Auf der Flucht

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Schon aus der Ferne erkennt man sie, die Gemeinschaftsunterkunft für Menschen im und nach dem Asylverfahren. Durch eine schmale Zufahrt gelangt man auf den Platz vor den zwei Häusern, es stapeln sich leere Kästen an der Wand. Alles wirkt öde und leblos, viel scheint hier nicht zu passieren. Wir befinden uns ein wenig außerhalb von Tübingen, die Landschaft ist idyllisch. Doch wie so oft trügt sie, die Idylle.

Beim Betreten eines der beiden Häuser schaue ich mich um und was ich sehe, erinnert mich an einen alten Keller. An den Wänden sind überall Abnutzungsspuren, die Türen sind alt und haben diese typischen „Kellertüren-Griffe“. Hier lebt eine Mutter mit ihren drei Söhnen, zwei von Ihnen sind mittlerweile erwachsen. Sie teilen sich mit sechs anderen Bewohnern des Hauses ein kleines Bad und eine Küche.

Dem Wohnzimmer wurde versucht, ein wenig Wärme zu geben, an der Wand hängt eine Stickerei, die aussieht, als wäre sie ihren Besitzern viel wert. Vielleicht hat sie sie begleitet auf ihrer Flucht bis nach Deutschland? Der Raum ist klein und das nebenan liegende Schlafzimmer scheint nicht einmal mehr der Größe des Wohnzimmers zu entsprechen. Hier schlafen die Mutter und ihre Söhne auf zwei „Jugendherbergs-Stockbetten“. Und aus dem Fenster schauend, sieht man wieder diese Idylle, die trügt.

Flucht – ein Thema, das in vielen Teilen der Welt für viele Menschen präsent ist. Und Flucht – ein Thema, das man in Deutschland nicht so gerne haben möchte. Ehsan* ist 18 Jahre alt und seit zwei Jahren in Deutschland. Um den Hals trägt er ein blaues Tuch, um sich mit all den Frauen zu solidarisieren, die in seinem Heimatland Afghanistan vom Regime gezwungen werden, sich tagtäglich zu verhüllen, wenn sie auf die Straße gehen. Was er erlebt hat, möchte man niemandem wünschen. Drei Monate hatte seine Flucht über den Landweg bis nach Deutschland gedauert. Er hatte sie in Afghanistan mit seiner Familie begonnen – angekommen ist er allein. Schlepper hatten ihn von seiner Familie getrennt und seitdem hat er nie wieder etwas von ihnen gehört. Er denke an sie, jeden Tag – jede Minute, sagt er. Ehsan lebt seit diesem Tag mit der Ungewissheit, wie es seiner Familie wohl geht. Der Vater hatte die Flucht geplant, nachdem sein Bruder festgenommen wurde, da er mit seinem demokratischen Denken zu sehr angeeckt war. Er hatte als Journalist für das Internationale Afghanische Fernsehen gearbeitet und ging im Camp der amerikanischen Soldaten ein und aus. Ehsan begleitete ihn damals gern und spricht nun Englisch mit dem breitesten amerikanischen Akzent. Er hat die Sprache im Camp gelernt, durch das Sprechen mit den Soldaten. Er fand sie sehr nett, erzählt er.

Als er vor zwei Jahren in Deutschland Asyl beantragen wollte, wurde ihm erst nicht geglaubt, dass er ein afghanischer Flüchtling sei. Stattdessen wurde er durch sein gutes Englisch für einen US-Amerikaner gehalten. Und auch seine Hautfarbe passe nicht zu einem Afghanen, so hieß es. Ehsan musste sich, am Anfang noch nicht einmal volljährig, durchkämpfen durch den deutschen Bürokratie-Dschungel. Mittlerweile spreche er besser Deutsch als Englisch, meint er. Einen Sprachkurs hat er nie bekommen, der steht Flüchtlingen nicht zwangsläufig zu.

Irgendwann möchte er wieder nach Afghanistan: „Heimat ist etwas Besonderes!“ Doch im Augenblick geht das nicht. Im Augenblick, und dieser dauert nun schon seit zwei Jahren an, heißt es für Ehsan: Kämpfen - um die Bewilligung finanzieller Mittel, um Bildung, und mit der Ungewissheit über den Verbleib seiner Familie.

In Deutschland habe er die Liebe gefunden, erzählt Khaled. Wie auch Ehsan hat er eine Zeit lang in der Gemeinschaftsunterkunft im idyllischen Tübinger Umland gewohnt. „Alles war dreckig und man ist isoliert vom Rest der Gesellschaft.“ Nach einem Jahr durfte er ausziehen und wohnt mittlerweile mit seiner Frau zusammen, er möchte eine Familie gründen: „Meine Kinder sollen einmal wie Deutsche behandelt werden, das wünsche ich mir!“ Zu oft wurde Khaled klar gemacht, dass für ihn vieles anders ist, weil er aus dem Ausland kommt und keine deutsche Staatsbürgerschaft hat. Wenn er gefragt wird wo er denn herkomme, erzählt er gerne, er käme aus Frankreich. Er spricht die Sprache fließend und muss sich so nicht mit all den Vorurteilen herumschlagen, die auf ihn einprasseln, sobald er erzählt, dass er aus Algerien geflohen sei. Dort hatte er nach seinem Studium als Lehrer für Englisch und Französisch gearbeitet.

„Wir haben keine Chance, aber diese Chance müssen wir nutzen“, sagt er über die Situation der Flüchtlinge. Zwei Jahre lang musste er darum kämpfen, einen Deutschkurs auf dem Niveau B1 zu machen, da ihm dafür die finanziellen Mittel fehlten. Doch wie sich integrieren, wenn man kein, oder nur wenig, Deutsch sprechen kann? Wie eine Arbeit finden? Khaled wollte nie staatliche finanzielle Unterstützung. Er wollte selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Doch das war ihm untersagt während seines Aufenthaltes im Duldungsstatus. Mittlerweile hat er eine Aufenthaltserlaubnis und einen 400 Euro-Job. Das ist nicht viel Geld und es reicht nicht wirklich zum Leben, doch wichtiger sei ihm seine ehrenamtliche Arbeit im Asylzentrum, der Anlaufstelle für Flüchtlinge. Gerne möchte er Sozialpädagogik studieren. „Essen und Trinken ist wichtig für den Körper, Lernen ist wichtig für den Geist“, so Khaled.

Auch die Mutter und ihre drei Söhne dürfen, wie Ehsan und Khaled, nun aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen und es geht an die Wohnungssuche. Es wird für sie nicht leicht sein, etwas Passendes zu finden. Zu viele Gründe gibt es, aus welchen Vermieter keine Flüchtlinge in ihren Wohnungen haben wollen. Doch nach unermüdlichem Suchen wird auch diese Familie eine Wohnung finden. Und an diesem Ort ist es dann hoffentlich nicht nur beim Blick aus dem Fenster idyllisch.

*Name geändert

22:29 12.04.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Myriam Schäfer

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