Sind Verschwörungstheorien immer irrational?

Verschwörungstheorien Verdienen Verschwörungstheorien ihren schlechten Ruf? Über diese Frage wird in der zeitgenössischen Philosophie diskutiert.
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Die Wörter "Verschwörungstheorie" und "Verschwörungstheoretiker*in" sind schon seit geraumer Zeit in aller Munde. Viele Kommentatoren meinen einen dramatischen Zuwachs an verschwörungstheorischem Denken wahrnehmen zu können. In jedem Falle aber spielen Verschwörungstheorien wie die der "Lügenpresse" oder der "Islamisierung" eine wichtige Rolle in der Spaltung demokratischer Gesellschaften und dem Aufschwung populistischer Parteien.

Die Bezeichnungen "Verschwörungstheorie" und "Verschwörungstheoretiker*in" sind dabei typischerweise negativ konnotiert. Wer solche Theorien glaubt gilt in der Regel als intellektuell unzurechnungsfähig. Entsprechend ist die Bezeichnung im politischen Diskurs ein willkommenes rhetorisches Mittel, um politische Gegner herabzusetzen. Spätestens seit Robert Muellers Ermittlungsbericht den Verdacht einer geheimen Absprache zwischen Trumps Wahlkampfteam und Russland vorerst entkräftet hat, nutzen nun konservative Kommentatoren die Gelegenheit, Demokraten als Verschwörungstheoretiker*innen zu denunzieren. Damit wird dem politischen Gegner letzten Endes nachgesagt, einem irrationalen Hirngespinst nachgeeifert zu sein.

Verschwörungstheorien und -theoretiker*innen haben also einen schlechten Ruf. Doch haben sie diesen schlechten Ruf verdient? Ist es per se irrational, eine Verschwörungstheorie zu glauben? Philosophen diskutieren gegenwärtig über genau diese Frage. Erstaunlicherweise betrachten viele Philosophen Verschwörungstheorien wesentlich wohlwollender als die Öffentlichkeit.

Wie so oft in der Philosophie sollten wir erstmal klären, über was wir genau reden: Was sind überhaupt Verschwörungstheorien? Und was sind Verschwörungstheoretiker*innen? Die letzte Frage ist relativ einfach: Verschwörungstheoretiker*innen sind Menschen, die an Verschwörungentheorien glauben. Die erste Frage ist etwas schwieriger. Für unsere Zwecke reicht aber die folgende Annäherung: eine Verschwörungstheorie bietet eine alternative Deutung von Ereignissen und Sachverhalten an, die der offiziellen Deutung widerspricht; und sie behauptet weiterhin, dass zumindest einige Vertreter der offiziellen Deutung wissentlich daran beteiligt sind, die Öffentlichkeit mit der offiziellen Deutung in die Irre zu führen. Was ist eine offizielle Deutung? Dem Philosophen David Coady zufolge ist eine Deutung offiziell, wenn sie von Institutionen vertreten wird, die weitreichende Macht darüber haben, was in einer Gemeinschaft geglaubt wird. Offizielle Deutungen kommen etwa von Regierungsvertretern, Wissenschaftlern oder hinreichend einflussreichen Medien.

Unsere Charakterisierung passt zu den typischen Beispiele für Verschwörungstheorien. Die Theorien der gefälschten Mondlandung, der Reptiloiden oder der Chemtrails nehmen alle alternative Deutungen vor, die der offiziellen Deutung widersprechen. Und sie behaupten, dass zumindest einige der offiziellen Vertreter an einer systematischen Irreführung der Öffentlichkeit beteiligt sind. Dagegen ist etwa die These, dass die Erde eigentlich flach ist - vertreten durch sogenannte "Flat Earther" - an und für sich noch keine Verschwörungstheorie. Sie ist zunächst einmal nur eine empirische These über die Gestalt der Erde, selbst wenn sie der offiziellen Position widerspricht. Ihre Anhänger landen aber schnell im Reich der Verschwörungstheorien, wenn sie zusätzlich behaupten, dass Vertreter der offiziellen Position die Öffentlichkeit absichtlich in die Irre führen. Ebenso ist die These, dass sich einige Al-Qaida-Terroristen dazu verschworen haben, das World Trade Center zu attackieren, keine Verschwörungstheorie. Sie entspricht der weitreichend geteilten offiziellen Position.

Da wir nun eine kleine Arbeitsdefinition von Verschwörungstheorien haben, können wir uns in einem weiteren Schritt fragen: ist es unweigerlich irrational, Verschwörungstheorien zu glauben? Der Philosoph Neil Levy argumentiert, das sei schon aus begrifflichen Gründen fast immer so. Die offizielle Position, so Levy, wird durch intellektuelle Authoritäten geprägt - Politiker, Journalisten und Experten. Menschen also, die es am besten wissen sollten und denen wir grundsätzlich glauben sollten. Wenn sich Verschwörungstheoretiker*innen also gegen die offizielle Deutung richten, dann schenken sie genau denen keinen Glauben, denen sie eigentlich glauben sollten. Und das ist irrational.

In diesem Argument stecken mehrere Annahmen, die man kritisieren könnte. Besonders wirksam scheint mir aber David Coadys Kritik. Wenn wir fast nie der offiziellen Position widersprechen sollten, dann bedeutet das im Umkehrschluss, dass wir in aller Regel den offiziellen Deutungen Glauben schenken sollten. Das hat den Anschein von Leichtgläubigkeit. Die Geschichte zeugt von zahlreichen Fällen, in denen selbst demokratische Regierungen die Öffentlichkeit in die Irre geführt haben. Coady verweist etwa auf die Behauptung der Bush-Administration, dass der Irak Massenvernichtungswaffen und Verbindungen zur Al-Qaida besessen habe. Beides waren Falschaussagen. Sie wurden aber nicht nur von der US-Regierung vertreten sondern auch durch die US-Medien verbreitet und gestützt. Sie erhielten dadurch offiziellen Status und die Mehrheit der Amerikaner glaubte daran.

Der Fall ist nicht nur eine Ausnahme, der die Regel bestätigt. Man muss weder übertriebener Zyniker noch Anhänger der "Lügenpresse"-Theorie sein, um anzuerkennen, dass öffentliche Personen, Institutionen und Medien gelegentlich die Öffentlichkeit in die Irre führen. Wir sollten zwar Regierungsvertretern, Journalisten und Co. einen Vertrauensvorschuss geben. Aber ihnen blind zu vertrauen kann kein Gebot der Vernunft sein. So wie es ungerechtfertigt ist, pauschal an der offiziellen Position zu zweifeln, so ist es auch ungerechtfertigt, pauschal der offiziellen Position Glauben zu schenken. Manchmal ist es vernünftig, Zweifel an der offiziellen Version der Dinge zu hegen.

Das öffnet Tür und Tor für die Einsicht, dass es manchmal rational - ja sogar geboten - sein kann, eine Verschwörungstheorie zu glauben. Das zeigt sich besonders gut an Verschwörungstheorien, die sich als wahr herausgestellt haben. Ein beliebtes Beispiel in der philosophischen Literatur betrifft die berühmte Watergate-Affäre rund um Richard Nixon in den frühen 70-ern.

Wir befinden uns mitten in Nixons Wahlkampf um die Wiederwahl als Präsident der USA im Jahre 1972. In der Nacht zum 17. Juni 1972 wurde ein Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei vereitelt. Unter den gefassten Einbrechern befand sich ein ehemaliger Agent der CIA, der zudem Sicherheitschef des "Komitees für die Wiederwahl des Präsidenten" war. Außerdem waren weitere Mitglieder des Komitees in den Vorfall verwickelt, die beste Kontakte zur US-Regierung pflegten. Damit lag der Verdacht nahe, dass nicht nur die CIA sondern auch das Weiße Haus bei dem Einbruch seine Hände im Spiel hatte. Nixon und sein Team dementierten jegliche Verstrickung in den Vorfall. Mit Erfolg. Er erhielt keine große Aufmerksamkeit im Präsidentschaftswahlkampf und Nixon wurde wiedergewählt. Damit erhielt die Deutung, dass Nixon nicht in die Vorfälle verwickelt war, offiziellen Status.

Heute wissen wir: Der Einbruch fand auf Geheiß von Richard Nixon höchstpersönlich statt. Die damals vertretene offizielle Deutung, die von Nixon und seinem Team verbreitet wurde, war falsch. Wenn wir heute an die verschwörerischen Tätigkeiten von Nixon glauben, macht uns das streng genommen noch nicht zu Verschwörungstheoretiker*innen. Denn es gehört heute zur offiziellen Version der Ereignisse, dass Nixon in den Vorfall verwickelt war.

Selbiges gilt aber nicht für diejenigen, die den Skandal aufgedeckt haben und dank derer wir heute um die wahren Hintergründe des Vorfalls wissen. Die Rede ist unter anderem von den Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward. Bernstein und Woodward zweifelten an der offiziellen Version und strengten eigene Ermittlungen zu dem Vorfall an. Während ermittelnde Staatsanwälte noch keine Verbindung zwischen dem Vorfall und dem Weißen Haus sehen wollten, gingen die beiden Journalisten bereits von einer politischen Verschwörung aus. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes Verschwörungstheoretiker.

Ihre Überzeugung, dass Nixon in den Vorfall verwickelt war und somit die Öffentlichkeit wissentlich in die Irre geführt hat, war aber nicht irrational. Bernstein und Woodward hatten zahlreiche zuverlässige Informanten, darunter Mark Felt, der stellvertretender Direktor des FBI war. Ihre Theorie war kein Hirngespinst, sondern zunehmend gut belegt. Zuletzt war sie so gut belegt, dass die Journalisten maßgeblich zur Enthüllung des Skandals beitragen konnten.

Es war in dieser Situation also vollkommen vernünftig von ihnen, an eine Verschwörungstheorie zu glauben. Der Fall von Bernstein und Woodward ist jedoch kein Einzelfall. Den Enthüllungen von Investigativ-Journalisten geht oft eine Phase voraus, in der diese Journalisten im Grunde Verschwörungstheoretiker*innen sind. Und der Philosoph Charles Pigden weist darauf hin, dass unsere Geschichtsbücher von einer Fülle von Verschwörungen berichten. Hier gilt wieder: Wir sind streng genommen noch keine Verschwörungstheoretiker*innen, wenn wir den Erzählungen unserer Geschichtsbücher Glauben schenken. Denn die Inhalte unserer Geschichtsbücher haben offiziellen Status. Aber für viele dieser Verschwörungen gilt auch: Dass unsere Geschichtsbücher überhaupt von ihnen berichten verdanken wir Menschen, die diese Verschwörungen aufgedeckt haben. Menschen also, die zur damaligen Zeit an der irreführenden offiziellen Version gezweifelt haben und durch ihre Ermittlungen verschwörerische Machenschaften nachweisen konnten.

Wir kommen nicht umhin zu behaupten: Es kann durchaus rational sein, an eine Verschwörungstheorie zu glauben. Diese Behauptung macht uns noch nicht zu Verschwörungstheorie-Apologeten. Sie zwingt uns nicht dazu, alle Verschwörungstheorien in Schutz zu nehmen. Dass viele der Verschwörungstheorien, die in den Medien und in der Populärkultur verhandelt werden, absurd anmuten, ist kaum der Rede wert. Theorien wie die der gefälschten Mondlandung oder der "Klimaverschwörung" sind, bei allem was wir wissen, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit falsch. Es spricht so gut wie nichts für und so gut wie alles gegen ihre Wahrheit. Wir können mit Fug und Recht sagen, dass es irrational ist, sie zu glauben.

Das liegt aber nicht an ihrer Zugehörigkeit zur Familie der Verschwörungstheorien. Es liegt daran, dass es besonders schlechte Exemplare von Verschwörungstheorien sind. Es fehlt an handfesten Belegen für sie und es gibt gute Belege gegen sie. Genauso ist die Überzeugung, dass die Erde flach ist, nicht deshalb ungerechtfertigt, weil es eine Theorie über die Gestalt der Erde ist. Die besagte Theorie ist einfach eine besonders schlechte Theorie über die Gestalt der Erde, für die kaum etwas spricht und Vieles dagegen. Aber ebenso wie es neben allen schlechten Theorien über die Gestalt der Erde auch gute Theorien gibt, die gut belegt sind, so gibt es auch neben all den schwarzen Schafen im Reich der Verschwörungstheorien gute Verschwörungstheorien.

Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass die Akzeptanz von Verschwörungstheorien oft mit fragwürdigen Denkweisen zusammenhängt. Neuere pyschologische Untersuchungen legen nahe: Eine Verschwörungstheorie kommt selten allein. So haben Psychologen beobachtet, dass etwa die Akzeptanz von Verschwörungstheorien zu 9/11 meistens mit der Akzeptanz weiterer Verschwörungstheorien einhergeht. Derartige Korrelationen weisen auf eine regelrechte "Verschwörungsmentalität" hin: eine nahezu pathologische Neigung dazu, offiziellen Deutungen mit Skepsis zu begegnen und hinter gesellschaftlich bedeutsamen Ereignissen stets die geheimen Machenschaften von mächtigen Akteuren zu wittern. Derlei Tendenzen sind zweifelsohne bedenklich.

Ähnlich bedenklich wäre aber David Coady zufolge eine "Zufallsmentalität" - also eine Neigung dazu, hinter dem Zusammentreffen von bedeutsamen Ereignissen immer nur den Zufall am Werke zu sehen. Dass mitten in Nixons Präsidentschaftswahlkampf ein Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei stattfindet und die Einbrecher Verbindungen zur Regierung haben, würde die Zufallstheoretiker*in allein dem Zufall zuschreiben. Eine darüber hinausgehende Verbindung zwischen beiden Ereignissen würde geleugnet. Damit läge sie, wie wir heute wissen, falsch. Weder eine Verschwörungs- noch eine Zufallsmentalität ist also ein guter Pfad zur Wahrheit.

Irgendwo zwischen Verschwörungs- und Zufallsmentalität liegt wohl das Ideal. Wo genau, ist schwer zu sagen. Wir müssen wahrscheinlich von Fall zu Fall entscheiden, ob es plausibel ist, entgegen der offiziellen Deutung verschwörerische Tätigkeiten anzunehmen. Das lässt aber genug Raum für die Behauptung, dass es bisweilen gerechtfertigt ist, an eine Verschwörungstheorie zu glauben.

Was bedeutet das nun alles? Die Bezeichnung "Verschwörungstheoretiker*in" wird bisweilen benutzt, um anderen Menschen ihren Status als ernstzunehmende Diskursteilnehmer abzusprechen. Genauso wird die Bezeichnung "Verschwörungstheorie" verwendet, um eine Theorie als unglaubwürdig abzustempeln. Diese Praxis ist aber mitunter problematisch. Es gibt gelegentlich Verschwörungen und ihre Existenz ist oft politisch brisant - wie etwa im Falle von Nixon. Wir sollten als demokratische Bürger ein reges Interesse daran haben, mögliche Verschwörungen aufzudecken. Dabei müssen wir uns aber von dem Vorurteil lösen, dass es stets irrational ist, Verschwörungstheorien zu glauben. Wir müssen Verschwörungstheorien ein Stück weit von ihrem schlechten Ruf befreien.

Wenn gewisse Fox-News Moderatoren nun Demokraten als Verschwörungstheoretiker*innen bezeichnen, um damit zu suggerieren, dass der Verdacht auf geheime Absprachen zwischen Trumps Team und Russland vollkommen aus der Luft gegriffen sei, müssen wir dieser Rhetorik nicht anheimfallen. Wir können sagen: Es mag sein, dass die Demokraten hier an eine Verschwörungstheorie glauben. Damit ist aber noch nichts über die Qualität ihrer Theorie gesagt. Vielleicht spricht Vieles für sie; vielleicht nicht. Wir müssen uns den Fall genau anschauen.

16:50 04.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Goetsch

Max Goetsch studiert Philosophie an der FU Berlin und schreibt über neuere Entwicklungen in der Philosophie zu gesellschaftlich relevanten Themen.
Max Goetsch

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