Kleine Häuser für das kleine Budget

Alternatives Wohnen In den urbanen Ballungsgebieten und Universitätsstädten explodieren Immobilienpreise und Mieten. Bieten "Tiny House" und "Minihaus" eine realistische Spar-Alternative?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Idee ist keineswegs neu. Zu Zeiten der Gebrüder Grimm oder besser der von ihnen protokollierten Haus(sic!)-Märchen bewohnte man - die Mittelschicht war noch nicht erfunden - entweder ein Schloss oder die sprichwörtliche Hütte im Wald. Laut Wikipedia bekommt das notorisch arme Dienstmädchen von einem notorisch weißen Täubchen gar die notorisch "goldenen Schlüssel, um damit Bäume aufzuschließen, so dass es alles findet, was es braucht, wenn es essen, schlafen oder sich kleiden will." Das dürften nicht nur die Anfänge des Baumhauses, sondern auch die des Wohnens auf kleinstem Fuß (sprich: mit ökologisch korrektem Fußabdruck) gewesen sein. Auch in den mittelalterlichen Städten war es Brauch, dass zur Sparsamkeit gezwungene Bauherren, die heute vermutlich Bausparer bei Wüstenrot oder Schwäbisch Hall wären, ihre minimalistischen Eigenheime wie Schwalbennester an die Stadtmauer klebten oder diese in Baulücken von der Breite eines Garagentors klemmten. Auf dem Lande gab es von alters her auch noch das so genannte Austragshaus, Korbhaus oder Ausgedinge(-Haus), ein zumeist bescheidenes Nebengebäude, in das sich Altbauern nach der Übergabe des Hofes an die Erben auf ihr Altenteil zurückzogen.

"Was heißt hier klein?"

konterte Willy Brandt im September 1969 die Journalistenfrage nach der Bildung einer kleinen (sozioal-liberalen) Koalition. Dieselbe Frage interessiert auch im Zusammenhang mit den Abmessungen heutiger Wohnbauten dringend. "Tiny Houses", legt sich da die Zeitschrift GEO fest, "sind zwischen zehn und 55 Quadratmeter groß, haben ursprünglich eine konventionelle Form mit einem Satteldach und sind oftmals auf Rädern montiert." Die Ideen dazu liefere die Tiny-House-Bewegung, die in den USA seit Anfang des Jahrhunderts das Downsizing propagiere. Nnnnn...icht ganz.

Eine offizielle Definition davon, was „Tiny Houses“ seien, widerspricht das Informationsportal Tiny-houses.de, gebe es nicht. Aus der wörtlichen Übersetzung des englischen Begriffs („winzige Häuser“) lasse sich aber leicht ableiten, dass es sich um die kleinste Form von Wohngebäuden handele. Generell würden in England Häuser mit 500 sq ft. (etwas mehr als 46 qm) und darunter als „small“ oder „tiny“ angesehen. In Deutschland verstehe man unter Tiny Houses vorzugsweise Kleinsthäuser auf Rädern. Kleine, stationäre Behausungen anderer Bauart bezeichne man - je nach Größe - als „Mikrohaus“, „Minihaus“ oder „Kleinhaus“. Zielgruppengerecht vermarktet werden solche Wohnobjekte auch als „Singlehaus“ oder, um den Grad ihrer industriellen Vorfertigung anzudeuten, als "Modulhaus" oder "Containerhaus".

Die zumeist auf doppelachsige Trailer montierten "Tiny Houses", die übrigens bereits in den 1920er Jahren des vorigen Jahrhunderts - mit Aufkommen des Automobilbooms - und nicht erst Anfang dieses Jahrhunderts in den USA in Mode kamen, unterscheiden sich von Mobilhomes oder Wohnmobilen durch ihren wesentlich höheren, an ein traditionelles Haus erinnernden Aufbau. Die deutsche Straßenverkehrsordnung erlaubt Anhänger bis 4 m Höhe und 2,55 m Breite (ohne Sonderzulassung). Bei der Länge gibt es eine Art natürliche Grenze von ca. sieben Metern. Trotz der vorhandenen Räder gehen Tiny House-Besitzer mit ihren Gefährten nur selten wie mit dem herkömmlichen Caravan auf Tour. Sie gelten als Ersatz für das konventionelle "Dach über dem Kopf" für beruflich Mobile bzw. Leute mit knappem Budget, die weder hohe Mieten zahlen können oder wollen noch Lust haben, sich für das eigene Heim langfristig zu verschulden. Die Reduzierung der Wohnansprüche auf das Wesentliche spricht den Freelancer ebenso an wie den Studenten oder den Umweltfreak, der einen persönlichen Beitrag zu Ökologie und Nachhaltigkeit leisten will. In den letzten Jahren kommen als neue Zielgruppe vermehrt Armutsflüchtlinge aus ehemals kleinbürgerlichen Wohnquartieren oder Opfer von Luxussanierungen hinzu; Langzeitarbeitslose zum Beispiel oder Rentner, die nach einem Blick auf den Rentenbescheid feststellen müssen, dass die Miete ihrer bisherigen Etagenwohnung oder die Unterhaltskosten ihres Eigenheims ihnen kaum noch etwas zum Leben übrig lassen. Für manchen spielt aber auch die völlig andere Atmosphäre in Ferienhaussiedlungen oder auf Dauercampingplätzen eine entscheidende Rolle. "Camper" sind kontaktfreudiger und hilfsbereiter als der Durchschnitt der fremdelnden Mitmenschen. Das schützt vor Einsamkeit. Und trotz arger Beschränkung auf wenige Quadratmeter Wohnraum wächst das Gefühl der Freiheit: Weniger Kostendruck, nicht zuletzt die geringen Energiekosten, weniger Aufwand für Reinigung, Gartenpflege usw., der ganze Hausstand auf das Notwendigste beschränkt und übersichtlich. "Stellen Sie sich vor, was Sie alles tun könnten, wenn Sie keinen oder nur einen kleinen Kredit für Ihre eigenen vier Wände hätten. Stellen Sie sich vor, wenn Sie das ganze Haus in nur 60 Minuten reinigen könnten", macht der Anbieter "Meyers Tiny House" (Slogan: "Das Leben ist zu kurz für irgendwann") potenziellen Kunden den Mund wässrig. Matthäus 13:

44 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn und grub ihn wieder ein. Und in seiner Freude ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte den Acker.

45 Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte.

46 Als er eine besonders wertvolle Perle fand, ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte sie.

Zwar ist das sog. "Tiny-House-Movement" in Europa und gerade im häuslebauenden Deutschland noch in seinen Anfängen und wird derzeit wohl etwas zu sehr hochgeschrieben bzw. hochgesendet, weil den Medien zu den Themen Wohnungsnot in den Städten, Immobilienpreise, Mietpreisbremse, Altersarmut oder Minirenten ansonsten nicht viel Neues mehr einfällt. Ein gewisser Hype, eine Art „Tiny-House-Fieber“, hat sich inzwischen dennoch ausgebreitet. Man muss sie auch einfach lieben, diese putzigen Mini-Domizile, die es auch in der Variante Hexenhäuschen oder zu groß geratene Puppenstube zu kaufen gibt. Doch der Niederlassung in der vermeintlich größeren Freiheit des unkonventionellen Wohnens stehen manche behördliche Hürde oder anderweitige Widrigkeiten entgegen. Alternative Wohnformen ziehen immer auch alle möglichen Spinner, Weltverbesserer, Gescheiterten oder nirgends Integrierbaren an, die vermutlich nicht einmal Jerome Boateng als Nachbarn tolerieren würde. Mancher alternative Wohntraum scheitert schlichtweg an der negativen sozialen Auslese der Bewohner von Dauercampingplätzen oder Mobilhome-Parks, wo die Kleinhäusler sich mehr oder weniger legal zumeist ansiedeln (müssen). Und Kleinsthaus-Fans unter den Senioren sollten immer prüfen, ob ihr minimalistischer Wohntraum sich nicht binnen weniger Jahre zum Alptraum entwickelt, weil das nur per Hühnerleiter zugängliche Alkovenbett dem mit zunehmenden Einschränkungen des Alters kämpfenden Besitzer akrobatische Fähigkeiten abverlangt oder eine extrem enge Nasszelle keine barrierefreie Nutzung mehr erlaubt.

Mit der Bewegung wächst auch die Skepsis

Davon mal abgesehen, bieten Tinyhouses, Minihäuser oder hausähnliche Wohnmodule durchaus eine handfeste Möglichkeit, mit etwas Unkonventionalität und angepasstem Lebensstil nicht nur günstig zu bezahlbarem Wohnraum, sondern sogar auch in der heutigen Zeit noch zu Wohneigentum zu kommen. Die wachsende Zahl von Alleinstehenden, Alleinerziehenden oder Paaren ohne Kinder spricht zudem für eine Umkehrung des Trends, der bisher in die Richtung zu immer größerer Wohnfläche pro Kopf zeigte. Und wäre die Beschränkung auf pfiffige Mini-Wohnungen, ausgestattet mit hochintelligenten Raumspar- und Verwandlungsmöbeln, nicht ein sinnvollerer Beitrag zur günstigen Ökobilanz als das Verpacken ganzer Wohnblocks in Styropor?
Auch den Veränderungen der Arbeitswelt trägt ein “übersichtlicheres” Wohnen - ob auf Rädern oder "fest gemauert in der Erden" - Rechnung. Hierbei geht es nicht nur um Mobilität, sondern auch um die berüchtigte Arbeitsverdichtung. Eine minimale Wohnfläche und eine extreme Raumausnutzung ersparen unnötige Hausarbeit (bis auf den Zwang zum Aufräumen!!!), von Rasenmähen oder Unkrautjäten ganz zu schweigen. Da bleibt mehr Zeit für den 14-Stunden-Arbeitstag oder den parallelen Zweit- und Drittjob der "Arbeitsnomaden unserer Städte" (ARD). Allerdings steckt in der Architekten-Idee von der Behebung der urbanen Wohnungsnot mittels moderner Varianten des Schäferkarrens oder Circuswagens ein Denkfehler: Egal ob rollendes Einzelappartement oder moderne Wagenburg - es fehlt auch hierfür schlichtweg der Platz. Der bereits seit langem angekündigte "erste Tiny-House-Park Deutschlands" in Berlin (genauer eine S-Bahn-Stunde von Berlin-Mitte entfernt) ist noch immer nicht eröffnet. In dem hierfür vorgesehenen Wochenendhausgebiet ist Dauerwohnen nämlich nicht erlaubt. Und wenn die Frankfurter Allgemeine fantasiert, "die winzigen Häuser [fänden] selbst in überfüllten Städten Platz - auf Parkplätzen zum Beispiel", übersieht sie schlicht, dass in den überfüllten Städten vor allem die Parkplätze überfüllt sind.
Viele "rolling tiny house"-Fans sind inzwischen bereits ernüchtert. Sie fragen sich nicht nur, wohin mit ihrem tandemachsigen Gefährt, sondern zweifeln auch daran, dass der theoretische Mobilitätsvorteil die Beschränkung auf das Besenkammer-Format wirklich aufwiegt. Und so kehren bereits die ersten Fahrensleute zum Modell des gehobenen Wochenendhauses auf ca. 30-50 m² solidem Fundament und mit den üblichen Versorgungsanschlüssen zurück. Sie finden zum Beispiel in ehemaligen Feriendörfern ihr Glück, mit denen einst Immobilienhaie die deutschen Mittelgebirge zupflasterten und die nach der vorhersehbaren Tourismus-Pleite ihrer Betreibergesellschaften oft zu regulären Wohngebieten wurden. Wer ländlich wohnen mag, findet hier Angebote zu Preisen, die ähnlich günstig sind wie die mehr oder weniger solide zusammengefügten Wohnanhänger der inzwischen zahlreichen Tiny-House-Manufakturen, aber zusätzlich einen Grundstücksanteil beinhalten, der sich für den ökologischen Kräuteranbau, Hühnerhaltung oder den aufblasbaren Swimmingpool eignet. Knapp 45.000 Euro werden zum Beispiel laut ebay im Vogelsbergstädtchen Ulrichstein für eine Haushälfte mit zwei Badezimmern verlangt. Und diverse Holzhaus-Hersteller bieten zu diesem Preis 30 bis 50 Quadratmeter doppelschalig isolierte Behaglichkeit in akzeptabler Wohnqualität.
21:52 04.11.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 1