Furnier für Freiheit

Ost-Design Rudolf Horns modulare Schrankwand MDW 60 hatte enormes demokratisches Potenzial. Eine Ausstellung in Dresden begreift das nicht ganz
Furnier für Freiheit
Allet schick im Reich von Rudolf Horn (l.)! Nur die Aufhängung von Jacken galt lange Jahre als unlösbares Problem

Foto: Friedrich Weimer

Das Möbeldesign der DDR der 1960er Jahre ist gerade sehr gefragt. In Antikläden steht Franz Ehrlichs Möbelprogramm 602 neben skandinavischen Klassikern und sieht gut dabei aus. Wenn also eine Ausstellung zum 90. Geburtstag eines anderen DDR-Formgestalters, Rudolf Horn, eröffnet wird, dann muss der Designfan die natürlich sehen.

Es ist aber wie mit der Kinotrailer-Ästhetik. Ein Film, für den man nach dem Anschauen eines rasant geschnittenen Trailers ins Kino gegangen ist, kann sehr enttäuschen. „Designpapst der DDR“ sei er gewesen, „stilprägend“ habe er gewirkt, sein bekanntester Entwurf sei der „Kultklassiker“ MDW 60 gewesen, heißt es in Zeitungsartikeln und Radiofeatures, die die Ausstellung Rudolf Horn – Wohnen als offenes System im Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz bei Dresden ankündigen.

Zu sehen sind eher unspektakuläre Grundrisse, technische Aufmaße, einige puristische Federzeichnungen, furnierte Paneele, Sortimente von Möbelbeschlägen und spritzgegossene Plastikteile. Den Ausstellungsmacherinnen kann man den Vorwurf einer reißerischen Werbung, die falsche Vorstellungen weckt, nicht machen. Betritt man das Foyer des Bergpalais im Schloss Pillnitz, trifft man zunächst auf den „Wohnraum als Spielraum“, eine in Weiß gehaltene Konfiguration aus Stellwänden und Sitzquadern, eine Bastelecke für Kinder. Das ist so aufregend wie die Spielecken in Shoppingmalls oder Arztpraxen, nur längst nicht so bunt. Die Kids hier abladen und dann in Ruhe edles Design schauen – das ist der Plan. Wer nach einem hastigen Gang durch die Ausstellung vielleicht etwas enttäuscht zurückkehrt, könnte seine Sprösslinge mit eifergeröteten Wangen beim eigensinnigen Gestalten eines Möbelsystems aus maßstäblich verkleinerten MDW-60-Modulen antreffen. Die Kleinen hätten dabei am Ende wahrscheinlich Thema und Anliegen der Ausstellung haptisch erfahren.

Wer zu der Rudolf-Horn-Ausstellung gelangen will, muss vorher das Schaudepot der Deutschen Werkstätten Hellerau durchlaufen. Man sollte diesen Weg bereits als Teil der Schau begreifen, denn so spannt sich ein historischer Bogen, der mit der Auflösung klassisch geschlossener Gestaltästhetiken in Systeme und offene Strukturen endet.

Der Ausstellungsgestalter Michael Antons hatte es mit den korridorartig gestreckten Ausstellungsräumen in diesem Teil des Bergpalais nicht leicht. Er konzipierte einen Parcours von Guckkästen und Texttafeln zu Themen wie dem „Modulbaukasten“ und dem „Variablen Wohnen“. Die Ausstellungsmacherinnen benennen leider nur ungenau, was die besondere Leistung Rudolf Horns und der Gestalter und Ingenieure um ihn herum eigentlich war. Etwas „gegen die Monotonie“ zu setzen, das sei Horns Anspruch gewesen. Damit ist wie üblich die (visuelle) Monotonie der Plattenbauweise, der Wohnungszuschnitte in ihr und der konventionellen „Schrankwände“ gemeint. Diese Interpretation fasst aber weit daneben. Rudolf Horn selbst bringt das Wesentliche seines Konzepts immer noch am präzisesten auf den Punkt. „Wohnen als offenes System“ und das „Prinzip Modulbaukasten“ haben nicht die visuelle oder die ästhetische Variierung von Räumen und Dingen als Ziel. Sie sollen selbstbestimmtes Handeln der Bewohner und Benutzer von Wohnraum und Einrichtung ermöglichen. „Der Nutzer als Finalist“, Horns Slogan, heißt: Wir gestalten die Bausteine, den Bau schafft ihr euch selbst. Weniger Paternalismus war selten im Design. Die Ausstellung veranschaulicht das mit einer Wand voller Berichte aus über einem halben Jahrhundert Gebrauchsgeschichte des MDW-60-Baukastens.

Es steckt ein enormes demokratisches Potenzial in diesem Gestaltungskonzept, das unter der Dominanz des warenästhetischen Stylings im Kapitalismus sich nur rudimentär entfalten kann. Auch in der DDR ist es, aus anderen Gründen zwar, eine konkrete, aber doch eine Utopie geblieben. Gestalter wie Rudolf Horn haben einen Blick für die innere Widersprüchlichkeit des Designs in der Moderne. Da streiten die Interessen des Warentauschs mit den Bedürfnissen des Gebrauchs, die Rationalisierungserfordernisse der Industrie mit den Individualisierungswünschen der Menschen. Die so entstehenden Dinge unserer Alltagskultur sind materialisierte Widersprüche. Modernes Design ist das Austarieren und Weitertreiben dieser Widersprüche. Pures Styling verdeckt sie nur.

Im Bauhaus-Jahr wird landauf, landab von den „stilprägenden“ Großtaten der Bauhäusler geschwärmt. „Schlichte“ Formen sind angesagt. Eine ästhetische Moderne, deren Gebrauchswert es zuallererst ist, symbolisches Statement und Polemik zu sein, wird gefeiert. Die soziale Modernität von Raum und Gegenstand wird kaum diskutiert. Sollte sich in absehbarer Zeit eine Politik durchsetzen, die das Wohnen als einen Bereich elementarer Daseinsvorsorge von den asozialen Zwängen des Warentauschs befreit, dann wird man auf die Philosophie auch eines Rudolf Horn und seiner Mitstreiter anders zurückgreifen.

Info

Rudolf Horn – Wohnen als offenes System Kunstgewerbemuseum Dresden – Schloss Pillnitz, bis 3. November 2019

06:00 09.10.2019
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