Hübsch & gern allein.

Single-Leben Wie? Du bist weiblich, hübsch und nicht vergeben? Ein Plädoyer gegen unreflektierte Flirt-Floskeln.
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Eine Party wie jede andere. Ein Gespräch, das gewöhnlicher nicht sein könnte. Gerade kennengelernt und konstruiert lachend ein paar Eckdaten ausgetauscht, die weder ihn noch mich wirklich interessieren. Und ohne dass man sich versieht ist er wieder da: der Smalltalk-Klassiker und mein persönlicher Konversations-Alptraum. “Warum hat so ein Mädchen wie du eigentlich noch gar keinen Freund? Du bist doch so hübsch!”. Meine Mimik erstarrt. Betretenes Schweigen. Ich nippe an dem längst abgestandenen Bier in meiner Hand, das ungefähr so faul schmeckt, wie der Nachhall seiner Worte. Was soll ich auf so eine unmögliche Frage antworten, die meinen fremden Gesprächspartner unwissentlich nicht ohnehin schon für sämtliche mittel- und langfristige Zwecke disqualifiziert hat?
Mir schiessen Antworten durch den Kopf, die ich ihm gerne entgegnen würde. “Einen Freund? Niemals! Ich möchte mich nicht binden und lieber unverbindlich durch Berliner Clubs vögeln!”, oder möchte er lieber von mir hören, dass ich seit Jahren lediglich auf ihn gewartet habe und nun froh bin dem trostlosen Dasein endlich ein Ende bereiten zu können? Warum nicht gleich die Gegenoffensive starten: “Und warum bist du noch solo? Bindungsängste? Noch ein paar Jahrzehnte die Hörner abstossen? Oder bist du nur einer dieser gewöhnlichen arbeitslosen Egomanen, die selbst mit Mitte dreißig noch nicht wissen werden, was sie vom Leben eigentlich erwarten und daher zu jeder Gelegenheit in Technoclubs rumhängen?”.
Manche werden sich nun fragen, was diese kleine Hobbyfeministin eigentlich so an dieser “ja sicher nur ganz lieb gemeinten” Frage so ärgert. Um ganz ehrlich zu sein: ich fühle mich angegriffen und degradiert. Was für ihn nur ein oberflächliches Kompliment oder eine abgegriffene Floskel ist, spiegelt für mich Jahrhunderte überwährendes, frauenverachtendes Gedankengut wieder, das sich unterbewusst in solchen Fragen noch immer bemerkbar macht. Um das Problem zu erklären, muss ich wohl etwas ausholen. Zunächst impliziert die Formulierung der Frage, dass es grundsätzlich für jede Frau erstrebenswert sei, einen Mann an ihrer Seite zu haben. Es wird davon ausgegangen, dass die Frau ohne Mann nicht komplett sei und darüber hinaus, dass sie sich dieser Unvollständigkeit bewusst sei. Der Beisatz “…dabei bist du doch so hübsch!” macht die ganze Angelegenheit nur noch unangenehmer. Hier wird nicht nur suggeriert, dass Aussehen die primäre Qualität meiner Person sei, sondern sich der Mann eine Frau nach diesen äusserlichen Qualitäten “aussuche” , ergo eine hübsche Frau doch eigentlich längst “ausgesucht” oder sagen wir “besetzt” sein müsste. Hier werden in wenigen Worten die Kernprobleme der weiblichen Wahrnehmung innerhalb der Gesellschaft deutlich: die Frau wird nicht nur als konturlos und identitätsfrei (Reduzierung auf Äußerliches) dargestellt, sie ist auch willenlos und unterwerfend.

Aus diesem gewohnheitsmäßigen Zwang, entsteht eine Gefügigkeit, deren die Frauen ihr ganzes Leben bedürfen, da sie niemals aufhören unterworfen zu sein, sei es einem Mann oder dem Urteil der Männer, und es ihnen nie erlaubt ist, sich über dieses Urteil zu erheben. Die erste Qualität einer Frau ist die Sanftmut.” – Rousseau

Was ist eine Frau ohne Mann (und damit einhergehend natürlich auch einer Familie)? Die Frau wird auf Mutterschaft und Reproduktion festgelegt – wie Freud sagen würde, als einzig befriedigende “Genese” ihrer Weiblichkeit. Dass es hübsche, junge, erfolgreiche, attraktive – oder auch hässliche, alte, uninteressante – Frauen gibt, die von sich aus (und sei es auch nur temporär) auf den Segen eines festen Lebenspartners (von einer Partnerin ganz zu schweigen) verzichten, ist schier unbegreiflich. Wo ist der Fehler? Dass die keinen “abbekommt”? Eine Zicke? Prüde? Ich nenne hier bewusst eher weiblich assoziierte Adjektive, denn es gibt noch eine Steigerung, die für viele wohl noch unnatürlicher und befremdlicher zu sein scheint. Männliche Adjektive. Ist diese Frau – so weit man sie denn dann überhaupt noch so bezeichnen kann – etwa karrieregeil? Selbstsüchtig? Egoistisch? Eine Einzelgängerin? Ich kenne viele Männer, die sexuell befreite und emanzipierte Frauen schon längst nicht mehr als Schlampen bezeichnen, was ist so schwer daran ihre selbst gewählte Ungebundenheit zu akzeptieren?
Und ja, auch wenn das alles sicher nicht die Absicht dieses Typen war, der mich abwartend mustert, so ist er für mich nichts mehr als ein chauvinistischer Party-Prolet, oder wenigstens ein gewöhnlicher Gelegenheits-Macho.
Wenn er nun also mit der nächsten Floskel um die Ecke kommt, ob wir noch zu mir gehen, antworte ich allerhöchstens (und das auch nur wenn die Musik echt nicht mehr gut ist): “Meinetwegen. Aber bitte bleib nicht zum Frühstück.”

Auf Muschimieze.com schreibe ich über Muschis und Miezen.

01:02 21.04.2014
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MUSCHIMIEZE

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