Kevin for Kanzler

Sozialdemokratie Ein gewisslich verpuffender Appell an die Entscheidungsfähigkeit und den Mut der alten Tante SPD
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Kevin for Kanzler
Von einer großen Idee bleiben verbrauchte Gesichter

Sascha Schuermann/AFP/Getty Images

Der Sonntagnachmittag machte es auch nicht leichter. Beim Blick in die versteinerten Mienen des SPD-Vorstandes, den ich beim Kartoffelschälen riskierte, war von Glückauf weit und breit nichts zu sehen. Was hat diese Partei erreicht, was verspielt sie jetzt. Ich bin SPD-Wähler und Mitglied aus eigener Überzeugung, ich bin so aufgewachsen, milieugeprägt, ich kann gar nicht anders. Die Grünen finde ich zu anstrengend, die Linken zu Wagenknecht – die Wahl einer Partei außerhalb dieses Spektrums kann ich mir nicht mal vorstellen.

Die alte Tante tut ihren letzten Schnaufer

Nun stehe ich hier, eine halbgeschälte Kartoffel in der Hand, als Genosse Heiko das Abstimmungsergebnis bekanntgibt. War knapp, aber doch verloren. Der Parteivorstand? Schulz versteinert – Nahles siegesgewiss grinsend. Klar. Sie hat die Schäfchen im Trockenen und darf mürrisches Gesicht und ihre infantilen Sprüche weiter im Parlament verbreiten. Schulz kann nur verlieren, egal wie es jetzt ausgeht. Ich mag diesen Mann, wirklich. Er ist ehrlich, unverstellt und sein Spiegelportrait hat mich wirklich bewegt. Wie man so unschön sagt: Martin ist Mensch geblieben – Andrea Apparatschik.

Überhaupt: Wer aus der SPD ist eigentlich wirklich noch sympathisch? Wer kann ein Menschenfänger sein, ein Charismatiker? Siggi? Erwiesenermaßen nein. Den mag man einfach nicht, der ist zu sehr der dicke oder jetzt dünnere Klassensprecher der sich nach vorne drängt und auch mal was sagen will. Manuela S. aus M.-V.? Vielleicht, aber sie ist irgendwie zu kühl, zu glatt und macht am Ende doch zu deutlich, dass sie in der Politik nicht die Erfüllung ihres Lebensziels sieht – was verständlich ist, was aber nicht unbedingt als Leucht- und Führungsfigur prädestiniert. Malu Dreyer? Für mich die neue Hannelore Kraft – sympathisch, freundlich, offen – aber will sie wirklich nach Berlin? Wie Kurt Beck? Nein, eher nicht.

Von einer großen Idee bleiben verbrauchte Gesichter

Echte Sympathieträger sind also Mangelware – bleiben die Unsympathieträger. Hier sind ganz vorne die Andrea und der Stegi aus Kiel zu nennen. Zu jedem, aber auch wirklich jedem Ereignis schaffen es beide regelmäßig, so infantil wie nölig und unsympathisch hervorzutreten. Himmel hilf – wer im Willy-Brandt-Haus hält das eigentlich für eine gute Idee, diese beiden vor die Mikrofone treten zu lassen? Andrea Nahles ist zweifelslohne bierzelttauglich – aber muss es denn Fressehauen, Bätschi und Vogelzeigen in der ersten Reihe sein? Klar, die Tradition der Pöbler und Grantlappen in der SPD ist lang und ehrenwert – aber Schmidt Schnauze und Onkel Herbert waren wenigstens dabei geistreich oder zumindest erfinderisch. Geschwätzführer, Übelkrähe, unchristlicher Zitatfälscher – solche Sottisen saßen, trafen tief und sind heute noch YouTube-Hits – Bätschi hingegen konserviert Fremdscham für Jahrhunderte.

Mit Lenin: Was nun?

Die erfolgreichste Wahl, die die SPD in ihrer Geschichte je bestritten hat, war die Willy-Wahl 1972. Es gab eine Idee, es gab eine Perspektive, es gab eine Mannschaft mit Lust an der Gestaltung des Landes, es gab einen Willen zu mehr Demokratie und es gab Willy Brandt. Sympathie, echte Zuneigung und Hoffnung vereinten sich auf diesen Mann, der innerlich weit weniger stark war als er es nach außen zu sein vorgab. Er wirkte nie unsouverän, nie nassforsch, nie kurzentschlossen sondern wohlüberlegt und weise in seinen Entscheidungen - er war ein Kandidat, der über die eigene Partei hinaus wirken konnte.

Schulz hätte, in seinen besten Momenten, eine Erinnerung an diese Zeit liefern können, eine mögliche Fortsetzung der Hoffnung auf eine andere Politik als die der alternativlosen Schwerkraftmundwinkel, der Mutlosigkeit, der Sprachlosigkeit und der Sachzwänge. Leider haben sie ihn nicht gelassen. Hubertus Heil, erfahrerer Vergeiger mehrerer Bundestagswahlen, durfte zum Schluss auch noch Hand an die Überreste dessen legen, was die "Kampa" von Schulz übriggelassen hatte – Müntefering sollte übrigens energisch seine Wort-/Bildmarke verteidigen und zurückfordern.

Schulz ist angezählt, eigentlich fast weg. Wer bleibt? Die Andrea und mit ihr der ewige Stegner, vielleicht noch das salzlose Gespenst aus Leverkusen. Der Heiko? Uff. Diese Hose könnte etwas zu weit für ihn sein. Thorsten Schäfer-Gümbel? In jedem Tetrapak ist mehr Saft und Kraft als in seiner Parteitagsrede für die Groko gewesen – da war jemand nicht überzeugt, musste überzeugen und überzeugte überhaupt nicht.

Das sympathische Gesicht der SPD

Die Andrea, der Ralf und der Karl – die werden bleiben. Alles einprägsame Typen, zweifellos, und alle so dermaßen grundunsympathisch wie man sich einen Politiker nur vorstellen kann. Wobei man bei Lauterbach vielleicht noch die eine oder andere Ausnahme machen könnte, er weiß zumindest, wovon er redet und ist aus sich heraus schon verschroben genug um glaubwürdig zu sein. Aber die anderen beiden, die sind es, die an der Wahlurne den Unterschied machen können. Deren Gesichter und deren Sound beim Kreuzchenmachen im Ohr bleibt. Die es auch einem in der Wolle gefärbten Sozi schwer machen, sein Kreuz bei der SPD zu setzen und die bei sehr vielen Menschen eine ähnliche Empfindung hervorrufen dürften.

So. Was bleibt? Nein zur Groko beim Mitgliederentscheid und hoffen. Auf Bundeskanzler Kevin. DAS wäre Sozialdemokratie, aber vom allerfeinsten!

08:20 24.01.2018
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