Twittern reicht eben nicht

Kritikkritik Warum Margarete Stokowski mich in in Ihrer Twitter-Debatten-Kritik-Kritik diesmal nicht überzeugen konnte
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Twittern reicht eben nicht
Verändern Debatten auf Twitter wirklich etwas?

Foto: Jonathan Alcorn/AFP/Getty Images

Zunächst einmal: Ja, ich bin ein Mann, auch weiß, auch in Deutschland geboren usw. und mir dessen bewusst. Das ich über das folgende wahrscheinlich nicht objektiv schreiben kann, ist mir ebenso bewusst und der möglichen Resonanz blicke ich klar ins Auge. Aber: Diesmal hat es mich gejuckt als ich die jüngste Kolumne der an sich hochgeschätzten Margarete bei Spiegel Online las – und zwar ziemlich.

Es hat mich zum einen gestört, dass die Autorin in ziemlich kraftvollen Worten, inklusive über Bande gespielter Rechtsaußenandeutung, jeweils einen Autor des Blogs "Ruhrbarone" und einen der "taz" ordentlich rundgemacht hat. Diese hatten sich neben vielen anderen Aspekten darüber geäußert, dass die #metoo und #metwo-Debatten auf Twitter eine reichlich elitäre Veranstaltung seien und in der nicht nur sogenannten Unterschicht keine Resonanz fänden. Nun - das glaube ich nicht. Ich denke, dass Twitter ein relativ egalitäres Medium ist, es gibt keine Bezahlschranken, es ist perfekt mobil nutzbar und insbesondere eher bildungsferne Gesellschaftsgruppen dürften sich hiervon noch eher angesprochen fühlen als von irgendwelchen Leitartikeln in taz oder SZ.

Dennoch glaube ich aber das die Absicht, einen Diskurs zu entfachen, auch die Meinung zulassen muss, diesen ganzen Diskurs blöd und elitär zu finden. Nochmal: Diese Meinung teile ich nicht. Aber sie existiert und die Ansicht, dass die empörte Diskussion über weiche Themen die Aufmerksamkeit von harten Themen ablenkt, ist sehr real und Praxis des täglichen Geschäfts der Onlineökonomie. Wer bedenkt, mit welch medialen Trommelfeuer die charakterlichen und intellektuellen Defizite des Innenministers Horst S. gewürdigt wurden und mit wie wenig Aufmerksamkeit gleichzeitig hunderte Ertrunkene im Mittelmeer rechnen konnten sieht deutlich, was hier schiefläuft.

#metoo und #metwo sind wichtige Debatten, sie sind und bleiben aber Partikulardebatten und letztlich werden sie nur für diejenigen positive Folgen haben, die in der Lage sind, ihre eigenen Lebensumstände nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ja, es geht um Geld. Nicht um Umverteilung, das wäre auch wünschenswert, aber vor allem um die Möglichkeiten, das eigene Leben aus, sagen wir mal Dortmund-Scharnhorst, hinauszuentwickeln und sich wirtschaftlich unabhängig zu machen. Dies kann durch eine ausreichende Versorgung mit staatlichen Mitteln geschehen, dies kann durch Arbeit passieren. Denn die Unabhängigkeit von grapschenden, ausländerfeindlichen Vorgesetzten, brutalen Familienmitgliedern, steinzeitlichen Religionsvorstellungen und rassistischen, ausbeuterischen Arschlöchern aller Art muss man sich leider leisten können - einerseits mit Geld, andererseits mit qualifizierender Bildung. Wer Angst um seinen Job, seine Wohnung und seine finanzielle Absicherung haben muss - der schweigt. Auch auf Twitter.

In diesem Schweigen liegt das Ziel eines Systems, welches früher mit Bild, BamS und Glotze, heute mit Facebook, AfD, und Lokus Online die natürliche Dummheit, den Neid und die Geilheit der Menschen nach Kräften fördern möchte, was wiederum institutionellen Rassismus und Sexismus in einem Fundament betoniert, auf das der Führerbunker neidisch gewesen wäre. Da müssen wir ran - und zwar auf breiter Front und ein bisschen rumtwittern (entschuldigung!) gleicht das leider nicht aus. Mein letzter Artikel träumte von der Vorstellung die "ideenmäßig völlig verwahrloste SPD" (Chapeau an dieser Stelle, Frau Stokowski) zu kapern. Reicht aber offenbar nicht.

Keine Partei, nicht die Grünen, nicht die Linken und nicht irgendein #aufstehen ist inder Lage, den #metoo und #metwo-Problemen wirklich gerecht zu werden und sie in konkretes, gesellschaftspolitisches Handeln umzusetzen. Doch genau darum geht es. Solange es zwischen Twitter und konkretem politischem Handeln, mal abgesehen von Trump, keine klare Verbindung gibt, passiert außer einem Sommertheater wahrscheinlich nichts von Substanz. Darüber hinaus wäre es auch nett, wenn der "alte weiße Mann" - ok, so alt bin ich noch nicht aber weiß und Mann kommt schon hin - nicht pauschal für Äußerungen zu solchen Themen abqualifiziert würde. Denn fürs Mannsein kann auch der Mann nichts - und es wird nicht unbedingt leichter dies zu sagen.

08:47 15.08.2018
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