Artenschutz aus dem Elfenbeinturm

Artenschutz: Eine EU-Initiative für ein Trohpäenimportverbot wurde abgeschmettert. Ein Segen für bedrohte Tiere
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Die Sache scheint klar zu sein. Wie so vieles, was man in westlichen Großstädten für normal anzusehen gewohnt ist. Neben einem ausgeprägten Konsumverhalten rühmt man sich damit, den Zeitgeist und die großen Fragen der Welt im Blick zu haben: Plastikmüll, Klimawandel, Artensterben, Glyphosat, Bio-Landwirtschaft, Atomkraft, Tierschutz, Erneuerbare Energien und vielleicht noch das Ozonloch. Wobei man sich an das Ozonloch offenbar gewöhnt hat und mit dem weglassen von FCKW nun ein reines Gewissen haben kann. Ist das Ozonloch eigentlich noch da? Ich möchte niemanden auf die Folter spannen: Ja, ist es und es ist so groß wie eh und je. Aber es ist über der Antarktis und darum weit weit weg vom lokalen Biosupermarkt und nur interessant, will man eine klimaschädliche Flugreise nach Australien machen.

Interessant ist es eigentlich nur, weil es in den 90ern ein so großes Thema war und nun im Orcus der Presselandschaft verschwunden ist, obwohl das Thema, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht kleiner geworden ist. Es ist halt uninteressanter als die anderen großen Herausforderungen der Zeit.

In Wahrheit sind die Probleme gewaltig und unüberschaubar und zu kompliziert, als dass es möglich wäre, dass sich ein Privatmann mit derartigen Themen sachlich auseinandersetzen kann. Dennoch haben viele Menschen die Bedeutung der Themen erkannt. Im breiten Horizont der Information werden Umweltnews immer gerne gelesen.

So auch die Nachrichten über den rasant fortschreitenden Artenrückgang, für den der Mensch vermutlich gänzlich die Verantwortung trägt. Vor allem die Umwandlung von natürlichen Habitaten für Wildtiere in Kulturland, also bspw. die Umwandlung von Regenwald in Palmölplantagen, was dann bspw. in vegetarischer Margarine im Biosupermarkt wieder auftaucht, ist ein großes Problem.

Aber auch in Afrika mit seiner erheblichen Bevölkerungszunahme, sehen es die Menschen nicht ein zu verhungern, um irgendwelche Wildtiere zu schützen. Ebenso wie es unsere Vorfahren in Europa nicht eingesehen haben. Nun leben wir in einem Land, in dem es in einem Umkreis von Mindestens 1000 Kilometern nicht mal annähernd so etwas wie Wildnis gibt. Wir sehen ein, dass es ein Fehler war die Landschaft in ein Schachbrett aus Äckern und Weiden zu verwandeln und mit Inseln aus monokulturell wachsenden Bäumen zwischen unseren Siedlungen zu versehen.

Doch anstatt unsere Fehler zu revidieren und jedenfalls einen Teil der Fläche wieder in ihren Urzustand zu versetzen, begnügen wir uns mit winzigen Naturparken oder Naturschutzgebieten in denen immerhin der Anschein gewahrt werden kann, hier würde es noch so etwas wie Natur geben.

Stattdessen konzentrieren wir uns auf die Regionen, in denen es noch wirklich etwas zu verlieren gibt, nämlich den Regenwald und die Savannen des südlichen Afrikas. Dort gilt es nun, die „Letzten ihrer Art“ für unsere Kinder zu bewahren. Von den Konflikten die dort zwischen den Menschen und der wilden Natur herrschen braucht man nicht viel zu wissen. Aus westlicher Sicht werden dort Elefanten und Nashörner wegen deren Bewaffnung erschossen. Entweder um an der Wand eines Großwildjägers zu landen oder in einem Potenztonikum für den den asiatischen Markt.

Elefanten sind ein gutes Stichwort. Diese sind nämlich tatsächlich keineswegs bedroht, sondern nur gefährdet. Wo der Unterschied liegt, ist vielen nicht geläufig. Vor allem in der Presse ist dieser Unterschied keineswegs Allgemeinwissen, auch wenn monatlich in jeder Gazette ein Bericht darüber zu lesen ist. Auch die Naturschutzverbände legen keinen besonderen Wert darauf, diese Unterscheidung für nun diese oder jene Tierart besonders herauszustellen. Sind sie doch darauf angewiesen, dass zahlungskräftige Verbraucher einen Teil ihres Einkommens dem Artenschutz zugute kommen lassen.

Und, mal ehrlich, wen interessiert es schon, ob irgendeine unbekannte und hässliche Eidechsenart auf Madagaskar von der IUCN, der Internationale Union zur Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen, welche die Rote Liste der gefährdeten Arten herausgibt, als „bedroht“ oder „stark gefährdet“ eingestuft wurde? Damit lässt sich kein fünf-Euro-Monatsabbo für den Artenschutz entlocken. Mit Elefanten schon.

Dies führte dazu, dass die „gefährdeten“ Elefanten in den letzten 20 Jahren zu einer Art wurden, die lt. IUCN nun in bestimmten Regionen gar nicht mehr als „stark gefährdet“ sondern als „gefährdet“ eingestuft wurde. In verschiedenen Regionen Afrikas, bspw. in Südafrika oder in Namibia, gibt es sogar zu viele Elefanten. In anderen Regionen, in denen Landrückgang und Wilderei erhebliche Ausmaße angenommen haben, sieht das wiederum anders aus. Dort sind die Elefanten weiterhin sehr selten und die Übriggebliebenen werden in Massen abgeschlachtet. Insgesamt wächst die Population allerdings.

Die IUCN unterscheidet verschiedene Gefährdungsstufen:

EX (Extinct) ausgestorben

EW (Extinct in the Wild) in der Natur ausgestorben

RE (Local extinct) regional ausgestorben

CR (Critically endangered) vom Aussterben bedroht

EN (Endangered) stark gefährdet

VU (Vulnerable) gefährdet

NT (Near Threatened) potenziell gefährdet

LC (Least Concern) nicht gefährdet

Was für Elefanten ein Segen ist, ist für andere Arten ein Fluch. Sie sind nicht überall bekannt und somit außerhalb des Horizonts der artenschutzbeflissenen Europäer, stehen ihre Chancen schlecht.

Was gibt es aber für Konflikte mit den großäugigen Elefanten, die als "VU", also vulnerable, eingestuft sind? Elefanten haben bspw. die Angewohnheit ganze Ernten zu fressen und zu zertrampeln, die ja in ihrem ehemaligen Territorien angebaut wurden. Zusätzlich werden in Afrika jährlich ca. 200 Menschen von Elefanten getötet. https://www.iucn.org/about/work/programmes/species/who_we_are/ssc_specialist_groups_and_red_list_authorities_directory/mammals/african_elephant/hec/

Doch heute sind Lösungen dieser Probleme, wie etwa die Europäer mit Wisent, Auerochse oder Wolf umgegangen sind, eher verpönt. Die Tiere sollen ja erhalten bleiben. Dabei ist es aber auch wichtig, dass die gemeine Landbevölkerung nicht den europäischen Weg wählt und am Ende noch selber zur Kalaschnikow greift und beginnt, ihre Ernte auf eigene Faust zu schützen.

Diese Konflikte finden sich mit etlichen Tieren, die gefährdet aber regional stabile oder sogar zu hohe Populationen aufweisen. Löwen und Leoparden, die sich an den Viehherden in einer der ärmsten Regionen dieser Erde gütlich tun, sind da ein anderes Beispiel. Vor allem am Rande der großen Nationalparke können Konflikte mit Wildtieren entstehen, da es dort besonders große, da geschützte, Populationen gibt.

Gleichzeitig steigt mit der Armut der Bevölkerung auch die Wilderei an. Denn diese bietet jungen Leuten ein weit überdurchschnittliches Einkommen. In besser strukturierten Staaten findet ein permanenter Bürgerkrieg zwischen schlecht ausgestatteten Rangern und entschlossenen Wilderern statt.

Für westliche Ohren sind diese Konflikte kaum vorstellbar. Das Wildtiere, die man höchstens aus dem Zoo kennt eine echte Bedrohung der Existenz bedeuten können und diese für die Planung einer ohnehin unsicheren Zukunft einfach einen weiteren Unsicherheitfaktor bedeuten, ist unverständlich, wo es doch darum geht, diese Tiere auch noch den eigenen Kindern zeigen zu können.

Dazu kommen noch ganz praktische Artenschutzerwägungen: Ein alter Nashornbulle, der zwar zeugungsunfähig ist, aber dennoch seine Herde verteidigt, ist für den Fortbestand der Art unnütz. Er muss entnommen, sprich, erschossen werden, um Platz für die nächste Generation zu machen.

Hier hat sich nun eine gute Kooperation zwischen Trophäenjagd und Naturschutz etabliert. Für den Abschuss eines bedrohten Nashorns zahlen Liebhaber gerne mal 350000 Dollar. http://www.welt.de/vermischtes/article141311016/Jaeger-ersteigert-Recht-aussterbendes-Nashorn-zu-schiessen.html Die Artenschützer sind das überflüssige Individuum los und eine neue Nashorndynastie kann helfen, den Bestand zu sichern. Das Geld für die Abschusslizenz geht an den Staat. Im Falle von weniger korrupten Staaten fließt dieses Geld wiederum in Arterhaltungsprogramme. Die Wildhüter bekommen neue Fahrzeuge oder Personal und helfen, die Wilderei in Grenzen zu halten.

Das Geld für die Jagd an sich, kommt den umliegenden Dörfern und Jagdbetreibern zugute. Die Pirschführer können legal Geld verdienen und kommen nicht auf die Idee, ihr Können für die Wilderei einzusetzen. Außerdem sparen sie sich Schießereien mit den Wildhütern. Das Fleisch des Tieres wird in den umliegenden Dörfern verteilt. Und der Großwildjäger, kann sogar seine umweltbewussten Geschäftsfreunde mit einer Trophäe beeindrucken, mit deren Beschaffung er zum Artenschützer geworden ist. Auf Jagdfarmen wird die Wildnis geduldet und sie ist so einträglich, dass das Land nicht in Farmland umgewandelt wird und sich in einigen Staaten eine echte Bewahrung der Natur etabliert hat, auch außerhalb der Nationalparke. Eine Win-Win-Win-Situation, wenn man so möchte.

Doch spätestens seit der Debatte um den toten Löwen Cecil, der von einem amerikanischen Zahnarzt erlegt wurde, was eine weltweite Debatte auslöste, müsste klar sein, dass diese komplexe Problemlage in europäischen Großstädten etwas verzerrt, um nicht zu sagen vollkommen verdreht aufgenommen wird. Ob nun irgendein Individuum einer 20 – 30 Tausend Köpfe zählenden Population erlegt wurde spielt keine große Rolle. Zumal ja eine staatliche Abschusslizenz für einen Löwen existierte. Viel schlimmer wäre es, wenn sich die Löwen unkontrolliert vermehrten und die gemeine Landbevölkerung auf den Artenschutz pfeifen und beginnen würde selber ihre Herden zu schützen.

In diesem Spannungsfeld ist auch die EU-Gesetzesinitiative der britischen Labourabgeordenten Neena Gill zu sehen. Diese hatte vorgeschlagen, den Import von Trophäen zu untersagen, auch wenn diese aus legaler Jagd stammten.

Ähnliche Initiativen von Seiten der Grünen gab es auch in Deutschland. So forderte die Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke das Importverbot von Trophäen nach Deutschland im Zuge der Cecil-Debatte. Zwar gibt es das Washingtoner Artenschutzabkommen, welches auf einer Initiative von Jägern beruht, allerdings ist dies aus Biomarktperspektive natürlich nicht genug. Wenn irgendwo ein Artenrückgang herrscht, dürfen die Tiere halt nicht mehr erschossen werden. So einfach ist das.

Schließlich gibt es ja auch noch den sogenannten sanften Naturtourismus. Wobei dieser bei Naturschutzorganisationen gar nicht als so sanft gilt. Denn die Menge an Touristen, die mit Jeeps zu den dösenden, und durch den „Nationalparkeffekt“ daran gewöhnten, Löwenrudeln gefahren werden müssten um ähnliche Gewinne der relativ störungsarmen Jagd einzufahren, ist gigantisch.

Gill sah es als bewiesen an, dass die Jagd eigentlich nur schädlich sein kann und darum verboten gehört. Aus diesem Grund setzte die IUCN eiligst ein 19 Seiten umfassendes Informationsblatt auf, das die Abgeordneten im EU-Parlament über die Sachlage und die Bedeutung der Jagd aufklären sollte. http://cmsdata.iucn.org/downloads/iucn_informingdecisionsontrophyhuntingv1.pdf

Wie alle großen Naturschutzorganisationen sieht die IUCN die regulierte Trophäenjagd als unverzichtbar für den Artenschutz an. So führten verschiedene Jagdverbote in afrikanischen Ländern zu teils dramatischen Rückgängen in den Populationen. In Kenia, dem Vorzeigeland des Artenschutzes, wurde die Jagd schon 1977 verboten. Die Folge war, dass die Populationen um 90% einbrachen. Die Elefantenpopulation sank von 275.000 auf 20000 Tiere im Jahr 1989. Etliche Arten stehen vor dem Aussterben: Use it or loose it. http://www.ifaw.org/sites/default/files/Elephants%20on%20the%20high%20street%20an%20investigation%20into%20ivory%20trade%20in%20the%20UK%20-%202004.pdf Dieses Prinzip verfolgt Namibia und hat große Erfolge damit. Sowohl im Artenschutz als auch im Tourismus.

Wie knapp viele afrikanische Arten einer Katastrophe entgangen sind, die durch die EU-Initiative entstanden wäre, lässt sich nur schätzen. Dass dies ein schwerer Schlag für den Artenschutz bedeutet hätte, ist sicher.

Die Initiative wurde nun, nicht zuletzt aufgrund der Intervention der IUCN, abgelehnt. Sicher ist dadurch allerdings nichts. Auch in den USA gibt es ähnliche Bestrebungen die Einfuhr von Trophäen zu verbieten. Offenbar hat die Vorstellung, dass in Afrika keine Tiere mehr erschossen werden ihren Reiz. Der Mensch wird aus der Natur ausgeklinkt und kann diese fortan genießen und fotografieren, sofern er nicht mit und in dieser Natur leben muss. Die Folgen wären undenkbar.

Komplizierter wäre es zu bedenken, dass der Artenrückgang vor allem durch die extreme Armut der Bevölkerung Afrikas entsteht. Und der europäische Konsument mag halt ungerne auf seinen billigen Kaffe verzichten, bei dem Kaffeebauern sieht das schon anders aus, dessen Schiksal im großen Reigen der Welttehmen einfach untergeht. Und Tiere sollen auch nicht erschossen werden. Alles soll immer ganz schön sein. Und nicht nur in der Großstadt, sondern auch im fernen Afrika.

00:00 21.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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