Der europäische Moralismus

Terroranschlag in Paris Wir sind nicht die Opfer von Boko Haram, doch Satiriker aus Paris. Wie der europäische Moralismus ein Schwarz-Weiß-Bild zeichnet.
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Paris brennt. In der Nacht vom 13. auf den 14. November 2015 wurde in Paris an mehreren Orten ein Terroranschlag verübt, deren Attentäter sich nach französischen Polizeiangaben auf den IS beziehen und für eine syrische Rache standen („C'est pour la Syrie!“ wurde als Ausruf wahrgenommen.) In dem Konzertsaal „Bataclan“, in dem die Rockband „Eagles Of Death Metal“ ein Konzert veranstaltete, wurden über mehrere Stunden Geiseln gehalten, die auch über den Internetdienst Twitter um ihr Leben flehten, und teilweise exekutiert. Die Anzahl der Toten liegt aktuell (08:33 Uhr) bei etwa 120 (nach dem Chefredakteur der Onlinezeitschrift Rue89, Pascal Riché), mehr als 200 seien verletzt bis schwerverletzt. Die Empörung über den Anschlag und die Solidarität mit der französischen Bevölkerung fand schon relativ früh in der Internet-Community einen Bruch, in der die eine Seite jegliche Neuigkeit unkritisch weiterverbreitet (was sich in bis dato unbestätigten Terroranschlägen in Schweden und Australien sublimierte), und die andere den Sachverhalt distanziert betrachtet, gleichzeitig auch die „Breakingnews-Wut“ scharf kritisiert. Bereits mehrere Solidaritätsbekundungen und -symbole sind erschienen, die eine Einigkeit der euphemistischen Weltbevölkerung darzustellen hat, um dem internationalen Terror (rein symbolträchtig) die Legitimation zu entziehen, derweil die französische Republik im Notstand versinkt. Bereits beim Anschlag zu Charlie Hebdo, im Januar diesen Jahres, wurden die symbolischen Worte und Bilder („Je suis Charlie!“) einer Kritik unterzogen, die bisweilen eine krankhafte Symbiose zwischen dem „antimuslimischen Charakter“ und der Presse- und Meinungsfreiheit herzustellen versucht. Die aktuelle Situation ist kein Anschlag auf eine auf einer Demokratie fußenden Freiheit, sondern ein Anschlag gegen ein Kollektiv. Die Opfer stehen nicht exemplarisch, sondern stellvertretend. Die Wut und Empörung mag verständlich sein, da auch der Schlag in einer westlichen Nation eine andere Sogwirkung hat, als ein (An)Schlag in einem arabischen Staat. Der europäische Moralismus, der den europäischen Menschen betrauert, der durch den Terror umkam, doch den Arabischen ignoriert, der täglich, ebenfalls durch Terror, umkommt, stellt nicht nur seine Existenz infrage, sondern führt eine radikale Selektion durch.

Die Distanz ist kein unwichtiger Faktor, und doch wird er so häufig und so oft geleugnet, gleichzeitig wird der Terror als etwas alltägliches wahrgenommen, das zwar existent ist, doch emotional ungreifbar, da nicht im eigenen Zentrum. Die Wut und Trauer, als der IS kurdische Städte angriff und Massenmorde an Muslima und Muslime verübte, sind nicht vergleichbar mit der Wut und Trauer, die nun geäußert wird, wenn ein europäischer Staat angegriffen wird. Die pausenlose Berichterstattung der Journalist*innen und der Zeitungen findet ihre Perversion in abstrakte und stetig ersetzbare Solidaritätsbekundungen, die nicht dem Terror die „rote Karte“ zeigen, sondern aussagen, dass die euphemistische Sicherheit im reichen Europa sich einer harten Realität zu stellen hat. „Je suis Charlie“ hieß nicht, eins zu werden mit den Opfern, um dem islamistischen Terror die Grundlage zu entziehen, sondern es hieß, die Grenze zu ziehen, ab wann Terrorismus als solcher wahrgenommen wird, als konkrete Gefahr, und wann nicht, also eine abstrakte Gefahr, die zwar stets präsent, doch nicht greifbar. Die Vulnerabilität der europäischen Bevölkerung wird dann deutlich, wenn sie sich in Solidaritätsbekundungen überhäuft, um zu sagen: das war ein Schlag gegen die Menschlichkeit. Eine Solidarität mit den Opfern arabischer Staaten, in denen der islamistische Terror am brutalsten wütet, erfolgt deshalb nicht, weil die Abstraktion gegenwärtig ist und die Medienlandschaft sowie deren Leserschaft ein Sättigungsgefühl an den Tag legen, womit weitere Tote in Nigeria, Ägypten und Irak nur noch zwei Zeilen wert sind, weil: kennt man schon. Die Folgen der Kolonialisierung finden heute noch ihren Ausdruck in der Selektion der Menschheit. Die Überhöhung der europäischen Kultur und Moral wird dann konkret, wenn die islamische resp. muslimisch-arabische Welt negativ konnotiert charakterisiert wird, da durch Verkehrung der Realitäten das Nichtvorhandensein einer Demokratie und eines Rechtsstaates dieses als naturgegebenes Faktum definiert wird. Unwissend (oder bewusst nicht wissen wollend?) lässt sich die (hauptsächliche) Ursache des aktuellen Terrors gerade in den vergangenen Interventionen westlicher Staaten im arabischen Raum erklären. Denn wer Amoral sät, wird Amoral ernten. Die Zerschlagung demokratischer Strukturen und die Zerstörung der Staaten als Konstrukt sind barbarischer Nährboden radikaler Ideen und terroristischer Zirkel. Dieser Terror wird erst dann unisono wahrgenommen, wenn er vor der eigenen Haustüre die Menschen hinrichtet. Dann ist es ein Schlag gegen die Menschlichkeit. Sonst ist es nur ein Kopfschütteln, mit der Selbstversicherung: Zum Glück stehe ich auf Seiten der Guten.

Wer sich nun „Nous sommes unis“ (Wir sind eins) als Reaktion auf den Terror in Frankreich auf die Stirn schreibt, der bekennt sich zu einer abstrahierten Form der Moral, die auf dem Nährboden des europäischen Verständnisses der Menschlichkeit fußt. Wir sind nicht die Frauen, die von Boko Haram vergewaltigt wurden, aber wir sind Satiriker aus Paris. Wir sind nicht die Millionen, gesichtslosen Menschen, die vom IS (primär oder sekundär) hingerichtet werden, aber wir sind die etwa 100 gesichtslosen Geiseln von Bataclan. Der Sensationsjournalismus, der euphorisch sich im Namen der Opfer wähnt, um den islamistischen Terror zu begegnen, der im arabischen Raum wütet, ist nichts weiter als eine moralische Kapitulation, die der westliche Journalismus als Alleinstellungsmerkmal versteht. Und während SPIEGEL ONLINE und The Guardian virtuell um die sensationellste Schlagzeile kämpfen, und auch die Autorin dieses Beitrags sich im Rausch dessen befand und jegliche Solidaritätsbekundung teilte und unterstützte, ertrinken Flüchtlinge im Mittelmeer, werden Grenzen geschlossen und eine europaweite Paranoia an den Tag gelegt, die den Unterschied zwischen Terrorismus und Islam immer mehr zu einem Scheinkontrast verkommen lassen.

08:41 14.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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