Schneeflocken – frohlocken!

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Glaubten wir vor Jahresfrist noch, der leise rieselnde Schnee sei kaum mehr als eine vorweihnachtliche Fata Morgana, waren wir wenig später mit einer wahren Naturkatastrophe konfrontiert.

Zehn Zentimeter Neuschnee! Lange Kolonnen unverhofft aber wirkungsvoll gebremster, übellauniger Autofahrer walzen sich durch die Straßen. An allen Ecken rutscht und rummst es, mancherorts bleibt der Feierabendstau im Schnee stecken. Die Nation ist ob der winterlichen Glätte sehr bestürzt. Aufgeregte Radio- und Fernsehsprecherinnen beschwören das Chaos und reden sich ernsthaft in eine Art Frontberichterstattung hinein, als hätten feindliche Mächte gewaltige Schneekanonen auf unschuldige Autofahrer abgefeuert, als würde die unberechenbare, tückische Natur hier einen kalten Krieg gegen alles motorisierte Leben führen.

Nun ja, ärgerlich ist es ja aus ihrer Sicht: Da wird mit voller Power die Erdatmosphäre aufgeheizt, und statt eines autogerechten Winters gibt es Schnee und Eisglätte! Und ach: Der ganze, schöne automobile Fortschritt gerät ins Rutschen.

Dabei ist die Angelegenheit doch eher ein Spaß, eine Art himmlischer Verkehrsberuhigung. Wenn die Schneeflocken vom Himmel herab tanzen und in kurzer Zeit selbst viel befahrene Straßen mit einer weichen weißen Schicht bedecken (zudecken um aufzudecken!), dann geht uns das Herz auf, es herrscht fröhlicher Ausnahmezustand. Kinder tollen im Schnee herum und bauen Schneemänner, Autos verweilen entspannt in Garagen und Straßengräben, Lahme können plötzlich gehen, die Menschen haben sich was zu erzählen und die Straßen sind als Lebensraum zurückerobert. Der ADAC bemerkt vor lauter Blechschäden den eigenen Dachschaden nicht und die weiße Pracht geht der mobilen Gesellschaft derart auf die Nerven, dass es eine Freude ist; Schneeflocken – frohlocken!

Doch schon bald ist der Spaß vorbei. Der Winter hat keinen Platz in unserer kalten Gesellschaft mit ihrer ökonomisch-technischen Rationalität. Schneepflüge und Streufahrzeuge rollen an, um das „Chaos auf den Straßen" zu beseitigen. Doch Chaos schneit uns nicht einfach mal so herein! Autohersteller, Benutzer, Lobbyisten, Straßenbauer und Politiker arbeiten hart daran, die auto-aggressiven Verkehrsverhältnisse auszubauen und eine ökologische Wende zu verhindern. So könnte man das Chaos auf den Straßen eher bekämpfen: Den Schnee herzlich willkommen heißen und die Räumfahrzeuge zum Verkehrsministerium schicken.

12:13 23.12.2010
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Geschrieben von

müller meint

müller ist ein vielseitig desinteressierter, distinguierter und zu billigem Populismus neigender Schlaumeier.
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