Matthias Stark
22.03.2017 | 22:19 2

Was wir viel zu selten machen

Nachgedacht Innehalten und Gewinnen

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Matthias Stark

Ein Maler steht vor seiner Leinwand und malt. Es ist eine große Leinwand, mehrere Meter im Umfang. Er setzt Pinselstrich für Pinselstrich, Farbe an Farbe, Pigment an Pigment. Dann legt er das Werkzeug zur Seite, wischt sich die Hände ab und tritt zurück, mehrere große Schritte weit. Er steht nun in sicherem Abstand zu seinem Werk, steht still und betrachtet es. Er hält inne um das Getane zu prüfen, das Geschaffene zu hinterfragen, im Schöpferischen eine Pause einzulegen.

Mir scheint, unser Leben besteht heute nur noch aus Pinselstrichen. Es gibt zu selten das Innehalten, das Hinterfragen und die stille Selbstkritik. Als Jugendlicher musste ich mal an einer Prüfung teilnehmen. Der Prüfer hing zu Beginn ein Schild an die Wand, ohne etwas zu sagen und ohne einen sonstigen Hinweis. Einfach nur ein Pappschild, auf dem stand: „Vor Betätigen des Mundwerks Gehirn einschalten!“ Eine weise Empfehlung, eine, an die zu halten sich eigentlich immer empfiehlt und die heute in angepasster Form als Warnung in jedem Internetforum auftauchen sollte. „Vor Betätigen der Tastatur Denkapparat aktivieren!“ Bevor sich der geneigte Nutzer daranmacht, kräftig auf die Tasten zu schlagen und dabei gedanklich ein imaginäres Gegenüber zu treffen, sollte wirklich das Gehirn hochgefahren, respektive nachgedacht werden.

Wartete man noch vor hundert Jahren wochenlang auf Nachricht von seinen Verwandten, die auf Reisen waren und sich anschickten, einen handschriftlich verfassten Brief per Post zu versenden, so sind wir heute schon ungeduldig, wenn eine Mail nicht innerhalb von vierundzwanzig Stunden beantwortet wird oder eine Mitteilung via App nicht innerhalb von Minuten. Uns sitzt die Ungeduld im Nacken und piesackt mächtig. Unsere derzeitige Art, zu leben, zwingt uns zu ständiger Aktion und Unruhe. Wir halten Nichtstun für frevelhaft und Zurücklehnen für Zeitverschwendung. Wir sind verdammt zur Effektivität und merken nicht, dass wir dabei eines ganz sicher aus den Augen verlieren: das Innehalten.

Kaum passiert irgendetwas auf dem Erdenrund, so wird mit großer Sicherheit irgendjemand sofort und ohne die Zusammenhänge genau zu kennen, in die Tasten hauen und Wertungen abgeben. Man kann so etwas ja sehr schön in diversen Foren, Blogs etc. sehen. Mit der Unbekümmertheit eines Kleinkindes und ohne Aktivierung des Denkapparates werden abstruseste Gedanken zu Wortgebilden geformt. Anstatt, wie der eingangs erwähnte Maler zurückzutreten und zu versuchen, das ganze Bild zu überblicken, wird drauf gehauen, was Zeigefinger und Tastatur hergeben. Und eine Tugend scheint vollkommen ausgestorben zu sein: wer zu einem Thema nichts zu sagen hat, der hält die Schnauze und sondert zur Abwechslung einmal gar nichts ab. Dann wäre Stille. Und Stille ist eine gute Voraussetzung zum Innehalten. Wir sollten alle viel öfter zurücktreten und einfach nichts machen, die Welt für ein paar Minuten ohne uns laufen lassen und Einkehr bei uns selbst halten. Das würde gut tun. Innehalten und Einkehr sind so wahnsinnig altmodische Wörter, aber sie treffen genau das, was wir in unserer modern scheinenden Zeit leider schon für vollkommen verzichtbar halten.

Dabei könnten wir mit Sicherheit auch viel gewinnen. Wir könnten uns zum einen unseres Selbst vergewissern. Liegen wir richtig mit unseren Meinungen und Ansichten, sind wir kompetent genug, uns eines Themas anzunehmen? Und zum anderen würden wir lernen, dass die Welt auch ganz gut ohne unsere Meinung auskommt. Wir können nämlich offenbar, sehr zum eigenen Leidwesen, die Welt durch Worte allein nicht allzu sehr ändern. Was nicht heißt, dass sie nichts bewirken. Wer schon einmal seine Frau mit dem Satz „Schatz, ich glaube, du bist zu dick.“ beglückte, weiß, was Wortgewaltigkeit ist.

Ausgestattet mit diesem Wissen um ihre Wirkung können wir froh sein, dass dann doch nicht jedes ins Netz gesendete Wort etwas bewirkt. Und das ist überaus angenehm.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (2)

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Ehemaliger Nutzer 23.03.2017 | 02:20

Und das ist überaus angenehm.

Dessen Trotz; Im Tal der Einsamen gibt es nur einen Ruf ,, ich bin auch hier'', und dieser Ruf gewinnt mit der Zunahme der Einsamen an Frequenz bzw Dezibel zu. Die Einen können sich Mega-Phone leisten um an dem Rennen mitzuhalten, während die Anderen sich mit Rauchzeichen begnügen müssen. Dieses Rennens der einsamen Speedy Gonzale wird irgendwann- dieser Wann kann auf sich warten lassen- durch eine Posaune Ruf beendet-angeblich soll diese Posaune von Serafil geblasen-, und anschließend die Gewinner- es gibt nur drei- ausgezeichnet. Die Auszeichnung erfolgt durch Zusammenfügen der drei Gewinner in einer Person und anschließenden Deportation zurück in den Tal der Einsamen. Was dies bezwecken soll weis der Teufel- ist der Oberhaupt des Tals und setzt die Regeln an-.