Der Postmoderne

Biografie Der chilenische Regisseur Pablo Larraín hat nach „Jackie“ Kennedy nun auch Pablo „Neruda“ verfilmt
Michael Suckow | Ausgabe 08/2017

Seine Filme lässt er gern auf einen sentimentalen oder pathetischen Schluss zulaufen. Im Ende Januar gestarteten Biopic des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín über die JFK-Gattin Jackie sehen wir die Protagonistin zwei Stunden lang herumgehen und -stehen in der steifen Körperhaltung einer Repräsentationsdame, die sich keine verrutschte Haarsträhne in der Öffentlichkeit leisten darf.

Kalt, oberflächlich unbewegt, verhaltenes Entsetzen, Schmerz über das Vorgefallene, Angst vor der Zukunft nur ahnen lassend, zeigt sich uns den halben Film über das Gesicht der Darstellerin Natalie Portman nach dem Attentat von Dallas 1963. Um sie herum historische Figuren wie der später ebenfalls ermordete Robert Kennedy oder John F. Kennedys Amtsnachfolger Lyndon B. Johnson – Anzugmänner, deren Dialoge sich um Wahrung der Form und angemessene Symbolik der Macht drehen. Auch beim Umgang mit den halbwaisen Kindern der First Lady.

Zum Schluss aber darf der Kinobesucher sich plötzlich eine Eloge auf Kennedy, den zu früh aus dem Leben gerissenen tadellosen Ritter Artus anhören, gesprochen von seiner Guinevere, gestützt von einem katholischen Beichtvater (dem kürzlich verstorbenen John Hurt), ihrem Merlin. Das Weiße Haus wird als Camelot, das Oval Office als die Tafelrunde imaginiert.

Der Salonkommunist

Der Präsident steht als Artus einer Versammlung edler Ritter vor, die nichts wollten als to make the world a better place. Wenn man ihn nur etwas länger am Leben gelassen hätte. Wer eigentlich die Drachen und bösen Zauberer sind, die Artus/Kennedy nach weniger als drei Jahren Amtszeit das Leben nahmen, spielt keine Rolle. Der Nachfolger ist Johnson, der Vietnam in die Steinzeit bomben wollte. Man fühlt sich an die aktuelle Reflexion des Übergangs von Obama zu Trump erinnert.

In Neruda, Larraíns Film über den chilenischen Dichter, steht Pablo am Schluss im Schnee der chilenischen Berge über dem tödlich getroffenen Körper seines Antipoden, des Verfolgers, den er an der Nase herumgeführt hatte, und bedauert zutiefst, seinen Gegner verloren zu haben. Dieser Verfolger hebt zu einem postmortalen Monolog an, der sich anhört wie eine Läuterung und Eloge auf den Dichter ist, welcher mit seiner Sprachmacht die Welt und die Menschen erschafft, indem er ihnen eine Stimme gibt und sie von ihren Lebensillusionen befreit. Ein Hohelied auf die ästhetische Schöpferkraft, die nicht weltzeigend, sondern weltschaffend sei. Pathetischer (und idealistischer) geht es kaum.

Der Weg hin zu diesem Schluss, der Weg der Protagonisten durch das Geschehen des Films, ist dagegen eine Art Eulenspiegeliade, wobei dieser Neruda des Pablo Larraín gleichzeitig den Thyl Ulenspiegel und den Lamme Goedzak im Sinne des belgischen Romanciers Charles de Coster gibt, der im 19. Jahrhundert den Stoff als Epos des flämischen Freiheitskampfs gegen die Spanier variierte. Neruda ist eine Art kämpferischer Narr, der in den Bordellen und Arbeiterkneipen mit der durchgeistigten Schwermut des revolutionären Thyl und mit der Fleischeslust des im Moment lebenden Lamme auftritt. Ein Salonkommunist, ein geiler Bohemien, dem sein Gegenspieler in Off-Monologen höhnisch Doppelzüngigkeit vorwirft.

Ins Kino werden sicher fast nur Leute gehen, die mit dem Namen Neruda etwas anzufangen wissen. Menschen einer Generation, die in Ost und West die Immigration verfolgter Chilenen nach dem Pinochet-Putsch von 1973 erlebt hat. Die Ostgebürtigen werden den schwermütig-schwülstigen Prog-Rock-Song der Band Renft im Ohr haben: „Leb wohl Neruda / leb wohl Poet“. Und natürlich die Uraufführungen des von Mikis Theodorakis vertonten Canto General 1981 im verschwundenen Palast der Republik in Ostberlin mit dem Komponisten himself am Dirigentenpult.

Etwas weniger überrascht oder befremdet von Larraíns Film werden die sein, die sich an den Film Der Postmann von Michael Radford aus dem Jahr 1994 erinnern, der einen kurzen Lebensabschnitt Nerudas zu einer fiktiven Handlung macht. Hier ist die nahezu vollständig entpolitisierte Begegnung eines berühmten Poeten und eines Briefträgers zu besichtigen. Neruda ist also Popkultur geworden. Eine CD mit dem Ostberliner Canto General (Gesang: Maria Farantouri) wird heute bei Amazon für 99 Euro gehandelt. Larraín nennt seinen Film ein Anti-Biopic. Non-Biopic wäre wohl der bessere Ausdruck. Dieser Film erzählt ungefähr so viel über den historischen Dichter wie der Western Tombstone über den historischen Wyatt Earp.

Larraín hat einen Stoff bearbeitet. Seine Hauptfigur tritt als römischer Senator auf, parliert mit seinen politischen Gegnern in einer prächtig ausgestatteten Latrine. Er entzieht sich dem Verlangen seiner Frau und lebt eine maskulistische Liebes- und Genussutopie bei den Sexarbeiterinnen im Bordell. Es folgt die Flucht des Ulenspiegel/Goedzak-haften Schelms, der den Häschern eine Nase dreht. Schließlich gelangen wir auf Pferden in die Schneewelt der Anden, wo der Film die Wendung zum Alternativwestern nimmt.

Die ernsten politischen Hintergründe der Faschisierungsperiode in Chile Ende der 1940er Jahre, die Lager (es wird kurz ein Pinochet als Lagerkommandant erwähnt), der Ruf des Kommunisten und Dichters Neruda in Europa, als Mythos im Film von der Picasso-Figur formuliert – all das mutet wie historistischer Firnis an. Noch in den 1990ern hätte man das postmodern genannt.

Info

Neruda Pablo Larraín CHL/ARG/FRA/ESP/USA, 107 Minuten

06:00 08.03.2017

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