Myriam Schäfer
08.09.2012 | 09:00 4

Mantel des Schweigens

Analphabetismus In Deutschland gibt es 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Die Antwort darauf ist ein Grundbildungspakt der Regierung, doch Kursplätze werden davon nicht finanziert

Mantel des Schweigens

Schon ein kleiner Text bedeutet für funktionale Analphabeten ein Buchstabendurcheinander ohne jeglichen Sinn

Foto: wilhei55

Die Zahl der Analphabeten weltweit bis 2015 halbieren – dieses Ziel hatten sich die Vereinten Nationen im Jahr 2000 gesteckt. Und den entscheidenden Schub sollte die sogenannte UN-Dekade zur Alphabetisierung bringen. „Die Dekade erinnert uns daran, dass Alphabetisierung ein Menschenrecht ist“, erklärte der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan in seiner feierlichen Eröffnungsrede im Februar 2003. Doch nun ist die Dekade fast vorbei, und es ist absehbar, dass sie ihre Ziele auch nicht ansatzweise erreichen wird. Das macht schon der UNESCO-Weltbildungsbericht von 2011 sehr deutlich.

So ist die Lage, wenn am Samstag der internationale Tag der Alphabetisierung begangen wird und die UNESCO wie jedes Jahr vier Preise an herausragende Hilfsprojekte vergibt. Weltweit können etwa 796 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben. 72 Prozent der erwachsenen Analphabeten leben in nur zehn Ländern. Und doch ist es eben nicht nur ein Problem der ärmeren Länder. Das ist im Lauf dieser zehn Jahre ebenfalls mehr als deutlich geworden.

Nicht auffallen ist das Ziel

Auch für Deutschland, wo über das Problem lange der Mantel des Schweigens gebreitet wurde, gibt es inzwischen erschreckende Zahlen. Eine Studie der Universität Hamburg vom Februar 2011 rechnet mit 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in der Bundesrepublik. Das sind Menschen, die zwar einzelne Worte und auch Sätze lesen können, denen aber schon ein kleiner Text völlig unverständlich bleibt.

Von diesen haben laut Studie 19 Prozent die Schule ohne Abschluss verlassen. Doch immerhin knapp 48 Prozent der funktionalen Analphabeten haben zumindest einen niedrigen Bildungsabschluss. Zwölf Prozent verfügen sogar über einen hohen Bildungsabschluss. Wie ist das überhaupt möglich? Haben die Lehrer versagt? Haben sie weg geschaut? Viel wahrscheinlicher scheint, dass die Schüler auf ihre Weise besonders clever waren. Mit Tricks schaffen es viele, sich ein Netz zu bauen, durch das sie – selbst in Schulen mit höheren Abschlüssen – nicht fallen. Es lässt sie nicht auf-fallen.

Dieses Netz bleibt bestehen und wird ausgebaut, wenn der Weg weiterführt in den Beruf. Knapp 57 Prozent der funktionalen Analphabeten sind erwerbstätig, nur zehn Prozent sind Hausfrauen und -männer. Die Studie zeigt, dass man auch ohne Lese- und Schreibkompetenzen in dieser Gesellschaft bestehen kann. Doch einfach ist es nicht. Es schwingt die ständige Angst mit, entdeckt und bloß gestellt zu werden. Wer unerkannt bleiben will, muss sehr gut vorbereitet sein. „Überraschungen und Abweichungen vom Plan können für Analphabeten sehr unangenehm werden“, erklärt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung, in einem taz-Interview von Anfang August. „Es herrscht immer noch das Vorurteil: Wer nicht lesen kann, ist dumm.“

Bildungspakt als Lösung

Angesichts der überraschend hohen Zahlen sah sich die Bundesregierung gezwungen zu handeln, und Ende Februar 2011 begann die Planung eines Grundbildungspaktes. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung stellte 20 Millionen Euro für ein Programm zur arbeitsplatzorientierten Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Alphabetisierung und Grundbildung zur Verfügung. Die Finanzierung der Alphabetisierungskurse sollte von den Ländern und Kommunen getragen werden.

Doch seitdem ist nicht viel passiert. „So etwas wie ein Grundbildungspakt ist da für mich noch nicht erkennbar“, sagt Hubertus. Auch die SPD übt Kritik und fordert eine nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung. Ziel auch hier: die Zahl der funktionalen Analphabeten um mindestens die Hälfte verringern. Dazu solle die Anzahl der Plätze für Alphabetisierungskurse deutlich erhöht werden. Hubertus sagt es so: „Wir brauchen in zehn Jahren 100.000 Angebote statt der heutigen 20.000 Kursplätze in Alphabetisierungskursen.“ Der Weg in die Alphabetisierung ist lang und steinig – nicht nur in den ärmeren Ländern.

Kommentare (4)

Achtermann 08.09.2012 | 17:11

Was ist eigentlich ein funktionaler Analphabet? Das heißt doch, dass er schon in der Lage sein kann, Lesen und Schreiben zu können, jedoch nicht in dem Ausmaß, das notwendig ist, um in der industrialisierten Gesellschaft zurechtzukommen. Jemand, der keine Einkommenssteuererklärung ausfüllen kann, ist wohl ein funktionaler Analphabet? Also bin ich potenzielles Mitglied dieser Gruppe. Dass die Industriestaaten inzwischen relativ hohe Anforderungen an die Beherrschung der Formular-Schriftsprache stellen, ist doch offensichtlich. So könnte durchaus ein Leser der Bild-Zeitung in die Kategorie der funktionalen Analphabeten gehören. Die funktionalen Analphabeten und die Analphabeten müsste man stärker differenzieren.

Sisyphos Boucher 09.09.2012 | 00:09

@Glamorama

Die Quote war in der DDR vergleichbar hoch wie in der BRD, insbesondere unter den Industriearbeitern und jenen, die in bildungsfernen einfachen Tätigkeitsfeldern beschäftigt waren. Leider liegen seit den 1970er Jahren aus der DDR keine konkreten Zahlen vor. Doch es darf davon ausgegangen werden, dass der funktionale Analphabetismus nicht wesentlich niedriger gelegen hat als in der BRD.

@La Lumiere

Die erhobenen Daten zu funktionalem Analphabetismus beziehen auch jene ein, die keine Deutsch-Muttersprachler sind und aus unterschiedlichen Gründen die deutsche Schriftsprache nicht oder nur unzureichend gelernt haben (ältere Spätaussiedler aus Russland z.B.).

Die Voraussetzungen für Sprachbildung, verstehendes Hören und Sehen werden zuerst und vor allem in Familien geprägt. Lesen lernen Kinder nicht in der Schule, sondern durch die Praxis im Elternhaus, sofern keine psychischen oder physischen Behinderungen bestehen.

Die Schule gibt nur den Rahmen, d.h. die Werkzeuge, die die Kinder schließlich nutzen können,um lesen und Schreiben praktizieren zu können, was sie allerdings auch in der Familie tun sollten. Schule ist nur teilweise zuständig und nicht zuletzt überhaupt nicht verantwortlich dafür, dass Eltern ihre Kinder vor Fernseher und bei PC-SPielen geistig verarmen lassen.

@Achtermann

Funktionaler Analphabetismus ist eine Form von Verstehens- und Ausdrucksschwäche in Sachen Schriftssprache. In der Tat können auf Grund verschiedener Lebensumstände die Fähigkeiten, sich in Schriftsprache auszudrücken, vor allem aber Schriftsprache zu verstehen, nachlassen oder nahezu vollkommen degenerieren.

Ein funktionaler Analphabet vermag durchaus noch zu lesen, allerdings nicht mehr hinreichend zu verstehen, was er liest.

Dass Sie sich, nur weil sie die Einkommenssteuererklärung nicht verstehen, für einen funktionalen Analphabeten halten wollen, mag bestenfalls klarmachen, dass sie das Thema gar nicht ernst nehmen, denn die Schriftsprache ist für viele eine existenzielle Frage. Abgesehen davon kann es gefährlich werden, wenn jemand Warnschilder, Warnhinweise usw. nicht mehr versteht.

@all

Analphabeten sind sehr wohl in der Lage, ihre Schwäche so gut zu verbergen, dass es selbst dem nahen Umfeld nicht auffällt, welche Probleme sie tatsächlich haben.

@Myriam Schäfer

Vielen Dank für diesen Artikel, der das Problem recht deutlich und richtig beschreibt, wie ich finde.