Was ist eigentlich Keynesianismus?

Politische Ökonomie Die Einsichten des Keynesianismus scheinen in Vergessenheit geraten zu sein. Doch sie bieten eine bestechende Alternative zum Neoliberalismus
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Was ist eigentlich Keynesianismus?

Foto: r2hox/Wikimedia (CC 2.0)

Vorsicht! Wenn Sie diesen Artikel lesen, werden Sie danach vermutlich Keynesianer sein. Das liegt schlicht daran, dass den Einsichten Keynes‘ und denen seiner Anhänger eine recht einfache aber bestechende Logik innewohnt. Leider müssen Sie dafür erst einmal alles vergessen, was man so gemeinhin über Keynes zu wissen glaubt. Eines der größten Irrtümer über Keynes ist, dass er vorgeschlagen hat, dass der Staat Schulden zu machen hat, um die Wirtschaft anzukurbeln, und diese dann zurückzahlt, wenn die Wirtschaft brummt. Das ist die Zusammenfassung, die man in vielen YouTube-Videos und kurzen Einträgen auf irgendwelchen Webseiten findet. Aber dies ist nicht mal annähernd am Kern der „keynesianischen Revolution“, welche die Ökonomik für immer veränderte und das „Wirtschaftswunder“ in der Nachkriegszeit erst ermöglichte.

Auch wenn der Keynesianismus während der neoklassischen, oder neoliberalen, Wende für tot erklärt wurde, so zeigt sich immer mehr, dass man an Keynes nicht vorbeikommt. Das liegt vor allem daran, dass die häufig sehr fantasievollen Theorien der neoklassischen Schule wirklich hervorragende Schönwettertheorien darstellen, aber leider Krisen kaum erklären können. Weil Krisen in der Theorie nicht wirklich vorgesehen sind. Und so machen die Regierungen weltweit, sobald es ernst wird, genau das richtige: Keyneianische Rezepte werden entstaubt, um kurz mal die Weltwirtschaft zu retten (zuletzt im Jahr 2009). Dies leider, ohne verstehen zu wollen, warum diese Rezepte überhaupt funktionieren. Zumindest zeigte der ehemalige Finanzminister Schäuble zwar ein großes Engagement darin nach dem massiven Absturz der Konjunktur in Deutschland ein keynesianisches, schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm aufzulegen (bspw. die Abwrackprämie), aber weniger Interesse daran zu verstehen, warum das überhaupt funktioniert. Nein, warum es funktionieren musste. Denn andere Staaten, namentlich südeuropäische, versuchte er durch neoklassische Interventionen (Austerität) aus der Krise zu holen. Mit Nachwirkungen, die auch zehn Jahre nach der großen Krise immer noch erhebliche negative Auswirkungen auf diese Länder ausüben. Vor allem hohe Arbeitslosigkeit, schwächelnde Konjunktur und teilweise sogar massive Einbrüche der Konjunktur, die bis heute nachwirken.

Wie funktioniert es?

Was ist denn nun eigentlich Keynesianismus? Keynes entwickelte eine vollkommen neue Sicht auf die Makroökonomie, also der Teil der Volkswirtschaftslehre, der sich mit den Veränderungen in einer gesamten Wirtschaft befasst und eröffnete sogar den Blick, was zwischen einzelnen Wirtschaften, im internationalen Handel, geschieht. Dafür versuchte er die Funktion von Geld zu verstehen und wie es sich in einer Volkswirtschaft verteilt. Geld ist bei Keynes nicht nur einfach da und wird zum Tauschen verwendet. Nicht einer hat es und ein anderer nicht. Man nimmt es nicht einfach und gibt es aus und hat dann weniger. Keynes verstand das Geld in einem wirtschaftlichen Kreislauf. Wenn ein Wirtschaftssubjekt Geld einnimmt, dann nur deswegen, weil ein anderes welches ausgibt und umgekehrt. Eine eigentlich banale Einsicht. Im Grunde ist dieser Zusammenhang jedem klar. Beinahe jede Person besitzt ein Konto, auf dem genau dies tagtäglich geschieht. Keynes aber wandte diesen Zusammenhang auf die gesamte Wirtschaft an. Tut man dies aber konsequent, dann wird man mit einem Haufen Probleme konfrontiert, die zu nichts anderem führen, als zum Kernproblem des Kapitalismus. Denn wenn man nun annimmt, dass Geld nicht einfach so verschwinden kann, dann muss man sich natürlich fragen, warum die Unternehmen die privaten Haushalte nicht einfach mit der Zeit ausbluten und Geld anhäufen, bis die Haushalte schlicht kein Geld mehr haben, um etwas von den Unternehmen zu kaufen und das System zusammenbricht? Denn, die privaten Haushalte müssen ja Geld einnehmen, um sich wieder das nächste Handy kaufen zu können. Das Geld dafür wiederum müssen sie irgendwoher bekommen, sonst können sie es nicht kaufen und die Unternehmen verdienen kein Geld. Die normalen Haushalte bekommen dieses Geld durch ihr Arbeitseinkommen, oder durch davon abgeleitetes Einkommen (umlagefinanzierte Rente, umlagefinanzierte Sozialhilfe usf., die ja letztendlich durch Arbeitseinkommen bezahlt werden). Zu den privaten Haushalten gehören aber auch ebenjene wohlhabenden, die ihr Einkommen aus dem Besitz von Unternehmen (Anteile, Aktien usf.) beziehen. Unternehmen arbeiten ja nicht zum Selbstkostenpreis, sondern zahlen einen Teil ihrer Gewinne an ihre Besitzer aus. Der Kerngedanke von Keynes war es also, dass der Konsum von Gütern (Nachfrage) genauso wichtig ist wie das Angebot von Gütern. Güter suchen sich nicht, wie es in der Neoklassik so verstanden wird, ihre Nachfrage, sondern es wird Geld benötigt, um diese angebotenen Güter überhaupt kaufen zu können. Wer sich nun fragt, warum diese Banalitäten so revolutionär sein sollen, hat den Kernpunkt verstanden. Es gibt kein Angebot ohne Nachfrage und keine Nachfrage ohne Angebot. Aber revolutionär sind sie deswegen, weil in der klassischen und neoklassischen Theorie solche Zusammenhänge schlicht fehlen. Wenn Sie das nächste Mal die politische Forderung lesen, dass die Löhne oder Lohnnebenkosten zu hoch sind und darum die Unternehmen nicht investieren können, denken Sie an diesen Zusammenhang. Wer etwas kaufen will, benötigt dazu Geld und dieses Geld muss erarbeitet werden. Nur so entstehen überhaupt Umsätze bei Unternehmen.

Geld kann nicht gespart werden

Aber Keynes und seine Nachfolger haben natürlich auch etwas über Schulden geschrieben, die eine wichtige Bedeutung in der Volkswirtschaft einnehmen und es tatsächlich sinnvoll machen können, in bestimmten wirtschaftlichen Zusammenhängen Staatsschulden zu machen und diese Schulden dann in Nachfrage zu verwandeln. Es gibt in der Wirtschaft also zwei große Sektoren: Unternehmen und private Haushalte. Wenn die privaten Haushalte nun ihr Geld nicht für Konsum ausgeben, sondern sparen, entsteht ein Problem im Geldkreislauf. Die privaten Haushalte bekommen Geld, geben es aber nicht vollständig wieder aus, sondern sparen es. Dadurch entsteht weniger Nachfrage und die Unternehmen müssten eigentlich ihr Angebot verringern und weniger Herstellen. Noch weiter gedacht führt dies zu einem weit größeren Problem: Dem Geldkreislauf wird systematisch Geld entzogen. Wenn die Haushalte im Monat von 100 Euro Einkommen 10 % sparen, stehen dem Geldkreislauf im nächsten Monat nur noch 90 Euro zu Verfügung. Im übernächsten Monat nur noch 81 Euro usw. Die Folge wäre, dass die Wirtschaft innerhalb von wenigen Monaten vollkommen zum Erliegen kommt. Der klassische Weg aus diesem Dilemma ist, dass die Unternehmen Schulden aufnehmen und auf diese Weise die gleiche Menge Geld wieder zur Verfügung steht. Dieses Geld investieren sie dann in ihre Produktion, bspw. in bessere und leistungsfähigere Maschinen, mit denen sie mehr und somit günstiger produzieren können. Einige Findige werden sich hier zurecht an Karl Marx Zirkulationskreislauf des Kapitals erinnert fühlen. Das Geld fließt durch Investitionen also wieder zurück in den Kreislauf. In einer Wirtschaftskrise kommt es allerdings zu einem Bruch dieses Kreislaufes. Eine konjunkturelle Krise bedeutet immer, dass einer der Sektoren weniger einnimmt. In beiden Sektoren, die voneinander zu 100 % abhängig sind, hat das zur Folge, dass die Nachfrage einbricht und weniger produziert wird. Es werden Arbeiter entlassen, um Kosten zu sparen. Dies führt allerdings zu einem großen Problem im Geldfluss. Die privaten Haushalte werden weniger einnehmen und auch vermehrt auf Konsum verzichten. Aber auch die Unternehmen werden weniger Investieren, da sich durch den Nachfragewegfall Investitionen nicht lohnen. Sie haben ja schon Schwierigkeiten das bislang produzierte an den Kunden zu bringen. Das gesparte Geld verbleibt somit auf der Bank und die Unternehmen benötigen es nicht für Investitionen. Nun muss der Staat die Lücke schließen, indem er (künstlich) Nachfrage schafft und vor allem Schulden aufnimmt. Steuern zu investieren ist nicht möglich, denn die müssen ja erst einem der anderen Sektoren entzogen werden. Darum, und nur darum, ist es sinnvoll, dass der Staat Schulden in der Krise aufnimmt. Er bringt Geld zurück in den Kreislauf, das sonst fehlen würde. Dass diese Theorie noch weit umfangreicher ist und der Staat weit mehr Einfluss ausüben kann, kann hier aufgrund der Kürze nicht dargestellt werden. Das bedeutet aber auch, dass man nicht so einfach sparen kann. Der eigentlich natürliche Gedanke, dass man sein Gold in einem Sack im Garten vergräbt und irgendwann wieder ausgräbt, ist bei unserem modernen Geldsystem unmöglich. Sparen ist überhaupt nur denkbar, wenn es die gleiche Menge an Schulden gibt. Alles andere führt unweigerlich und unaufhaltsam zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft. Diese simple Erkenntnis hat natürlich ungeheuerliche Auswirkungen auf das Verständnis von Volkswirtschaft.

Die keynesianische Welt

Wer nun glaubt, dass diese Zusammenhänge eine reine Theorie seien, die man sich schön ausmalen kann, aber es in der Wirklichkeit doch irgendwie anders aussieht, der kann sich für beinahe jede Volkswirtschaft der Welt die entsprechenden Statistiken ansehen und wird genau diesen Mechanismus auf den Cent genau wiederfinden. Das liegt natürlich einerseits daran, dass das moderne Bruttoinlandsprodukt aus dem Umfeld Keynes‘ stammt und alle damit verbundenen Berechnungen wie der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auf keynesianischen Vorstellungen beruht. Andererseits aber auch, weil es schlicht nicht anders sein kann. Nicht ohne Grund haben sich diese Statistiken zur Darstellung der Gesamtwirtschaft aller neoliberalen Angriffe zum Trotz halten können.

Keynes heute

Wer den Kapitalismus heutiger Ausprägung kritisieren will, der kommt um Keynes nicht herum. Zu klar sind seine Einsichten und zu richtig sind seine Analysen. Diese Einsichten gelten für jede Volkswirtschaft. Auch für eine kommunistische Planwirtschaft. Dies ist auch der Grund, warum der liberale Keynes Marx aus dem Kanon linker Theorien verdrängen konnte und warum die linke politische Ökonomie des New Deals oder der Brandt/Schmidt-Ära ohne ihn nicht denkbar war. Es ist aber auch der Grund, warum der Keynesianismus im Denken der heutigen Neoliberalen keinen Platz hat. Wer annimmt, dass Keynes recht hat, der kommt nicht umhin, den Kapitalismus grundsätzlich infrage zu stellen. Wer einsieht, dass es keine exorbitanten Gewinne von Unternehmen gibt, ohne dass Arbeiter diese Gewinne ermöglichen oder der versteht, dass man Geld nicht horten kann wie Dosenfisch, der wird den Vorstellungen der Neoliberalen schwerlich folgen können.

Der gezähmte Keynes

Da man um Keynes nicht herumkommt und es ja dennoch Maßnahmen geben muss, die in einer Wirtschaftskrise zur Verfügung stehen, wurden – recht beliebig – einzelne Elemente von Keynes in die Neoklassik übernommen. So das Modellelement, nachdem die Investitionen immer gleich den Schulden bzw. dem Gesparten sein müssen (I=S). Wie wir aber gesehen haben, ist dies kein zwangsläufiger Zusammenhang, der gleich einem Naturgesetz auf die Wirtschaft anwendbar ist. Somit findet auch keine zwangsläufige Preisfindung für Kapital auf dem Finanzmarkt statt (L=M), sodass alles Gesparte quasi automatisch in Investitionen umgesetzt wird. Es war nur der Versuch, die neoklassische Theorie mit der keynesianischen in einem Modell eines klassischen Marktes zu vereinen. Bastardkeynsianismus nannte das Joan Robinson, eine linke Nachfolgerin Keynes aus Cambridge, einmal sehr treffend. Es hat aber nichts mit der Theorie von Keynes zu tun, die weitaus umfassender und weitaus grundsätzlicher ist als bloß die Annahme, dass Investitionen immer gleich dem Sparen sind.

So einfach ist es doch nicht

Natürlich sind die Verhältnisse wesentlich komplexer als hier dargestellt. Neben den drei Sektoren (Haushalte, Unternehmen und Staat) existiert in einer nicht abgeschlossenen Wirtschaft auch das Ausland als eigener Sektor. Auch gibt es noch weitere Kenngrößen, die eine wichtige Rolle spielen, außer Lohn, Einnahmen und Ausgaben. Bspw. die Inflation oder der Zins. Neben dem Staat gibt es auch noch eine Notenbank, wie die EZB, welche Einfluss auf die Geldströme nehmen kann. Aber tatsächlich ändert das nichts an den grundlegenden Erkenntnissen.

Daraus entwickelten sich zahlreiche Theorien, die bis in die späten 70er Jahre großen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik nahmen. So vor allem die Saldenmechanik des deutschen Volkswirten Wolfgang Stützel, welche keynesianisches Denken sehr einfach zusammenfasst und auch langfristige Wachstums- und Analysemodelle zulässt. Die Saldenmechanik basiert auf der buchhalterischen Darstellung der Sektoren in Bilanzen, die sich gegenseitig ausgleichen müssen, eben, weil Geld nicht einfach so verschwinden kann. Die wenigen verbliebenen „echten“ Keynesianer haben die Theorien weiterentwickelt und eine Fülle von neuen Ansätzen geschaffen, die als Gegenmodell zum Neoliberalismus taugen. Eine weitere, derzeit bekannte Darstellung ist die Modern Monetary Theorie, welche die Entstehung von Geld auf bilanzielle Weise darstellt und verstehbar macht. Somit steht der linken Wirtschaftspolitik eine Fülle von bestechend guten Theorien zur Verfügung, welche die von der Neoklassik postulierten Marktmechanismen und Gleichgewichtsmodelle spielerisch zu Fall bringen könnten. Es bringt nichts, sich in fantastischen Ideologien zu verrennen oder Vorschläge zu unterbreiten, die aufgrund der eben dargestellten Prinzipien schlicht nicht funktionieren können. Viel wichtiger wäre es, ein funktionierendes Gegenmodell bereit zu haben, denn der derzeitige Kapitalismus wird die nächste große Krise mit Sicherheit hervorbringen. Auch das kann man durch den Keynesianismus verstehen.

23:08 04.04.2019
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