Unter der Realität

Tierrechtler erklimmen immer neue Höhen der moralischen Entrüstung. Diesmal ist es die Wissenschaft.
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Hilal Sezgin, die prominente Vertreterin der der 0,1 – 1 Prozent Veganer im Lande, und moralisches Standbein der Bewegung, hat neue ethische Maßstäbe im Umgang mit unseren Tieren ins Gespräch gebracht.

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Diesmal geht es um Tiere, die „unter unserem Radar“ https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/unter-unserem-radar einfach vergessen werden. So mahnt sie an, dass viele sog. Tierfreunde sich zwar gerne mit ihrer Tierliebe schmücken, diese aber eigentlich nicht echt, oder zumindest ein wenig bigott erscheint.

So schreibt sie, dass „[d]ie Tiere, die wir Fische getauft haben“ einfach unter unserem Radar durchschwimmen. Wir machen uns nur Sorgen um die großäugigen und süßen Tiere, aber wenn wir Hunger bekommen, dann würden wir ja doch in den Supermarkt gehen und uns einen Matjessalat gönnen, anstatt, und das ist der Subtext, mit leckeren veganen Köstlichkeiten unsere Grundbedürfnisse stillen. Damit redet sie all den Menschen ins Gewissen, die sich vielleicht vegetarisch ernähren und hier und da mal einen Fisch zu sich nehmen.

Diesmal geht es um Tierexperimente, die ja im Prinzip unnötig sind und die böse Frankensteinforscher, einfach so für den Spaß Tiere aufs übelste zurichten, nur um ihren pathologischen Sadismus ausleben zu können.

Oder doch nicht? Hilal Sezgin findet es jedenfalls unsinnig, dass arme Fische für wissenschaftliche Grundlagenforschung geopfert werden, die sie nicht versteht und von der sie auch keine Ahnung hat. Die Mehrung des Wissens der Menschheit, der Fortschritt oder die Medizin, all das sind nur Egoismen von Menschen, die sich einfach nicht vorstellen können, dass auch Fische Schmerz empfinden, wenn der Angler sie aus ihrem sorgenfreien Leben im Unterwasser zeiht.

Nun kommen wir zur Realität. Nehmen wir doch einfach der empathischen Einfachheit an, dass alle Lebenwesen auf Erden irgendeine Art Schmerz empfinden. Essen muss man nun mal etwas. Man kann es ja nicht so genau wissen. Na gut, Forscher, die mit Fischen arbeiten jedenfalls sagen, dass Fische ein Empfinden haben, was mit Schmerz zumindest vergleichbar ist. Aber richtig, wir wissen es nicht, denn da „Fische keine Schmerzensschreie ausstoßen, ein anderes Element bewohnen und andere Gesichter haben als wir, nehmen wir zu unseren Gunsten an, dass in einem Fisch subjektiv nicht viel los ist.“ Wer garantiert uns, dass nicht auch der weizenhalm eine "Empfindung" für schmerz hat, die vielleicht anders ist als unsere aber was wir ja gar nicht beurteilen könnnen. http://www.stern.de/panorama/wissen/natur/pflanzenneurobiologe--pflanzen-koennen-sehen--hoeren--fuehlen--3224800.html Wie wollen wir sichergehen, dass es nicht so ist?

Menschen sind schon schlimm, wenn sie Hunger haben.

Dazu kommt, dass das Leben Unterwasser keinesfalls so sorgenfrei ist, wie sich Tierrechtler die Natur vorstellen. Es schwimmt immer ein noch größerer Fisch im Teich. Und Angler, im Gegensatz zu Tierrechtlern, wissen, dass Fische da keinesfalls zimperlich sind, wenn es um die Stillung ihrer Bedürfnisse geht. Und selbst der größte Fisch im Teich wird von der Nahrungskette ereilt und ein Kormoran, ein Seeadler oder eben der Angler macht ihm den Garaus.

Aber wo der Hecht sich den Bauch vollschlagen darf, muss der Intelligenz- Bewusstseins-, Empfindungs-, Symbolisierungs-, und Empathiebegabter Mensch muss sich aus dem Kreislauf des Lebens ausklinken. Man kann ja auch Vitamin B 12 Präparate zu sich nehmen.

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Denken wir an Säugetiere. Bspw. an Mäuse. Diese werden jeden Tag zu Millionen auf unseren Feldern dahingemeuchelt durch Pflügen, Eggen, Grubbern, Mähen und Ernten. An Glyphosat sterben die eher nicht. Dazu kommt, dass die Felder, die wir bewirtschaften ja auch einmal Lebensraum für unzählige Tiere waren. Tatsächlich ist die Kultivierung von Land der größte Auslöser für den Artenrückgang.

Folgt man dieser Logik und setzt so hohe Maßstäbe an, wie Sezgin, dann müsste man vor dem Essen eines Salates vor Scham erröten. Ist der Salt doch mit Blut von Tieren besudelt, die weit mehr Schmerzempfinden haben, als die schnöden Fische.

Aber irgendwas, das ist Sezgin vielleicht auch klar, muss auch der Veganer essen. Ob er jetzt will oder nicht. Aber moralische Schuld findet man natürlich nur bei Leuten, die WISSEN, dass sie ein Tier getötet haben um zu essen. Bei Radieschen sieht man das ja nicht auf den ersten Blick.

Da haben wir ein moralisches Dilemma. Die lebensfeindlichen Tierrechtler wollen gerne den empathielosen Fleischfressern vorwerfen, dass sie unmoralisch handeln. Sogar Wissenschaftlern, die völlig blöd sind und unnötig arme Fische quälen. Selber töten sie aber Abermillionen davon.

Aber das ist halt Utilitarismus: man versucht das Leiden auf Erden so weit wie möglich zu reduzieren. Abschaffen, kann man es nicht. Dass nun Veganer für ihre nährstoffarme Ernährung, die ohne etliche Nahrungsergänzungsmittel undenkbar ist, viel mehr Fläche benötigen ist auch klar. Klugen Ex-Veganern, wie Lierre Keith https://www.youtube.com/watch?v=rNON5iNf07o ist es klar, dass das nicht funktioniert. Und wenn die Fleischfraktion ihre Lebensweise ökologisieren würde, würden sie alle Veganer im ökologischen Fußabdruckvergleich pulverisieren.

Aber das Leben ist ja kein Wettkampf um die höchste Moral. Es geht auch ein wenig um die Realität. Und die besagt, dass omnivore Tiere Fleisch benötigen. Und Forscher forschen müssen um das Wissen zu mehren. Und Bauern müssen Felder pflügen und pflügen dabei am laufenden Meter Mäuse tot.

Aber die Realität ist eine Sphäre, auf die sich Tierrechtler nicht herablassen.

00:50 14.04.2016
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