Und noch eine Vermessung der Ungleichheit

Gerechtigkeitslücke Der schwedische Mathematiker Per Molander zeigt auf, durch welche Mechanismen gesellschaftliche Ungleichheit zwangsläufig entsteht und wie sie zu verhindern wäre.
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Und noch eine  Vermessung der Ungleichheit
Die Ungleichheit ist nicht durch "unterschiedliche Tüchtigkeit" erklärbar

Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Manchmal scheint es mir, als würde es zum Verständnis dieser Welt ausreichen, diverse Weisheiten des Dramatikers und Regisseurs Heiner Müller (1929-1995) aneinander zu reihen. "Optimismus ist nur ein Mangel an Information!" wäre so eine. Auch nicht schlecht: "Was für die Eliten Geschichte ist, ist für die Massen noch immer Arbeit gewesen." Und zuletzt: "Die Vorstellung von einer anderen Gesellschaft bleibt ein Kraftquell, das Problem ist, dass Utopie und Geschichte sich immer weiter voneinander entfernen."

Den schönen Gedanken, dass "von Natur/vor Gott/vor dem Gesetz usw." alle Menschen gleich seien, verdanken wir den Philosophen der Aufklärung. Rousseau versuchte uns zudem einzureden, dass der Mensch an und für sich auch gut sei. Dieses "für sich" war dabei wortwörtlich zu verstehen. Der Mensch, befand der in Genf geborene Philosoph, solle möglichst autark leben, denn erst durch die äußeren Einflüsse der Gesellschaft, also das Zusammenleben mit anderen Individuen, entwickele er seine schlechten Eigenschaften, komme das Böse in die Welt. Obwohl Rousseaus Diskurs über die Ungleichheit in diesem Punkt vielfach missverstanden wurde, erscheint mir mein "Lebensmotto", der Mensch sei gut, nur die Leute seien schlecht, insofern gut gewählt. Oder um wiederum mit Heiner Müller zu sprechen: "Die Welt ist nicht schlecht, sie ist nur zu voll!"

Auf Voltaire, den scharfsinnigen Günstling gekrönter Häuper, geht die Feststellung zurück, dass die Menschen sich, wenn schon nicht von Geburt, so doch nach ihrer Tüchtigkeit unterschieden. Dies führte einerseits zu der egalitären napoleonischen Devise, dass auch der einfache Soldat den Marschallstab (oder der Offizier die Kaiserkrone) im Tornister trage. Andererseits suchten die vom Schicksal besonders Begünstigten die Tatsache ihres Wohlergehens aber auch mit eben jenem Unterschied an Tüchtigkeit zu rechtfertigen. Die vom Leben eher stiefmütterlich Behandelten argwöhnen dagegen gemeinhin heimliche Regelverstöße als Ursache vor allem materieller Bevorzugung. Hinter jedem großen Vermögen stehe ein Verbrechen, glaubte jedenfalls Honoré de Balzac und wird hierin bis heute von manchem Vermögensforscher bestätigt. Die gesellschaftlichen Eliten hingegen sind bemüht, ihre wie auch immer erworbene Privilegierung mit eigenen Leistungen oder zumindest denjenigen etwaiger Vorfahren zu rechtfertigen. Das so entstandene gesellschaftliche Leitbild der Meritokratie dient in erster Linie zur Legitimierung des eigenen Aufstiegs und hat nicht zufällig in Person von Emporkömmlingen wie Tony Blair oder Gerhard Schröder zur Verdrängung der Idee von einer solidarischen Gesellschaft und zur Zerschlagung des Sozialsstaats nach neoliberalem Masterplan geführt.

"In dem Maß nämlich", referiert die Neue Zürcher Zeitung zentrale Einwände von Papst Franziskus, "wie die Fähigkeiten einer Person nicht als Geschenk, vielmehr als ihr eigenes Verdienst betrachtet würden, ergebe sich daraus ein System der summierten Privilegien bzw. Benachteiligungen. In solcher Sichtweise ist der Arme wesentlich mitschuldig an seinem Unglück und ohne Verdienst: Sein Missgeschick hängt nicht von anderen ab, jedoch von seinem fehlenden Antrieb."

Dies spiegelt sich auch in der schichttheoretischen Vermessung der Gesellschaft durch die Sozialwissenschaften in Unten - Mitte - Oben wider. Die Mittelschicht, insbesondere die "Leistungsträger der 30- bis 59-Jährigen, kritisieren laut einer Allensbach-Umfrage die bundesdeutsche Gesellschaft zwar in abstracto als ungerecht, halten von Umverteilung zu Gunsten von Niedriglöhnern oder Hartz IV-Empfängern, von Vermögenssteuer oder höherer Besteuerung überdurchschnittlicher Einkommen jedoch überhaupt nichts. Nicht einmal der Mindestlohn findet in der "Mitte" der Gesellschaft eine Mehrheit. Und weniger als die Hälfte der hart arbeitenden Leistungsträger halten eine Umverteilung von Einkommen über das Steuersystem für ethisch geboten. Gerechtigkeit verbindet sich eher mit dem Begriff von Chancengleichheit; etwa bei den Bildungs- und Berufschancen oder gleicher Teilhabe an modernster medizinischer Versorgung. Sofern es der Mittelschicht materiell gut geht, schreibt sie dies der eigenen Leistung zu. Im Umkehrschluss geht es vor allem denen schlecht, die nichts leisten und sich von der Solidargemeinschaft aushalten lassen. Rosneft-Altkanzler Schröders Hetze gegen Hartz IV-Empfänger hat ihre Wirkung nicht verfehlt.

Ausmaß der Ungleichheit durch "unterschiedliche Tüchtigkeit" nicht erklärbar

Der schwedische Mathematiker Per Molander ist mit seinem Buch "Die Anatomie der Ungleichheit" (seit dem 1. September 2017 im Handel) angetreten, dieses schlichte Weltbild anhand messbarer Fakten aufzuweichen. Er weist nach, dass die "optimistische" (neo)liberale Einschätzung, alle Unterschiede in Einkommen und Status spiegelten lediglich die Unterschiede nach Fähigkeiten und Arbeitseinsatz/Motivation wider, unzutreffend seien. Denn dazu seien diese Unterschiede - etwa in der Verteilung von wirtschaftlicher Macht und politischem Einfluss - viel zu groß. Entscheidend für die Herausbildung von Ungleichheit sei dagegen ein sich selbst verstärkender Effekt, der unter dem Sprichwort bekannt ist, dass der Teufel, jetzt mal in eigenen Worten, immer auf denselben Haufen scheißt. In der Diktion des Mathematikers: Ungleichheit produziert exponentiell immer neue und größere Ungleichheiten.

Einem Naturgesetz folge die Entstehung sozialer Ungleichheit demnach nicht. Ausschlaggebend bei Verteilungsauseinandersetzungen seien die jeweiligen Verhandlungspositionen. Bei zwei gleich starken Parteien bekomme jeder die Hälfte des Kuchens. Sei eine jedoch wesentlich stärker, bekomme sie mehr als die Hälfte, wobei dieser Effekt sich mit jedem Mal verstärke, das diese Prozedur sich wiederhole.

Napoleon fragte vor jeder Beförderung eines Offiziers: "Hat er Fortune?"

Selbst wenn man sich eine Gesellschaft vorstelle, in der jeder gleich befähigt und arbeitswillig sei, führten das Glück des einen oder das Pech des anderen dazu, dass ersterer einen Überschuss erwirtschafte, den er auf dem Finanzmarkt reinvestieren könne, während dem Pechvogel dies versagt bleibe. Die höhere Absicherung des Glücklicheren gegenüber dem Risiko eines Verlusts ermögliche es diesem, schon im zweiten Jahr noch höhere Risiken einzugehen und hierdurch auch seinen Gewinn sprunghaft zu steigern. Dies setze sich fort, bis schließlich ein einzelner Akteur den gesamten gesellschaftlichen Reichtum akkumuliert habe.

Um die Folgen dieser mathematischen Gesetzlichkeit zu verhindern, brauche man einen Staat, der über Steuer- und Transfersysteme, die Sozialversicherung, das Bildungs- und Gesundheitswesen etc. für Ausgleich sorge.

Das Niveau der Gleichheit in einer Gesellschaft, so der schwedische Mathematiker weiter, werde von dem Vertrauen der Bevölkerung in den Staat bestimmt. Dieses sei aus historischen Gründen (schwache Stellung des Feudaladels) in den skandinavischen Ländern besonders groß, weswegen sich dort auch eine besonders ausgeprägte Kultur der gesellschaftlichen Gleichheit entwickelt habe.

Auf weltwirtschaftlicher Ebene wirke sich die Ungleichheit der Verhandlungspositionen ähnlich aus. Hierbei spielten sowohl ökonomische als auch politische Faktoren eine Rolle. Mit der Internationalisierung des ökonomischen Systems hätten sich sowohl innerhalb der EU als auch global die Machtverhältnisse erheblich verschoben. Man spreche zwar von freier Bewegung der Waren, der Dienstleistungen, der Arbeit und des Kapitals, doch habe das Kapital gegenüber der Arbeitskraft eine wesentlich höhere Mobilität und könne aufgrund dieser Tatsache seine Macht auf Kosten letzterer erheblich ausweiten.

Bestimmte politische Entscheidungen unter Margaret Thatscher und Ronald Regan hätten über Steuersenkungen für die Reichen, Deregulierungen der Märkte usw. für ein Ungleichgewicht zwischen Staat und Wirtschaft gesorgt. Der Umschwung vom Keynesianismus zum Monetarismus sei erstaunlicherweise von der bürgerlich-liberalen Mitte und Teilen der Sozialdemokratie mitvollzogen worden.

Die steigende Vermögenskonzentration in den Händen weniger Kapitalbesitzer, hierin folgt Molander dem französischen Starökonomen Thomas Piketty, stellen eine fundamentale Bedrohung der Demokratie dar. Doch auch ohne diese, so ist er überzeugt, seien die Gefahren nicht gebannt. Demokratie und Rationalität müssten ständig verteidigt und aufrechterhalten werden - durch Erhaltung des Gleichgewichts zwischen den wirtschaftlich mehr bzw. weniger Erfolgreichen.

Können' s die Sozialdemokraten am besten?

Fehlen nur noch die politischen Kräfte, die nach den hier entwickelten Einsichten auch tatsächlich handeln. Aber wer soll's denn machen? Molanders Buch ist zu entnehmen, dass die von ihm geforderten staatlichen Interventionen zum Abbau von Ungleichheit am ehesten sozialdemokratischer Programmatik entsprechen. Doch an welche Sozialdemokraten denkt er da wohl? Die Schulz-Nahles-Truppe etwa, die nach verlorener Bundestagswahl im Schutt vieler GroKo-Jahre gerade nach dem Amateurfilm mit der Rede Philipp Scheidemanns sucht?

Und da bin ich schon wieder bei Heiner Müller und seinen Sprüchen. Und bei der Wirklichkeit des besorgten "kleinen Mannes", der das Vertrauen in seinen Staat aus gutem Grunde (nicht mehr/noch nicht) aufbringt und daher - in Erinnerung an die alte Schullektüre "Animal Farm" von Altmeister George Orwell, die sich dank Donald T. neuerdings wieder sehr gut verkaufen soll, doch erhebliche Zweifel am derzeit erreichbaren Niveau der Gleichheit hegt.

Erst gestern gab's im Ersten einen "Marken-Check" zum Thema Gummibärchen. Nicht lachen, denn da lag plötzlich die gesamte hier ausgebreitete Thematik vor mir - herunter gebrochen auf Mutters gekachelten Couchtisch. Ja, da waren sie einträchtig in ihrem Plastikbeutel versammelt, die Gleichen unter Gleichen. Dazu in multikultureller Vielfarbigkeit sowie mit dem menschheitsbeglückenden Versprechen, wirklich alle froh zu machen - sogar generationenübergreifend. Doch welch ein Trugbild egalitärer Verzehrverhältnisse. Aus dem Dunkel der Marken-Check- Recherche tauchten da plötzlich George Orwells Schweine auf. Doch nicht etwa als Gleichere unter den Tieren. Da lagen unsere schweinischen Mitgeschöpfe bei abgestelltem Trinkwasser, krank und verdreckt in den Horror-Stallungen eines Massentierhalters, um qualvoll der Verarbeitung zu Gelatine, dem "tragenden Bestandteil" der vernaschbaren Bärenmassen, verarbeitet zu werden. Und bei der Produktion des Trenn- und Glanzmittels Carnaubawachs, das nur im Nordosten von Brasilien gewonnen wird, herrschte Sklavenarbeit der übelsten Art. Millionenprofite für Großgrundbesitzer und Konzerne auf der einen, Verelendung für Mensch und Tier auf der anderen Seite. Utopie und Geschichte. Weiter voneinander entfernt denn je.

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17:36 17.10.2017
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