Steigender Ölverbrauch macht gute Laune

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Nach Monaten exzessiver Schwarzmalerei und notorischer Krisenberichterstattung kommt nun die nächste schlechte Botschaft: Wirtschaft, Börsen, Banken, Politik und Medien haben nun wieder gute Laune! Warum eigentlich? Weil die Weltwirtschaft nicht mehr so entsetzlich betriebsblind wäre für die sozialen und ökologischen Folgen ungehemmten Wachstums? Weil die Krise zu einer rationaleren Steuerung und einer effektiven gesellschaftlichen Kontrolle der Finanzmärkte geführt hätte? Weil die Weichen nun in Richtung eines sozial, ökologisch und global verantwortbaren und meinetwegen auch nachhaltigen Wirtschaftens gestellt worden wären? Nichts von alledem. Die gute Laune greift plötzlich und nur deshalb um sich, weil die Nachfrage nach Öl und somit der Ölverbrauch nun endlich wieder angestiegen ist.

Wer bislang glaubte, die globale Wirtschaft sei ein hochkomplexes System, das nur schwer zu durchschauen sei und noch schwerer zu steuern, muss nun leider erkennen: Es ist alles noch viel schlimmer. Die Wirtschaft und ihre Berichterstattung sind abgrundtief simpel und schwindelerregend platt.

Wenn 50 Prozent der Wirtschaft nach landläufiger Meinung Psychologie sind, was sind dann die anderen 50 Prozent? Es muss ein eindeutig unterhalb der Human-Psychologie anzusiedelndes amöbenhaftes Reiz-Reaktionsschema sein, das die Wirtschaftsfachleute mit einem mal (aus zu Recht verdunkeltem Himmel) wieder unnatürlich fröhlich werden lässt. Das Motivationsmodell, das hier zur Anwendung kommt, folgt der eher schlichten Mechanik von Lernsoftware. Geht die Kurve des Ölverbrauchs smileyhaft nach oben, macht das den studierten und hochkompetenten, den hochverantwortungsvollen und erfahrenen Top-Entscheidern nun eine fast kindlich-unschuldig anmutende gute Laune, sie wähnen sich auf dem richtigen Weg, es werden Endorphine und wieder Boni und Wählerstimmen ausgeschüttet. Jetzt dürfen wir wieder in heiter gestimmte, frohe und zuversichtliche Wirtschaftsführer-, Politiker- und Berichterstattergesichter sehen – was uns im Grunde aber viel mehr Angst einjagen sollte.

Man freut sich also daran, dass der Öl- und Ressourcenverbrauch steigt. Damit erteilt man uns den impliziten Rat: Stellen sie alle Lampen und Geräte in der Wohnung gleichzeitig an, öffnen sie die Kühlschranktür, werfen sie die Heizung an, fahren sie möglichst schnell möglichst viele Kilometer mit möglichst großen Autos und machen sie mit wahllosen Einkäufen möglichst hohe Schulden. Merken Sie, wie die gute Laune sich auch in Ihnen ausbreitet?

13:27 22.08.2009
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