Entscheidung für das Leben?

Kirchen jubeln. Eine Entscheidung für das Leben habe der Bundestag getroffen. Worum geht´s? Wird der Welthunger bekämpft? Werden Waffenexporte gestoppt? Wird der Zölibat abgeschafft?
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Ein neues Gesetz des Bundestages wird von Kirchen und vielen Medien als eine „Entscheidung für das Leben“ gefeiert. Das liest man gerne! Worum geht´s? Wird der Welthunger bekämpft? Werden Waffenexporte gestoppt? Wird der Zölibat abgeschafft? Nein, es geht um etwas völlig anderes: Die organisierte Suizidhilfe wird verboten und Zuwiderhandlung mit bis zu drei Jahren Gefängnis bedroht.

Das neue Gesetz soll verhindern, dass kranke, alte und unproduktive Menschen aus Kostengründen zum Suizid gedrängt werden. Ein Gesetz zur Verteidigung der Menschlichkeit gegen die rein ökonomische Vernunft. Sehr gut! Sehr gut? Nach 2374 Gesetzen, die das Leben und Denken der Bürger bis in alle Winkel der neoliberalen ökonomischen Logik ausliefern, hat der Bundestag nun endlich ein Gesetz beschlossen, das die Menschen dem Primat der Ökonomie entziehen möchte. Tatsächlich! Allerdings erst ganz ganz kurz vorm Sterben. Daher ist noch offen, ob sich die Betroffenen über diese sehr späte Überraschung freuen werden.

Auch wenn im Gesetz nicht explizit von Auferstehung die Rede ist, sie findet statt: Im Sonntagsredengewandt der Zeitgeistkritik feiert das kirchliche Suizidverbot Wiederauferstehung. Als Kriminalisierung der Sterbehilfe ins Bundesgesetzbuch geschlüpft, sichert es religiösen und zwangsweise auch nichtreligiösen Menschen ihre Würde. Todkranken Sterbewilligen bleibt nur noch die Wahl der Qual: Entweder „konventionell-schmerzhaft“ oder „pharmakologisch-zugedröhnt“. Man fragt sich allerdings, ob der kausale Zusammenhang zwischen Schmerz und Würde über die SM-Szene hinaus breite Akzeptanz finden wird?

Klärungsbedarf besteht auch noch bei den Ausführungsbestimmungen zum Gesetz: Welche Bahnstrecken oder Hochhäuser stehen für Verzweiflungssuizide ersatzweise zur Verfügung? Muss man für einen einzigen Kopfschuss aus der Pistole extra noch einen Waffenschein machen?“

14:18 09.11.2015
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