Pure Shit

98% der Architektur _ Im Rahmen der Preisverleihung des Prince_ss of Asturias Award zeigte der 85jährige, us-amerikanische Architekt Frank Gehry seinen Stinkefinger.
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Vorausgegangen war die Frage eines Journalisten, wie Gehry auf Kritik reagiert, dass er eine Show-Architektur gestaltet. Seine weitere Antwort lautet:

“Let me tell you, guys: In this world we are living in, 98 percent of everything that is built and designed today is pure shit. There’s no sense of design, no respect for humanity or for anything else. They are damn buildings and that’s it.

“Once in a while, however, there’s a small group of people who does something special. Very few.
But good god, leave us alone! We are dedicated to our work. I don’t ask for work. I don’t have a publicist. I’m not waiting for anyone to call me. I work with clients who respect the art of architecture. Therefore, please don’t ask questions as stupid as that one.”

Man muss den Architekturstil von Gehry nicht mögen, um dennoch beide Daumen für diese Reaktion nach oben zu halten. Nicht allein die innerstädtischen Bebauungen & Großprojektanten sind der architektonischen Federführung entwichen. Maßgeblich sind seit geraumer Zeit Flächenoptimierung sprich größtmögliche Ausnutzung der im Bebauungsplan festgehaltenen Parameter, hochmöglichste Renditen bei möglichst wirtschaftlichster _ sprich billigster _ Bauweise, ein permanentes Pfuschen ins Handwerk der Architekten, was sich in dem nicht zu übersehenden Elend einer Fassaden-Architektur am deutlichsten niederschlägt.

Alle Projektanten, vom Investor, Kaufmann bis zum Projektsteuerer sind die ´besseren´ Architekten, die dem, der sich per Ausbildung & gesetzlich geschützt so nennen darf, erst einmal erklären, was sich ´gut´ verkaufen lässt. Gut ist dabei immer der höchste Profit, wobei dieser von Jahr zu Jahr immer höher & höher angesetzt wird_ aber das kennen wir ja schon vom weltweiten Finanzsystem. Gleich danach folgt die ´Ästhetik´, die sich in diesem System etabliert hat & zu einer nicht zu übersehenden Fassaden-Diktatur führte, deren Ergebnis nicht umsonst von den allermeisten Bürgern als ´gesichtslos´ empfunden wird. Natürlich wird der Anspruch an eine bestimmte Qualität immer wieder gern betont, aber nicht die, die im Kontext engagierte Architekten als Gesamtkonzept i.d. Regel darunter verstehen. Die ´ gut verkäufliche Investoren-Qualität´ manifestiert sich gern im Interior Design, bevorzugt mit Design-Kopien, z.B. Türgriffe, Armaturen, Kloschüsseln & so weiter. Wobei diese auch nicht zu teuer geraten dürfen, sonst werden sie über Bord geworfen _ so wie die ansprechende Hülle zuvor.

Wenn einer aus diesen erfolgreichen ´Ichweißwieesgeht´- Figurationen mal eine andere Hülle wünscht, dann wird gern in die Retro-Kiste gegriffen. So entstehen zunehmend Fassaden im `Altbau-Stil´, mit aufgeklebten oder gedübelten Fassadenornamenten & Dekoprofilen aus Granulat oder Polystyrol. Diese Art Renaissance kommt allerdings gut an, auch bei Bürgern, was vielen Architekten die Haare zu Berge stehen lässt als auch ihre Abwehrposition zusätzlich schwächt _ Shit hin oder her, was gefällt wird gemacht _ so oder so. Es ist lange her, dass der Architekt allgemein als Baukünstler verstanden wurde.

Es kann sich wohl nur einer so drastisch äußern, der auf diesen Klimbim nicht angewiesen ist. Leider ist es nicht die Mehrheit, die diesen exklusiven Luxus geniessen darf. Die nuancierte, doch leisertretende Ausrichtungen der zeitgenössischen Architektur, selbst unter Berücksichtigung der untalentierten Architekten, hat anhand vieler Beispiele ansprechendere Ergebnisse erzielt als es die Investoren-Architektur in ihrer erschlagenden Wucht auch nur ansatzweise geschafft hat.

Dass dort, wo ein Architekt als solcher & nicht als Dienstleister aufgefasst wird, dieser sich schrill & schräg gebärt (& neu gebiert?) kann auch als Reaktion gegen den gesichtslosen Mainstream verstanden werden. Das diese nur dann mediale Beachtung findet, wenn sie aufmerksamheischend inszeniert wird, um dann ohne Auseinandersetzung des Dilemmas als ´Show´ rezensiert werden zu können, gehört zu unserer Zeit. Einer Zeit, die sich auf Hypes beschränkt & allein durch Abwesenheit von Hintergrund-Informationen glänzt & keine Neugier verspürt, den Dingen auf den Grund zu gehen…

Thanks Frank!

20:03 02.11.2014
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Geschrieben von

mymind

Die Wahrheit hat nichts zu tun mit der Zahl der Leute, die von ihr überzeugt sind... Paul Claudel
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