Neoliberal Bastards

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Die Berlinale schien gelaufen, die Stars sind abgereist, da erreicht uns diese Meldung: Die Jury kam noch einmal zusammen um einen Sonderpreis zu verleihen. Der Grund: „Neoliberal Bastards“ - der neue Film von Guido Westerwelle. Das bellende Comeback des narbengesichtigen Politikerdarstellers hat die Jury derart beeindruckt, dass sie ihn und seine jüngste Produktion mit einem neuen und erstmalig ausgelobten Preis bedachte.

Bei der nachträglich anberaumten Vorführung im Berliner Kino mit dem schönen Namen Colosseum zeigten sich Publikum und Jury von seiner darstellerischen Leistung, seiner Regie (nach eigenem Drehbuch) und seiner Maske gleichermaßen begeistert.

Was hier über die Leinwand lief, war wirklich großes Kino. Die Jury war zunächst von der packendend-grotesken Sozial-Fiction-Handlung angetan. Westerwelle lässt die Situation in seinem fiktiven Deutschland mit allen Mitteln seiner überreizten Phantasie eskalieren. Deutschland ist von Sozialisten, Weichlingen und einer mafiösen Soziallobby besetzt. Gutmenschelnde Alt68er haben Medien und Gerichte gleichgeschaltetet und verhindern die Senkung von Löhnen und Steuern auf ein für die Oberschicht erträgliches Maß. Die vollständige Exekution der neoliberalen Globalisierung, die Befreiung der Steuerzahler und die Disziplinierung der Massen geraten womöglich in´s Stocken. In einem perfekten Moment des Films, als seine Verbündeten im Kampf gegen Sozialismus und Schmarotzertum schwächeln, kehrt er von seinen Missionen im Ausland plötzlich zurück auf die politische Bühne. Wo es um Klassenkampf von oben geht, kann nur einer helfen: the inglorious Neoliberal Bastard alias Guido Westerwelle. Er glänzt in seiner Doppelrolle als Außenminister und spätrömischer Kampfhund.

Dabei ist es Westerwelle gelungen, seinem Charakter jede störende Nachdenklichkeit zu nehmen und einen Helden zu zeigen, wie das Kino ihn braucht – aggressiv, handlungsorientiert, selbstsicher, durchsetzungsstark und unbelastet von Faktenwissen. Mit niederem Instinkt für neue schmerzhafte Reformen und spektakuläre soziale Einschnitte. „Der Film schafft es, die unsinnigen und brutalen Maßnahmen des marktradikalen Helden als einzigen Weg aus der Krise darzustellen, das ist schon sehr gut gemacht,“ erklärt ein Sprecher der Jury. Der Zuschauer würde im Film selbst haarsträubende Widersprüche als völlig plausibel erleben. Beispielsweise als Arbeitslose dazu gezwungen worden seien, Arbeitsplätze anzunehmen, diese Arbeitsplätze aber überhaupt nicht existierten. Hier beweise der Film geradezu halluzinatorische Qualitäten, so der Sprecher.

Auch der Schauspieler Westerwelle zieht alle Register: gespielte Entrüstung, hinkende Vergleiche, klassische Demagogie. Interessant wird es ganz zum Schluss des Films. In der Szene, in der er vor versammelten Leistungsträgern im Berliner Sportpalast die (rhetorische) Frage „Wollt ihr den totalen Markt?“ in den Raum brüllt, rufen sogar einige im Kino erregt „Ja!“. Im Film sowieso.

Das war großartig. Dafür gab es von der Jury den „Braunen Bären“ in der Kategorie „Schmierfilm“.

23:24 22.02.2010
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