Die reine Form

Dresden Schloss Pillnitz zeigt die Designs von Christa Petroff-Bohne. Sie gilt als eine der wichtigsten Gestalterinnen der deutschen Nachkriegsgeschichte

In den Rillen dekorativer Reliefs tummeln sich die Bakterien. Die Formgestalterin Christa Petroff-Bohne sah sie überdeutlich, als sie einmal bei den „Hygiene-Leuten“ durchs Mikroskop blicken durfte. Sie recherchierte damals für neue Geschirrentwürfe, erzählt sie in einem Videoclip. Den schutzmaskierten BesucherInnen mag dieses Detail besonders auffallen. Vielleicht geht ihnen dabei auf, dass der ewige Streit unter designaffinen Leuten über die ästhetische Zulässigkeit von Ornamenten eigentlich nicht die Geschmacks- oder ideologische Frage ist, als die sie seit Adolf Loos (Ornament und Verbrechen, 1908) immer behandelt wurde. Die maximal schlichten Edelstahlgeschirre, die Petroff-Bohne für die Gastronomie entwarf, sind jedenfalls reine Form. Aber was heißt das eigentlich?

Betritt man die Eingangshalle des Wasserpalais im Schloss Pillnitz, wird einem zunächst das Œuvre der 1934 im sächsischen Colditz geborenen Designerin mit ausgesuchten, fein angeordneten Arbeitsbeispielen als Landschaft präsentiert. Man fühlt sich an Klassiker der Objektfotografie der Neuen Sachlichkeit erinnert. An Hans Finslers Fotos des seriellen KPM-Geschirrs von Marguerite Friedlaender etwa. Das Licht ist wie bei einem Bühnenbild genau kalkuliert. Die Ausstellung ästhetisiert ihr Thema, so der erste Eindruck. Das zeigt sich schon an ihrem Titel: Schönheit der Form. Nach mehr als einem Jahrhundert der Fragmentierung, der Zerstörung von Beständigkeit und Ganzheitlichkeit, werfen wir wieder einen Blick auf „die“ Form? Klára Němečková, Kuratorin im Haus, und die Designerin Katleen Arthen nutzen das Ausstellungslayout und die Gestalt der ausgestellten Dinge als Medien, eine Grundaussage zu transportieren. Hier wird nicht „DDR-“ oder „Ost-Design“ für Ostalgiker präsentiert, sondern ein Beispiel für die internationale Moderne des späten 20. Jahrhunderts.

Im üblichen Reden über Design ist „Form“ meist die Metapher für die äußere Erscheinung der Dinge. In jüngerer Zeit ist in die Diskussionen ein Verständnis des Begriffs eingebracht worden, das „Form“ nicht als Hülle oder Kontur, sondern als eine Qualität des Zusammenhangs von Struktur, Funktion und äußerer Gestalt der Dinge der Lebensumwelt versteht. Bei Christa Petroff-Bohne steht das Ding selbst im Zentrum. Nicht mehr, vor allem aber nicht weniger.

Ein flowiges Nachspiel

Das Ding selbst zu gestalten, nicht nur sein Bild, ist der höchste Anspruch, den eine Designerin an ihre Arbeit haben kann. Man sehe und höre, wie Professorin Petroff-Bohne im Video die Feinheiten des Kaffeekännchens mit dem breiten Falzrand erklärt. Diese gestaltgewordenen Konfigurationen haben ein bewegtes Vorspiel in der Herstellung und ein geradezu flowiges Nachspiel im Gebrauch. Wer schon einmal die Gelegenheit hatte, die elegant-flüssigen, manchmal artistischen Bewegungen professioneller Kellnerinnen zu beobachten, wird die Entstehung der ausgestellten Arbeitsgeräte anders betrachten. Sie sind aus den Bewegungen der Herstellung – Schneiden, Stanzen, Drücken, Tiefziehen – und der Handhabungen – Befüllen, Heben, Tragen, Kippen, Gießen, Reinigen – organisch erwachsen. Es gibt im letzten Raum der Ausstellung eine Slideshow zu sehen, die Fotos aus der Produktion im VEB Auer Besteck- und Silberwarenwerke und im Gebrauch im Restaurant Moskau in der Karl-Marx-Allee in Berlin zeigen. Wer sich die nicht angesehen hat, hat die Ausstellung nicht gesehen. Diese in großen Stückzahlen für den Gebrauch in öffentlichen Einrichtungen entworfenen und hergestellten Dinge zeigen das Wesen dieser – man könnte sagen organisch-funktionalistischen – Gestaltungshaltung am besten.

Die Gestaltkultur der Christa Petroff-Bohne ist natürlich auch in den später entstandenen, manchmal auch wieder feinsinnig ornamentierten Porzellandesigns erkennbar. Hier fällt es leichter, in die übliche kontemplative Art der Betrachtung von Design zurückzufallen. Da sind wir wieder bei einer „Schönheit der Form“, die sich vor allem als plastisch-visuelle Qualität darbietet. Das Teeservice, das Petroff-Bohne 1989 für die Rosenthal AG entwarf – übrigens eine deutsch-deutsche Koproduktion! – hat die Anmutung als primäre Wirkungsabsicht. Man beachte die ausgestellte Teekanne mit dem hochschwingenden Porzellangriff. Ihre Gestalterin interpretierte einmal Wilhelm Wagenfelds berühmte Teetasse aus Jenaer Glas als „weit ausladende Geste behaglichen Teetrinkens“. So wird eine Alltagshandlung zum bedeutungsvollen Gestikulieren.

Man kann sich das Buch zur Ausstellung gönnen. Die Co-Kuratorinnen Silke Ihden-Rotkirch und Jörg Petruschat und die leider viel zu früh verstorbene Gründerin des form+zweck-Verlags, Angelika Petruschat, haben es gemacht. Sie porträtieren mit klugen Essays und mit ausgezeichnetem Bildmaterial eine Vertreterin der „Kriegskinder“-Generation, die als Gestalterin auf die Alltagskultur der DDR der 1960er bis 1980er einen mindestens ebenso großen Einfluss wie ihre Altersgenossen und Kollegen, die „Designpäste“ Rudolf Horn und Karl Clauss Dietel, hatte. Und sie stand immer – als Frau? – in deren Schatten. Ausstellung und Buch ändern das jetzt hoffentlich.

Info

Schönheit der Form – Die Designerin Christa Petroff-Bohne Schloss Pillnitz bei Dresden, bis Ende Oktober 2020

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