MikeKater

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RE: Lieber Harald Welzer! | 31.05.2013 | 00:32

Ich freue mich, dass sich hier eine so angeregte und auch kritische Diskussion über dieses Buch von Herrn Welzer entwickelt hat. Ich glaube, dass genau dies von ihm beabsichtigt war. Denn letzendlich geht es ihm doch darum, die Menschen zum kritischen Denken anzuregen - und zwar auch hinsichtlich seiner Thesen und Lösungsvorschläge. Jeder mag sich selbst für irgendetwas entscheiden, entweder das vorgegebene Spiel brav mitzuspielen und z.B. zur Wahlurne zu schreiten und das Gefühl zu haben, man habe sich nun demokratisch beteiligt und damit etwas zu unserer Zukunft beigetragen oder eben halt querzudenken und gegen den Strom zu schwimmen. Solange die Entscheidung eines jeden Menschen durchdacht ist, und zwar auch kritisch, emotional und mit ein wenig Phantasie, wie es auch anders sein könnte, ist das doch ok. Kritik in diesem Sinne ist übrigens nicht, gegen alles zu sein, was Mainstream ist, sondern Sachverhalte, Entscheidungen, mit seinem gesunden Menschenverstand zu beurteilen und zu versuchen, die Sachverhalte einmal "von oben", also möglichst neutral, zu sehen. Man stelle sich vor, das Gedächtnis sei gelöscht und man betrachte die Erde, was mit ihr passiert und welche Rolle der Mensch dabei spielt, welchen Weg er verfolgt, aus der Sicht eines außerirdischen Besuchers, für den alles ganz fremd und neu ist. Vielleicht so: nachdem er sein Raumschiff (oder was auch immer) hoffentlich erfolgreich durch den erdumkreisenden Weltraummüll manövriert hat, stellt er fest, dass das Gesamtlebewesen Erde von einem Virus befallen ist, der sich für intelligent hält, gerade sehr erfolgreich seinen Wirt abtötet und sich damit selbst ausrottet. Naja, denkt er, Endstadium. Wir kommen in 200 Erdjahren wieder. Entweder der aus seiner Sicht dumme Virus ist wider erwarten doch intelligent genug, sich selbst einzuschränken und zu überleben, oder die Erde hat sich bis dahin von dem kurzen Schnupfen erholt. Oder etwas detaillierter: die Menschen haben die Erde mit Wegen überzogen, auf dem kaum ein anderes Lebewesen existiert. Darauf bewegen sich Gefährte, die stinken und giftige Gase ausscheiden. In den Fahrzeugen befinden sich meistens nur ein, manchmal auch mehrere Menschen, die sich sehr schnell bewegen wollen. Diese Wege sind ausschließlich für diese Fahrzeuge gemacht. Menschen die sich auf natürlichen Wege bewegen, müssen auf schmale Wege an deren Seiten ausweichen und die giftigen Dämpfe der Fahrzeuge einatmen, auch die Kinder. Viele Menschen erkranken daran oder sterben sogar deswegen. Sie dürfen die Wege nur für kurze Zeit überschreiten, oder ganz schnell, und wenn sie nicht schnell genug dabei sind und nicht aufpassen, schreien die Fahrzeuge ganz laut und die Menschen werden gehetzt und müssen sich beeilen, dass sie nicht von ihnen berührt und dabei verletzt werden oder sogar sterben. Das passiert leider sehr oft. Die Menschen in den Fahrzeugen, die, wenn sie sie verlassen, sich auch ganz normal fortbewegen, müssen sehr mächtig sein oder böse auf die anderen. Ich verstehe das nicht. Manchmal kann es ganz hilfreich für die eigene Sichtweise sein, sich in die von gedachten Außerirdischen, geistig Behinderten oder Kindern zu versetzen, die viel natürlicher und objektiver ist, als die von uns erlernte.

Ein weiterer Denkansatz: wir alle kommen auf die gleiche Weise nackt auf die Welt. Wir wissen noch nichts, haben zwar unterschiedliche Charaktere, Neigungen und Talente, sind aber in unseren Bedürfnissen gleich. Das gilt für das Kind eines Aktionärs in den USA, der noch nie in seinem Leben gearbeitet hat wie für das eines Kindes in den Slums von Rio oder einem armen Dorf in Afrika oder Indien. Haben wir nicht alle das Recht auf mindestens die Grundbedürfnisse des Lebens, Nahrung, Wasser, ein Stück Land für ein Haus und den Anbau des Lebensnotwendigen? Auf Glücklichsein und ein erfülltes Leben? Mit welchem Recht verfügen 10 % der Weltbevölkerung über 90 % des Landes und deren Ressourcen? Man betrachte auch das mal aus der Sicht eines Außerirdischen oder eines Kindes. Nein, ich bin kein Kommunist, wenn ich so denke, jeder hat die Möglichkeit, sein Leben zu gestalten aber nicht das Recht, anderen die Existenzgrundlage zu nehmen, um sich selbst zu bereichern. Jedes Tier, jede Pflanze hat diese Chance, natürlich abhängig von den Umweltbedingungen. Wir Menschen können uns in einem großen Rahmen von für uns feindlichen Umweltbedingungen frei machen, wir sind die einzige Lebensform auf diesem Planeten, die sich das Leben gegenseitig schwer macht. Das ist aber nicht naturgegeben, das muss nicht so sein!

Für mich waren die meisten Fakten und Thesen des Buches nicht neu, denn ich beschäftige mich selbst seit über 25 Jahren mit diesen Themen und komme - nach einigen Irrungen und Wirrungen in meinen Denkprozessen - zu dem gleichen Schluss wie Herr Welzer, jedenfalls im Augenblick (wer weiß, vielleicht habe ich nächstes Jahr schon ganz andere Denkansätze). Schon jetzt könnte ich einiges hinzufügen, z.B. dass das voraussichtlich tödliche Wachstum des Menschen auf der Insel Erde seine Ursache nicht nur in der expansiven Wirtschaft, sondern auch der Bevölkerungsexplosion hat. Wir beschäftigen uns mit dem demographischen Wandel in Deutschland und Europa und deren vermeintlichen Problemen, aber übersehen dabei, dass das eigentliche, globale Problem immer noch die Bevölkerungsexplosion ist. Hier reicht der gesunde Menschenverstand: mehr Menschen = mehr Ressourcenverbrauch = immer weniger für immer mehr Menschen, selbst wenn die Ressourcen unendlich wären, was sie logischerweise nicht sind und wir die verbliebenen nicht auch noch zusätzlich vergiften würden.

Herr Welzer bezweckt mit seinem Buch lediglich Denkanstöße zu geben, nicht die Welt retten zu wollen, so habe ich es jedenfalls verstanden. Und da wir uns hoffentlich alle einig sind, dass die Regierungen der Welt (und die wirklichen Machthaber erst recht) nicht unbedingt daran interessiert sind und dazu beitragen, das Ruder in eine positivere Richtung zu drehen, bleibt es jeden Einzelnen überlassen, etwas zu tun - und sei es nur darum, seinen Kindern und Enkelkindern irgendwann offen in die Augen blicken und sagen zu können: ich habe zumindest mein Möglichstes getan, um zu verhindern, dass ihr in einer Welt leben müsst, in dem die Überlebensbedingungen schlecht sind. Denn wir können nicht wie unsere Eltern oder Großeltern, die die Nazizeit überlebt haben, sagen, dass wir von nichts wussten, da uns die Informationsquellen nicht zur Verfügung standen. Irgendwann müssen wir alle für uns diese Rechenschaft ablegen, gegenüber uns selbst und den folgenden Generationen.

Auch ich gehöre nicht zu den allgemein belächelten Amish-Peoples, die aber von sich sagen können, dass sie nur von wirklich natürlichen Ressoucen leben und am wenigsten zu unseren Problemen beigetragen haben, obwohl sie in einem hochkultivierten und sehr verschwenderischen Land leben. Aber zumindest bin ich nie Auto gefahren und habe daher weniger Ressourcen verbraucht und etwas weniger zur Vergiftung und zum Klimawandel beigetragen. Ich fahre täglich 3o km mit dem Rad zur Arbeit, bei schlechten Wetterbedingungen fahre ich mit Bahn und Rad. Meine Kollegen und viele meiner Bekannten haben mich deswegen belächelt, ein Auto zu haben und damit zu fahren - und seien es auch nur ein paar lächerliche Km - gehört zum allgemeinen Sozialverhalten. Warum eigentlich? Ich habe deswegen keinerlei Einschränkungen. Im Gegenteil: ich bin weniger verfettet, seltener krank, habe auch noch Spaß an der Natur und der frischen Luft und fühle mich gut. Wenn die anderen abends ins Sportstudio gehen, um ihre angesessenen Fettpolster zu reduzieren, habe ich meinen Sport schon hinter mir, an der frischen Luft. Für mich ist das ein erster Schritt, weitere werden folgen. Und für mich bedeutet Verzicht auf Konsum nicht Verzicht auf Leben, solange meine Grundbedürfnisse befriedigt sind und ich glücklich bin.

Letztendlich bleibt es jeden selbst überlassen, für welchen Lebensstil er sich entscheidet, solange er selbstständig nachgedacht hat, denn dies ist die Voraussetzung für eine wirkliche Entscheidungsfindung.