Das ethische Vakuum der Tierrechtsbewegung

Tierrechte Tierrechte erscheinen Vielen als Ausweg aus einem modernen Dilemma im Umgang mit Tieren. Tatsächlich aber verleugnen sie die Abhängigkeit des Menschen vom Tier.
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Eingebetteter MedieninhaltVeganismus und Tierrechte sind im Trend. Die scheinbare Erkenntnis, dass durch unseren täglichen Konsum von tierischen Lebensmitteln schier unendliches Tierleid erzeugt wird treibt viele Menschen dazu, auf die Nutzung von Tieren zu verzichten. Welches Recht, so ist die Hauptfrage, hat der Mensch ein anderes Lebewesen zu töten? Keines. Er erzeugt dadurch Leid und Leid soll möglichst vermieden werden. Wie unempathisch ist es, um das große Leid der Tiere zu wissen, und es absichtlich in Kauf zu nehmen, nur weil man sich an den Konsum von tierischen Produkten gewöhnt hat? Es ist möglich sich vegan zu ernähren und jeder, der es nicht macht, der sorgt mit jedem Bissen dafür, dass ein Tier Leid und Schmerz widerfährt. So, oder so ähnlich lautet die ethische Einstellung von Tierrechtlern.

In Deutschland gibt es etwa 8% Vegetarier und 1,3% Veganer, wobei 86% der Veganer und Vegetarier sich wieder für den Fleischkonsum entscheiden (https://www.psychologytoday.com/blog/animals-and-us/201412/84-vegetarians-and-vegans-return-meat-why). Und auch wenn unter dieser Gruppe Menschen sind, die glauben, sich durch diese Ernährungsextreme gesund zu ernähren, ist der weit überwiegende Teil, zumindest teilweise, auch ethisch motiviert. Bei Veganern steht die ethische Motivation vermutlich gänzlich im Vordergrund. Zudem gibt es religiös motivierten Vegetarismus. Aber keine Kultur der Welt ist gänzlich vegan aufgestellt. Das mag daran liegen, dass Menschen auf tierische Produkte angewiesen sind und es für die meisten Menschen nicht möglich ist, diese zu substituieren, also durch künstliche Ersatzstoffe zu ersetzen um zumindest eine Zeitlang gänzlich auf tierische Nahrungsmittel zu verzichten.

Die Geschichte des modernen Vegetarismus ist komplex und hat seine Wurzeln sowohl im bürgerlichen, im linken und rechtsgerichteten Kontexten. Nur um die Unterschiede zu verdeutlichen seien zwei historische Personen genannt, die beide vegetarisch lebten oder es zumindest für gut hießen: George Bernard Shaw und Richard Wagner. Während Shaw ein eher gesellschaftskritischer und sozialistischer Denker und Autor war, war Wagner ein Antisemit. So finden sich auch die Wurzeln der deutschen Vegetarierbewegung sowohl im Nationalsozialismus als auch in der bürgerlichen Naturschutz- und Tierschutzbewegung. Wo der Vegetarismus die Nutzung von Tieren noch akzeptiert, versucht der Veganismus gänzlich auf tierische Produkte zu verzichten.

Der Veganismus ist sehr eng mit der Tierrechtebewegung verbunden, die ihren Anfang in den Anti-Fuchsjagdkampagnen in England und in der utilitaristischen Philosophie von Peter Singer nahm. Dieser ist der Auffassung, dass sich das Leid verringern ließe, indem man die Leidensfähigkeit der Lebenswesen als oberstes Prinzip für deren Recht auf Leidensfreiheit annahm. Wer leidet und wer nicht, dass wird durch einzelne Annahmen bestimmt, die Singer im einzelnen Ausführt. Die Bewusstheit spielt für ihn offenbar eine herausragende Rolle. Wer aber nicht leidet, über den kann im Gesamtgefüge der Welt auch frei bestimmt werden. Ziel ist es, das Glück zu mehren. Tiere können unzweifelhaft leiden. Singer war der Ansicht, dass viele Tiere die Bewusstheit und das Leid von manchen Menschen übertrumpft würde. Dem Leiden von Behinderten oder Neugeborenen zum Beispiel. Das bedeutet im speziellen, dass ein (vielleicht kranker) menschlicher Säugling eher für medizinische Experimente hergenommen werden sollte, als ein ausgewachsener Menschenaffe, da ersterer nicht so bewusst, also leidensfähig ist, wie ein Menschenaffe. Oder, dass ein geistig Behinderter nicht so leidensfähig ist, wie ein gesunder Hund. So schlug er in der Erstausgabe seiner Werke vor, doch Kinder mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) oder Spina Bifida für Experimente heranzuziehen, anstatt gesunde Tiere. Für den ein oder anderen mag das nach Euthanasie klingen und weitere ethische Differenzierungsprobleme aufwerfen: Wie man das Leiden vergleichen könnte oder ab wann ein menschliches Leben als nicht mehr lebenswert bewertet wird, sodass es beendet werden darf oder zu Experimenten herangezogen werden kann? Für viele Tierrechtler klingt derartiges plausibel. Darauf begründet sich der sog. Antispeziessismus (im Vergleich zum Antirassismus). Linke Antispeziessisten wollen die „Diskriminierung“ von nichtmenschlichen Tieren verhindern, so wie sie die Diskriminierung aufgrund rassischer Vorstellungen verhindern möchten. Kurz gesagt, allen soll es gutgehen: Mensch und Tier. Wie weit diese Vorstellungen gehen, kann man an der „Holocaust auf dem Teller“-Kampagne der Tierrechtsorganisation PETA erkennen. Dabei wurden auf Plakaten geschlachtete Schweine KZ-Opfern gegenübergestellt. Ganz nach dem Motto: Wenn man Menschen und Tiere gleichsetzt, dann bedeutet das auch, dass der Holocaust jeden Tag wiederholt wird. Unvorstellbar, wie Tierrechtler in einer S-Bahn voller Nazis sitzen können, ohne den Verstand zu verlieren oder Weihnachten bei der Familie feiern können, ohne über dem Gänsebraten zu verzweifeln und Amok zu laufen? Wenn man das so betrachtet, erscheint der Missionierungseifer, der Veganern gerne nachgesagt wird, geradezu zurückhaltend, angesichts der täglichen Tierschoa, an dem Freunde, Familie und Kollegen beteiligt sind. Auch Helmut Kaplan geizt nicht mit Holocaustvergleichen und Hilal Sezgin zitiert zwar Singer, lässt aber die eher unappetitlichen Deteils seiner Vorstellungen unkommentiert außen vor.

Auch Horkheimer und Adorno müssen für die Ideologie herhalten. Sie beklagen die Gleichgültigkeit, mit der Menschen dem Leid von Tieren gegenübertreten. Dabei gehen sie aber davon aus, dass lediglich die „Verdinglichung“ und das Absprechen und Negieren von Leid Grausamkeiten produziert. Wenn man also sagt, es sei ja bloß ein Tier, kann man auch sagen, es sei ja bloß ein Jude. Diese Sichtweise ist auf den Menschen gerichtet und dessen Umgang mit dem Leid anderer Wesen. Es ging ihnen um die Industrialisierung, Mechanisierung und Entkoppelung der Bedeutung vom Akt des Tötens. Mit keiner Silbe erwähnen sie, dass Menschen und Tiere gleich behandelt werden sollten. Und schon gar nicht legen die beiden nahe, dass man unliebsame behinderte Kinder umbringen sollte. Vor allem ging es ihnen dabei um eine Erklärung für den Holocaust zu finden. Die Einstellung soll analysiert werden, die aus der modernen Kultur erwächst und die den Holocaust möglich gemacht hat. Und sie werden fündig wo der Umgang des Menschen mit dem Leben von rationalen Beweggründen geleitet ist, ohne Herz und Mitleid. Das rein rationale Verhältnis vom Menschen zur Natur steht im Mittelpunkt, was wiederum zu einem Denken führen kann, dass Menschen wie Tiere gesehen werden können. Kein Wort davon, dass die einzig wahre Lebensweise vegetarisch oder gar vegan sein soll. Es gibt für Horkheimer und Adorno offenbar ein richtiges Leben im Fleischkonsum. Im Gegenteil wehren sie sich gegen eine derart dichotome Philosophie. Sie schreiben: „Du liebst die Schlachthäuser nicht, soll die Gesellschaft fortan rohes Gemüse essen? Die positive Antwort auf solche Fragen, absurd wie sie sein mag, findet Gehör. Der politische Anarchismus, die kunstgewerbliche Kulturreaktion, das radikale Vegetariertum, abwegige Sekten und Parteien, haben sogenannte Werbekraft. Die Lehre muß nur allgemein sein, selbstgewiß, universal und imperativisch. Unerträglich ist der Versuch, dem Entweder-Oder sich zu entwinden, das Mißtrauen gegen das abstrakte Prinzip, Unbeirrbarkeit ohne Doktrin.“ Horkheimer und Adorno sehen viel mehr, dass das Pendel auch in die andere Richtung schlagen kann. Sie plädieren für eine Abkehr der reinen Vernunft der Aufklärung in der das Menschliche nicht wegrationalisiert wird. Solche Feinheiten in dem Werk müssen Tierrechtler übersehen haben, wenn sie die beiden zu Zeugen der Tierrechtsbewegung stilisierten. Viel eher ging es den Autoren darum klarzustellen, dass die „Tierfabriken“ eine Pervertierung des Umgangs mit den Mitgeschöpfen sind. Ein Auswuchs einer unerbarmlichen Rationalität. Die Abkehr vom menschlichen Elend, hin zu einer Fiktion, dass Tiere anstelle von Menschen gerettet werden müssten, wäre wohl nicht in ihrem Sinn gewesen. Hätten sie, während Kinder verhungern, gewollt, dass Tiere gerettet werden? Ich glaube, diese Frage erübrigt sich. Was hätten Horkheimer und Adorno wohl über Peter Singer gesagt und seine Mordfantasien an Säuglingen, aus reinen Vernunftsgründen? Sie hätten in ihm die Ursache für den neuen Völkermord und die neue Euthanasie gesehen und dies nicht zu unrecht.

Aber Tierrechte und Veganismus bringen nicht nur philosophische Probleme mit sich. Auch durchaus praktische, die man nicht unterschätzen sollte. Der Widerspruch, dass Tiere „Menschenrechte“ erhalten sollen, sich aber selber nicht an diese Rechte halten müssen zum Beispiel. Es erscheint so logisch, wie der Versuch, duch Verzicht auf Fleisch Leid zu verhindern. Tiere können nun mal nicht denken. Aber wie können sie dann Träger von Rechten sein, wenn sie selber diese Rechte nicht beachten können? Sprich, dass der Löwe immer noch das Recht auf eine feiste Mahlzeit hat, auch wenn er dabei die Rechte einer Gazelle aufs äußerste missachtet, erscheint dabei noch als kleines Problem. Viel eher ist problematisch, dass sie Tieren Rechte geben wollen, die diese gar nicht erfassen können. Sie überborden Tiere mit menschlichen Projektionen. Dabei wird bspw. die Frage schlicht übersehen, ob es vielen Tieren in menschlicher Obhut nicht besser geht als in der viel gerühmten freien Natur. So ist die Gazelle im Zoogehge vor dem Löwen in Sicherheit. Sie muss keinen Hunger leiden und muss sich nicht auf gefährliche Wanderungen machen, um Nahrung zu finden. „Die meisten Tiere laufen ja nicht aus lauter Lebensfreude durch die Gegend, sondern im Gegenteil aus Notwendigkeit,“ schreibt der Biologe Heiko Werning. (http://jungle-world.com/artikel/2012/26/45762.html) Und an diesem Punkt entlarvt sich die Tierrechtebewegung als eine vollständig anthropozentrische Bewegung: Auch wenn der Mensch von vielen Speziessisten auch als Tier gesehen wird, was weder besser noch schlechter als andere Spezies ist, wird keine allgemeine Philosophie der Menschen und der Tiere aufgestellt, die quasi allen gerecht wird, sondern eine, die sich ausschließlich dem Menschen als handelnden Akteur zuwendet. Menschliche emanzipatorische Vorstellungen von Freiheit, Selbstbestimmung und Recht wird den Tieren aufgebürdet. Die Tiere verbleiben als passive, zwar leidende, aber seelenlose Wesen, die Empfänger von menschlicher Gnade sind. Oder möchte jemand bestreiten, dass der Gemütszustand eines Hundes oder auch eines Primaten sich nicht ändert, wenn er von jetzt auf gleich mit umfassenden Menschenrechten ausgestattet wird? Natürlich nicht. Hunde sind in der Agenda der Tierrechtler ohnehin nicht enthalten. Sie sind nun mal zum Verfügung der Menschen gezüchtet worden und somit nicht fähig die umfassende Freiheit zu genießen. Wer glaubt, Tierrechtler seien Haustierfreundlich, der irrt gewaltig. Kastration und Aussterben ist für diese vorgesehen.

Eine weitere Delle erhält die Tierrechtsphilosophie aber durch einen weitgehend geleugneten Umstand. Jedem Tierrechtler, der sich explizit menschlicher Fähigkeiten bedient, ist klar, dass eine rein vegane Lebensweise nicht möglich ist. Ob in seinem Auto oder seiner Wohnung, es verstecken sich unzählige Produkte, die durch die Ausbeutung von Tieren hergestellt wurden oder die direkt aus Tierleichen bestehen. Aber man könnte noch weitergehen. Auch die Nahrung der Veganer ist natürlich keineswegs so vegan, wie sie den Anschein hat. Bei der bäuerlichen Bodenbearbeitung mit modernen Maschinen sterben unzählige Kleinsäuger, wie Mäuse oder Hasen. Und so eine Maus kann es an Leidensfähigkeit durchaus mit einer Kuh oder einem Schwein aufnehmen. Sie ist halt nicht so offensichtlich wie letzeres. Auch Wildschweine werden auf den Äckern im Namen der veganen Ernährung dahingemeuchelt, um Wildschäden zu verhindern und ihre Population in Grenzen zu halten. Des Weiteren sind die Veganer und Vegetarier natürlich ebenso auf die moderne Landwirtschaft angewiesen, wie der gemeine Omnivore. Diese Landwirtschaft wiederum ist auf Dünger angewiesen. Dieser kommt, zu einem großen Teil aus der Tiermast. Kunstdünger ist eine begrenzte Ressource und zudem sehr klimaschädlich. Somit wird der Tierrechtsethiker, die klebrige Last des Tierleids nicht los. Sie verfolgt ihn sozusagen bei jedem Essen. Viele ethische Veganer retten sich in die Vorstellung, dass sie ja trotz ihres Tiermordes immer noch weniger Tiere quälen als der Steakfreund. Aber bedeuten umfassende Menschenrechte für leidensfähige Tiere nicht, dass wirklich jedes Tier diese Rechte genießt? Hat die intelligente Maus nicht das gleiche recht auf Leben wie das Mastkalb? Hier zeigt sich erneut die Bigotterie und der Anthropozentrismus des Tierrechtlertums: Der tierrechtlich motivierte Vegetarier muss halt auch etwas essen. Und an der Stelle ist es ihm herzlich egal, wie viel Tierleid er durch seine Nahrung produziert. Ihm genügt es wenn er die Fantasie hat, zumindest weniger Tierleid zu erzeugen. Das mittelbare Leid ist ihm an der Stelle gleichgültig. Und wenn, dann kann er daran nun mal nichts ändern.

Die Fantasie einer, mehr oder weniger, veganen Welt, erscheint zu verlockend. Pfanzliche Köstlichkeiten gepaart mit Nahrungsergänzungsmittel erscheint ihm als Ausweg aus dem menschlichen Elend. Wie schön wäre das auch, wenn die Menschen keine Tiere mehr quälten (zumindest nicht zu offensichtlich) und sich gleichzeitig von drohenden Umweltkatastrophen, wie dem Klimawandel, befreien könnten? Freilich existiert noch kein nachvollziehbarer, dokumentierter Fall, in dem es einem Menschen gelungen wäre, von der (veganen) Muttermilch bis zur letzten Mahlzeit auf tierische Produkte gänzlich zu verzichten. Vegane Aktivisten wie Lierre Keith haben sich nach 20 Jahren aktivem Kampf für vegane Ernährung wieder dem Fleisch zugewandt, da ihnen die gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu groß waren. Andere wehren sich mit der Kraft eines religiösen Fanatikers gegen diese Erkenntnis. Der Mythos der verzichtslosen veganen Ernährung muss aufrecht erhalten werden. Irrtümer brächten das Gedankengebäude wie ein Kartenhaus zum einstürzen. Die Mäuse sind so klein, dass man sie besser ignorieren kann, als ein Schwein.

Obwohl die Lebenserwartung der westlichen Welt, trotz des ungesunden massenhaften Fleischkonsums, permanent gestiegen ist, wird die fleischliche Ernährung als eines der größten Irrtümer und evolutionären Unsinnigkeiten dargestellt, die es je gegeben hat. Die Menschen werden 80 Jahre alt, aber leiden an Fettleibigkeit. Was soll die Alternative sein? Das Menschen zwar nur 54 Jahre alt werden, dafür aber einen BMI von 16,5 haben? Vieles der Tierrechtsethik wirkt undurchdacht und widersinnig. Derweil auch ethisch höchst bedenklich. Die veganen Vorstellungen sind dabei nicht nur anthropozentrisch, sondern auch neokolonialistisch. Die Befreiung von Tier und Mensch schließt selbstverständlich auch die Nahrungsgewohnheiten der Entwicklungsländer mit ein. Aber während sich der hippe, vegane Berliner in jedem Restaurant eine kalorienreiche vegane Mahlzeit kaufen kann und dabei aus pflanzlichen Erzeugnissen aus aller Welt auswählt, kann der afrikanische oder südostasiatische Staatsbürger nicht auf eine derartige Nahrungsvielfalt zurückgreifen. Die Befreiung der Tiere muss sich leider zunächst auf die wohlhabenden Länder beschränken, währen der Tierholocaust des Großteils der Welt unvermindert weitergeht. Währenddessen vertrauen die Tierrechtler darauf, dass die schlichte Logik der veganen Zeitenwende die Verhältnisse auf den Kopf stellen wird. Nach der Vorstellung der veganen Tierrechtler ist eine Landwirtschaft ohne Tiere und deren Dung umsetzbar und wird große Erträge erwirtschaften mit denen dann die gesamte überbevölkerte Welt zu ernähren ist. Freilich in Kalorien gerechnet, nicht in Nährstoffen. Und die Lösung der Ressourcenprobleme, welche bei manchen Kunstdüngern heute schon herrschen, werden auf die Zukunft verschoben. So kann der moderne Veganer die Probleme dieser Welt durch bloßen Verzicht lösen. Er muss nur bei sich selber beginnen und darf nicht aufhören.

Die Symbiose, die Mensch und Tier vor ca. 10.000 Jahren eingegangen sind, hat die menschliche Kultur wie wir sie heute kennen erst möglich gemacht. Wir bieten Tieren Schutz vor Fressfeinden, Nahrung, auch in Notzeiten. Wir machen die Arten, die wir zu unserer Nahrung erkoren haben, zu den erfolgreichsten im Tierreich neben uns. Es gäbe nie so viele Rinder, Schweine und Hühner würden wir sie nicht züchten und halten. Die Pervertierung im Umgang mit diesen langjährigen Weggefährten im Kampf ums Überleben in einer tendenziell feindlichen Umwelt, hat erst mit Beginn der Industrialisierung ihren Anfang genommen. Die Symbiose die wir eingegangen sind, ist zu einseitig geworden. Wir haben die Tiere zu Produkten gemacht, deren Produktivität weit wichtiger erscheint als das Leben. Wir haben sie in die Peripherie unseres Lebens verbannt, zu der wir höchstens noch bei einem Sonntagsspaziergang Zugang haben. Die Erkenntnis, das Leben auch gleichzeitig den Tod bedeutet ist uns abhanden gekommen. Wir können es nicht mehr ertragen, dass ein Ferkel getötet wird, um uns dann als Nahrung zu dienen, da die Nahrung so allgegenwärtig ist. Die Freude über eine Schlachtung ist uns verloren gegangen, da wir gelernt haben, dass wir auch ohne das Mitleid für das Tier, das Tier abgepackt in sterilen Plastikkonserven erhalten können. Wir essen nur noch die edelsten Teile des Tieres, weil wir es uns aussuchen können; die unedlen Teile sind für den Export bestimmt. So hat auch das einzelne Tier, was im Kreislauf des Lebens für uns gestorben ist, seinen Wert verloren. Doch wenn diese Erkenntnis zurückkehrt, das für unser Überleben anders Leben ausgelöscht wird, dürfen wir uns nicht gegen sie verschließen. Verschließen bedeutet, dem Wahn nachzuhängen zu glauben, es ginge ohne diese Symbiose aus Mensch und Tier. Das Mitleid und die Achtung vor dem Geschöpf kann existieren, ohne dass wir die Notwendigkeit verleugnen müssen Tiere zu essen. Nur so kann es uns gelingen, dem Entweder-Oder zu entrinnen, von dem Horkheimer und Adorno sprachen.

03:51 12.02.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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