die Denkende sind, gefährlich machen kann, wobei ersteres nicht zwingend zu letzterem führt.

Warum sonst waren (und sind mancherorts) Druckwerke und andere Texte, insbesondere die kritischen, bei den jeweils Regierenden gefürchtet, werden zensiert, verboten und manchmal sogar verbrannt? Das Wort kann offenbar doch ein Schwert sein, der Text eine Waffe.

Und somit wäre mindestens teilwahr, was zu sehen ich auf meinem Buchzeichen fand: Lesen macht, wenn schon nicht schön, so doch mutig und schlau.

Werde mutig, greif zum Buch!

20:08 01.09.2016
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