76 Jahre nach Jasenovac

Oder: Wie ein Film eines serbischen Regisseurs über den Völkermord in Jasenovac als serbische Propaganda betitelt wird.
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Aber der Reihe nach:

Jasenovac

Über das Vernichtungslager Jasenovac auf dem Balkan im 1. Unabhängigen Staat Kroatien wissen wenige außerhalb der Region, die mal Jugoslawien hieß. Das liegt u.a. daran, dass die Thematik in Politik, Film, Literatur, Kunst etc. im ehemaligen Jugoslawien ausgeklammert wurde, so dass weder eine Aufarbeitung der Geschehnisse stattfand noch ein überregionales Bewusstsein über die Gräuel und Morde an Zehntausende oder gar Hunderttausende Opfer entstehen konnte. Hinzu kommt, dass in den meisten Ausführungen über die Todes- und Vernichtungslager im 2. Weltkrieg Jasenovac, das nach Gefangenenzahlen eines der größten Konzentrationslager im 2. Weltkrieg in Europa darstellt, ebenfalls ausgeklammert wurde und das am besten so bleiben sollte.

4 Monate nach dem Überfall von Nazi-Deutschland auf das Königreich Jugoslawien und der Gründung des ´Unabhängigen Staates Kroatien´ im April 1941 entstanden die ersten Bauten des zukünftigen Konzentrationslagers, noch vor der Gesetzanordnung Nr. CDXXIX-2101-Z-1941 vom 25. November 1941, die eine juristisch unanfechtbare Internierung aller unerwünschten Personen in dem neu gegründeten Staat NDH (Nezavisna Država Hrvatska = Unabhängiger Staat Kroatien) legalisierte. Es betraf vor allem Serben, Juden und Roma aber auch Oppositionelle des faschistischen Regimes.

Opferzahlen

Der israelische Historiker Gideon Greif und Autor des Buches ´ Jasenovac - das Auschwitz des Balkans´ bezeichnet das Vernichtungslager angesichts der Tötungsart grausamer als Auschwitz und bezifferte die Opferzahl zwischen 700.000 und 800.000, darunter mehrheitlich SerbInnen. Diese entspricht den Zahlen, die im ehemaligen Jugoslawien jahrelang offiziell kursierten. Annähernde Zahlen werden in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem benannt, die 500.000 ermordete SerbInnen und 30.000 JüdInnen beziffert. Doch darüber gibt es einen jahrzehntelangen Disput, nicht nur im ehemaligen Jugoslawien. Noch unter Tito wurde der spätere 1. Präsident des 2. Unabhängigen Staates Kroatien, Franjo Tudjman mit der Aufgabe betraut, die Opferzahl von Jasenovac zu ermitteln. Das Ergebnis betrug 30.000 bis 40.000. Diese Zahlen werden noch nach unten getoppt mit dem Dokumentarfilm ´Jasenovac – die Wahrheit ´ des kroatischen Filmregisseurs Jakov Sedlar, der auf 18.000 kommt. Die Tragödie wird wie auf einem Bazar abgehandelt, der internationale Kompromiss liegt dabei zwischen 80.000 und 100.000 Opfern, darunter ca. 24.000 Frauen und 20.000 Kinder, die namentlich registriert und benannt wurden. Es bleibt hinzuzufügen, dass eine Registrierung der Inhaftierten oftmals nicht erfolgte.

Der Film

Warum erwähne ich dieses Zahlen-Varieté? Weil es z.B. im Kontext der Vernichtung von Juden undenkbar wäre. Und weil es nun um eine Film-Rezension in dem Magazin ´ Variety´ geht:

75 Jahren sind vergangen bis ein serbischer Regisseur diese Geschichte des Völkermordes erstmals aufgreift, nicht nur um dem allgemeinen Verschweigen und regionalen Vergessen, dem Geschichtsrevisionismus und der Verharmlosung entgegen zu wirken sondern auch einem überregionalen Publikum darzulegen. Die Rede ist von Predrag ´Gaga´ Antonijevic & seinem Film ´Dara aus Jasenovac´. Die Erleichterung und Freude war groß als der Film in die Auswahl zur Oscar-Nominierung in der Kategorie als ´Bester ausländischer Film´ gelang, da eine Oscar-Nominierung allgemein gute Chancen für die zukünftige Aufführung in größeren Kinos bedeutet. Doch kurz vor der Nominierung erschienen 2 Artikel in den US-Medien mit einer vernichtenden Kritik nicht allein an dem Film sondern überwiegend an der Intention des Filmes.

Den Anfang machte Jay Weissberg im Variety. Der Film hätte fragwürdige Absichten und nutze den Holocaust für eine beunruhigende nativistische Agenda. Geschichten des Holocaust lassen sich nun mal gut verkaufen und die Serben nutzen dieses Marketing für ihre nationalistische Propaganda. Diese sei ´unverhüllter antikroatischer und antikatholischer Nativismus´ (Anm. MM: schon wieder der Begriff ´Nativismus ´ = so sind sie nun mal von Geburt an die Serben…) der als Brandbeschleuniger in der gegenwärtige Kluft zwischen Serbien und Kroatien konzipiert sei und die Feindseligkeit gegen Kroaten schüren soll.

Darauf steigt Robert Abele von der LA Times ein, der Jasenovac ausschließlich als weitere Hölle auf Erden für Juden bezeichnet und die serbische Darstellung, unter Missbrauch des Holocaust, allein als Affront gegen den Nachbarn betrachtet. Ein Auszug, der im Original deutlicher klingt als die deutsche Übersetzung ( das Wording ist dabei interessant_ wieder ´nativist´ ):

| The veneer of historical reality is thin on the baldly nativist and manipulative Serbian World War II movie “Dara of Jasenovac,” a slickly made extermination camp drama about child peril that will test the patience of even the most rigorous students of cultural representations of genocide.

Fascist Croatia under the terror-driven Ustase government was indeed a nightmarish puppet regime of the Axis powers, and its massive Jasenovac complex of camps was one more hell on Earth for Jews. But what director Peter Antonijević’s epic of barbarism and sentimentality wants to drive home is that the annihilation of ethnic Serbs was the real focus, and that children got their own camp. If only it didn’t smack of scoring points in a longstanding regional feud. When there’s a scene in which the visiting Nazi bristles at the display of one-on-one sadism toward Serbian prisoners from his crisply uniformed Croatian hosts (which include incestuous brother and sister officers), you know you’re in agenda territory.|

Das Finale

Das Ende dieser Geschichte: Der Film erhielt keine Oscar-Nominierung. Dafür geht ´Quo vadis Aida´ ins Rennen der 5 Nominierten dieser Kategorie. Wer hätte das nicht gedacht?

Fazit

Überlasse ich den Lesenden.

Trailer

22:57 24.02.2021
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Geschrieben von

mymind

Die Wahrheit hat nichts zu tun mit der Zahl der Leute,die von ihr überzeugt sind...Paul Claudel
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