Finis Jogangela

Deutschland Vom Ende eines sprachlosen Systems: Sonnenuntergangsstimmung bei Löw und Merkel
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Finis Jogangela
Ist das das Ende der Illusion absoluter Machbarkeit, des merkellöwschen Stoizismus der Neuzeit?

Foto: Axel Schmidt/AFP/Getty Images

Alle sieben Jahre erfindet ein Mensch sich neu – steht irgendwo. Trifft das auch für ein Land zu? Das Endspiel in der Vorrunde und zeitgleich das Endspiel in der "Flüchtlingsdebatte" – wer jetzt nicht den Schwefel- oder auch Mundgeruch der Endzeitstimmung schnuppert, hat sich wohl beim Fußballgucken Erdnussflips in die Nase gesteckt. In diesem Sommer, dessen Saisonhit "It's the End of the World as we know it – and I feel fine" sein könnte, tritt Deutschland in eine neue Phase seiner historischen Entwicklung: das Ende der Illusion absoluter Machbarkeit, des merkellöwschen Stoizismus der Neuzeit.

Es gibt keine Probleme, also reden wir auch nicht darüber

Deutschland ist – spätestens seit dem Ende der sagenumwobenen Kanzlerschaft Schröder – ein zutiefst pragmatisches Land geworden. Wir waren immer arbeitsam, wir waren immer fleißig – aber Angela Merkel hat dies auf eine neue Stufe gehoben. Der Merkeldeutsche kann mit jedem Problem sachgerecht umgehen: Mit der MuFu-Jacke und Fahrradhelm geschützt, immer fest die Selbst-, Körper-, Kinder- und Ernährungsoptimierung im Blick, kämpft er sich hart wie Staudensellerie durch den Großstadtdschungel. Nur keine Miene verziehen. Was bist Du schon allein? Du bist Teil der großen Mannschaft aus den tollen Jungs/Mädels. Es gibt ein Problem? Such es bei Dir selbst und eliminiere es aus eigener Kraft, aber sachgerecht. Lass meinetwegen Gluten/Laktose/Fleisch/Hülsenfrüchte/Socken/Weichspüler weg, das hilft. Aber rede nicht darüber – selbst wenn Du den ganzen Tag nichts anderes machst als kommunizieren.

Das bei einer solchen Selbstbeschäftigung wenig Zeit für Dinge bleibt, die nicht nur die eigene, sondern auch die umgebenden Personen etwas angehen, ist vollkommen klar. Wer sich den ganzen Tag mit der korrekten Zusammensetzung von Bratlingen beschäftigt, kann schonmal vergessen, dass Menschen täglich im Mittelmeer ertrinken. Solange man aber selbst supermotiviert, optimiert und in jeder Hinsicht korrekt an sich arbeitet, ist man zumindest nicht schuld daran.

Blöd ist, wenn sich Gemeinsinn am falschen Ende entwickelt

Solche Menschen sind es, die Deutschland 2018 maßgeblich tragen. Die den ganzen Tag damit beschäftigt sind, alles richtig zu machen und vor lauter Korrektheit die Welt um sich herum vergessen. Die mental megatopfit sind, aber nur Fehlpässe schießen, weil sie das Gegenüber gar nicht mehr wahrnehmen. Das Dumme dabei: Die Dummen haben nicht vergessen, wie das geht mit dem Gemeinschaftsprojekt – die können das noch ganz gut. Landauf, landab vereint man sich daher hinter einer Idee: Der Jude, der Kapitalismus, die Merkel, der Flüchtling ist schuld an meinem Elend, siehst Du das nicht auch so, bierdosentrinkender Kioskbanknachbar? Na klar. Da können wir uns drauf einigen. Gemeinsam.

Niemand in der AfD ist gezwungen, Individualleistungen zu erbringen – sie sind sogar absolut schädlich. Einzeläußerungen von Storch, Gauland oder Höcke lassen bis auf einen harten Kern selbst die latente Anhängerschaft erblassen – das Kollektiv steht aber für eine Idee, eine externalisierte Schuldzuweisung: Die sagen mir, dass endlich mal jemand Schuld an dem ganzen Mist um mich herum ist und daher haben die meine Stimme. Schon brüllt die ganze Trinkhalle "Merkel muss weg!" und blickt den dunkelhäutigen Paketfahrer, der sich hier morgens seinen Kaffee holt, seeeehr schmaläugig an.

Kümmert Euch weniger um Euch selbst!

Was also tun? Naja, vielleicht mal anfangen, sich weniger um die eigene Ernährung, die Korrektheit der Kleidung oder des Konsumverhaltens zu machen. Das ist nämlich nicht das eigentliche Problem. Die sprachlose Gleichgültigkeit in Politik und Spitzensport zeigt, dass Gemeinschaftsleistungen nach wie vor wichtig, aber kaum noch möglich sind. Daher gilt: Interessiert Euch für die wirklich wichtigen Probleme, mit anderen Worten: Es sterben täglich dutzende Menschen im Mittelmeer. In Italien regieren Apartheidsregierungen, in Polen und Ungarn ebenso. In Deutschland sitzen rund 25 Prozent Apartheidsbefürworter im Bundestag – hier sind die Abgeordneten der CSU durchaus mitgemeint.

Diese Leute haben Argumente. Es sind die falschen, aber sie sprechen sie aus – und das funktioniert! Da hilft es nichts, schweigend wie Jogangela auf die Misere zu schauen und Probleme zu negieren: Sie sind längst da, und der Baum brennt lichterloh – nicht nur im Strafraum.

10:18 28.06.2018
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