Matthias Stark
11.04.2017 | 19:27 9

Wenn die Worte fehlen

Finsternis Über das Töten in modernen Zeiten

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Matthias Stark

Sprachlosigkeit – das ist das richtige Wort. Sprachlosigkeit ist es, die mich befällt im Angesicht der Grausamkeiten, die in unserer Welt geschehen. Da werden mit Giftgas Menschen getötet, darunter Kinder. Da wird zum wiederholten Mal ein Lastwagen als Waffe gegen vollkommen Unschuldige benutzt, die das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Tagtäglich wird auf unserer Erde in Größenordnungen vollkommen sinnlos getötet und gestorben. Und das alles im Namen von Göttern, Religionen, Weltbildern und Dogmen, deren scheinbare Offenbarungen zu solch sinnlosem Töten anstiften. Es ist ein grausames Spiel, dass nun schon tausende von Jahren andauert und dessen Ende nicht erkennbar ist.

Leider wird noch immer von vielen geglaubt, dass es eine Art „gerechtes“ Töten gibt. Wenn die Amerikaner mit Drohnen ihre „Feinde“ aus dem Weg räumen, verteidigen sie damit angeblich die Werte der westlichen Welt, welche auch immer das sein mögen. Wenn der „Islamische Staat“ Anders- oder Ungläubigen die Köpfe abschlägt, tun deren Anhänger das in der festen Überzeugung, damit ihrem Gott und ihrer Religion zu dienen. Die Zeiten sind finster, in denen dies alles geschehen kann. Und die Hersteller und Lieferanten der für diese Grausamkeiten benutzten Waffen reiben sich die Hände, ihr Kontostand wächst täglich.

Die Weltgemeinschaft humanistisch denkender Menschen ist offenbar nicht in der Lage, all die Gräuel zu stoppen, den Mördern das Handwerk zu legen und endlich Frieden zu schaffen. Keiner NATO, keiner UNO und keinem sonstigen Bündnis war es bisher möglich, auch nur ansatzweise den weltweiten Sumpf an Gewaltpotential trockenzulegen, das uns alle bedroht. Ist die Zahl der friedenswilligen Menschen etwa zu gering? Daran mag ich nicht glauben. Sind sie zu machtlos? Daran glaube ich schon eher.

Vor wenigen Tagen titelte die große deutsche und vierbuchstabige Boulevardzeitung, dass der amtierende US-Präsident die syrischen Kinder gerächt hätte, die im Giftgas umkamen. Welch eine inhumane Weltsicht verbirgt sich hinter dieser Floskel von Rache und Vergeltung? Konnte jemals in der blutigen Menschheitsgeschichte etwas dadurch „wieder gut gemacht“ werden, indem es „vergolten“ wurde? Wem nutzen die Bomben, abgeworfen auf einen Luftwaffenflugplatz? Wohl niemandem. Welches Leid wird dadurch geringer, indem neues Leid, neuer Hass und neue Feindschaft erzeugt und geschürt werden? Wohl keines. Kein Opfer wird wieder lebendig. Rache ist eine billige Form primitiven Menschentums, ganz den „heiligen“ Schriften entlehnt, in denen „Auge um Auge“ gekämpft wird, in denen es hoch hergeht mit Gewalt und Feindestötung, ja sogar mit Völkermord und dem Vernichten der „Gottlosen“. Nicht auf Rache, nicht auf Vergeltung sollte das Augenmerk der Mächtigen dieser Erde gerichtet sein, nie und niemals wieder. Gewalt gebiert immer nur neue Gewalt, das ist die einzig positive Erfahrung aus all den sinnlosen Kriegen, Gefechten und Kämpfen vergangener Jahrhunderte.

Was aber kann man tun? Die Frage ist schwer zu beantworten, zu groß ist die Ohnmacht im Angesicht der unmenschlichen Grausamkeiten. Vielleicht wäre die Ächtung und das Verbot weltweiten Waffenhandels ein erster Weg. Vielleicht sollten sich die Trumps, Putins, Kims und Assads dieser Welt an einen Tisch setzen und sich über ihre Weltsichten austauschen und vielleicht sogar einigen. Doch allenthalben fehlt es noch immer an Verstand und vor allem am ernsthaften Willen, miteinander zu sprechen und die Argumente der Gegenseite anzuhören.

Die Fanatiker aller Religionen müssen sich fragen lassen, ob ihr jeweiliger „Gott“, der doch für Barmherzigkeit und Menschenliebe steht, ihr Tun gutheißen würde. Sie sollten erkennen, dass ihr Glaube durch Mord und Totschlag keinerlei Legitimation erhält, ja dadurch eigentlich jegliche Berechtigung verliert.

Gerade deshalb sei dem gottesfürchtigen, amtierenden amerikanischen Präsidenten, auch wenn die Vorstellung davon schwer fällt, ins Stammbuch geschrieben:

Vor Betätigen des Zünders Gehirn einschalten!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (9)

Novalis 11.04.2017 | 23:46

Es ist leider zu wahr. Kindliche Urmenschen spielen mit Waffen, die sie ethisch nicht beherrschen. Im Kleinen ist es wie im Großen. Hähnchenkämpfe wohin man guckt: In Betrieben, Lehrerkollegien, Kirchenvorständen, Kommunalpolitik usw. Aber ... da kann sogar der Einzelne tätig werden: aus diesen Spielen aussteigen. Wenn man einen Blick in die Zeitschrift "Publik Forum" wirft, kann man diesbezüglich viel lernen!

Lene 12.04.2017 | 14:20

Vielleicht liegt es einfach daran, dass die "Weltgemeinschaft humanistisch denkender Menschen" einfach vergessen hat, Kriege zu ächten. Ist es nicht eine Perversion, wenn man "Kriegsverbrechen" ächtet, also bestimmte Handlungen im Krieg, aber das Töten insgesamt dann doch nicht (inklusive so genannter Kollateralschäden). Dass wollte man sich eben nicht nehmen lassen, das Recht auf Tötung mittels Befehlsempfänger, denen meist ja selbst die Tötung droht, wenn sie den Tötungsbefehl verweigern. Aber genau das - Verweigern - ist die einzige Möglichkeit, diese Perversion zu beenden.

Lene 12.04.2017 | 14:20

Vielleicht liegt es einfach daran, dass die "Weltgemeinschaft humanistisch denkender Menschen" einfach vergessen hat, Kriege zu ächten. Ist es nicht eine Perversion, wenn man "Kriegsverbrechen" ächtet, also bestimmte Handlungen im Krieg, aber das Töten insgesamt dann doch nicht (inklusive so genannter Kollateralschäden). Dass wollte man sich eben nicht nehmen lassen, das Recht auf Tötung mittels Befehlsempfänger, denen meist ja selbst die Tötung droht, wenn sie den Tötungsbefehl verweigern. Aber genau das - Verweigern - ist die einzige Möglichkeit, diese Perversion zu beenden.

Lethe 12.04.2017 | 14:39

Und das alles im Namen von Göttern, Religionen, Weltbildern und Dogmen, deren scheinbare Offenbarungen zu solch sinnlosem Töten anstiften.

Na Gott sei Dank haben wir die Schuldigen gefunden. Menschliche Gier kann schließlich nichts damit zu tun haben^^

Leider wird noch immer von vielen geglaubt, dass es eine Art „gerechtes“ Töten gibt.

Es gibt das Töten als Urphänomen des Lebens. Tiere jagen Beute, Pflanzen verdrängen andere Pflanzen vom Licht. Lebendig zu sein bedeutet, ein Killer zu sein - auch Salatköpfe werden im Allgemeinen nicht gefragt, ob sie gegessen werden wollen. Dem Menschen ist es allerdings vorbehalten, auszurotten. Das ist ein Niveau des Tötens, für das es in der Natur tatsächlich kein Vorbild gibt. Aber auch das ist nicht das Werk irgendwelcher Götter. Gerechtes Töten, ungerechtes Töten, scheiß drauf. Töten allenthalben, vom ersten bis zum letzten Tag des Lebens. Warum also diese Zimperlichkeit bei etwas, das uns Menschen so unverkennbar große Freude bereitet?

Die Weltgemeinschaft humanistisch denkender Menschen ist offenbar nicht in der Lage, all die Gräuel zu stoppen, den Mördern das Handwerk zu legen und endlich Frieden zu schaffen.

Erhebliche Teile der Mörder stammen aus der Weltgemeinschaft humanistisch denkender Menschen. Humanismus ist nach Stand der Dinge nichts weiter als ein etwas freundlicher klingender Begründungszusammenhang für Töten, gut für das eigene, medial vermittelte Selbstbild. Realität ist was anderes.

Ohnmacht im Angesicht der unmenschlichen Grausamkeiten.

Wenn ich gelegentlich mal welche sehe, gebe ich Bescheid. Derzeit gehe ich noch davon aus, dass es sich um menschliche Grausamkeiten handelt. Die sind viel schlimmer als die von Aliens.

Matthias Stark 13.04.2017 | 09:18

Das sind einige bedenkenswerte Argumente und Aspekte, danke dafür.

Nicht unwidersprochen kann allerdings, mit Verlaub, bleiben, dass der "Humanismus nach Stand der Dinge nichts weiter als ein etwas freundlicher klingender Begründungszusammenhang für Töten" sei.

Ich fürchte, dass hier ein Irrtum vorliegt.

Für mich ist der Humanismus eine auf den allgemeinen Menschengerechten basierende Weltsicht, die das Töten, insbesondere das anderer Menschen, nicht ausschließt, jedoch nur unter ganz besonderen Bedingungen zulässt.

Was die "Schuldigen" betrifft, bilden die religiosen Schriften für viele Mächtige dieser Welt die "geoffenbarte" Grundlage für ihr Tun. Koran und Bibel sind voll von Tötungsanweisungen, auf die sich religiöse Fundamentalisten berufen.

Mit der "heiligen Schrift" in der einen Hand, die andere am Abzug ... so ging es viele Jahrhunderte lang leider zu. Und ein Ende dessen ist nicht absehbar...

Lethe 13.04.2017 | 10:42

Für mich ist der Humanismus eine auf den allgemeinen Menschengerechten basierende Weltsicht, die das Töten, insbesondere das anderer Menschen, nicht ausschließt, jedoch nur unter ganz besonderen Bedingungen zulässt.

Die allgemeinen Menschenrechte sind eine Ableitung aus dem Humanismus, nicht umgekehrt. Sodann wäre zu fragen, in welcher Weise sich der Humanismus als wirkmächtig erwiesen hat, das ist aus meiner Sicht deutlich interessanter als der Verweis auf die Theorie. Wenn ich die Diskussion des Christentums auf einschlägige Passagen aus den NT begrenze, bekomme ich auch keine Vorstellung von der nicht ganz so gut klingenden Praxis. Der Humanismus hat zu wenig mehr geführt, als dass die Begründungen geändert wurden. Mussten vormals die Seelen der Ureinwohner zu Gott geführt werden, galt ab sofort, dass die Ureinwohner den Segnungen der Zivilisation zugeführt werden mussten. An der Ausbeutung der Bodenschätze und der Arbeitskraft hat sich im einen wie im anderen Fall nichts geändert. Es zieht sich eine rote Linie von Philipp Schwartzerdt, genannt Melanchthon über Namibia bis nach Burkina Faso und anderen heutigen Kolonien

Humanismus hat ein paar alte Grausamkeiten beendet und ein paar neue Grausamkeiten gestiftet. Ob dadurch etwas gewonnen wurde? Wurde die Anzahl der Kriege reduziert? Wurden die Waffen ungefährlicher? Wurde die Weltwirtschaft auf eine gerechte Grundlage gestellt? Wurde Emanziation verwirklicht? Sterben weniger Kinder an Hunger? Nein, nein, nein, nein, nein und nein. Noch ein paar tausend derartiger Fragen gefällig?

Also, was wurde durch Humanismus gewonnen? An der Bruchstelle des Übergangs der Macht vom Adel zum Bürgertum wurden Argumente geschaffen, warum nunmehr mächtige Kaufleute mehr zu sagen haben als der Adel. Das ist schon alles, was der Humanismus für die allgemeinen Menschenrechte einfuhr. Also, in der Praxis. Die Theorie klingt freilich deutlich besser. Fast wie das Christentum in der Perspektive einer Sonntagspredigt.

Religionen haben dasselbe geleistet, keine Frage. Eine Frage ist es aber, wieso das bei Religionen ohne weiteres erkannt wird, bei Weltanschauungen aber nicht. Und die Antwort lautet: Die Religiösen erkennen das bei den Weltanschauunen, die Ideologischen erkennen das bei den Religionen. Und da beide Gruppen einander so lieb haben, dass sie sich schlicht nichts vermitteln können, bleibt es auch dabei. Und die paar wenigen Hansel, die weder das eine noch das andere sind udn deswegen beides sehen, sind irgendwie gar nichts, jedenfalls nichts mehr als Schneeflocken auf der Sonnenoberfläche, und können getrost ignoriert werden.

Koran und Bibel sind voll von Tötungsanweisungen, auf die sich religiöse Fundamentalisten berufen.

Soweit mir bekannt, gingen Lenin, Mao oder andere Leistungsträger humanistischer Ideale in ihren Hinweisen für praktische Revolutionäre durchaus in die Details des Tagesgeschäfts.