Die Sprache der Linken

DIE LINKE Sahra Wagenknechts Worte lösen nicht nur einen parteiinternen Streit aus, sondern offenbart auch das krankhafte Verhalten zur Frage. Eine Polemik.
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„Wer sein Gastrecht missbraucht, der hat sein Gastrecht eben verwirkt.“ Als die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, diesen Satz sagte, war ihr dann klar, was für eine Welle sie auslösen würde? Dass ihr Dietmar Bartsch, der Co-Vorsitzende, den Rücken stärkte, geschenkt. Dass jedoch nun der Applaus von rechts besonders laut wird, allen voran in Form von Alexander Gauland, nachwievor Mitglied der AfD, die seit dem Putsch gegen den neoliberalen Flügel um Bernd Lucke einen stramm rechtspopulistischen Kurs fährt, will nur auf dem ersten Blick verwundern. Sie zeigt vielmehr die Deutungshoheit der Sprache auf, oder sagen wir: deren Interpretation und gesellschaftlichen Diskurs, wie das aktuelle Unwort es so schön präsentiert. Einigkeit indes herrscht ironischerweise gerade in jener Partei, die dafür berüchtigt ist, sich gegenseitig antisemitische oder andere kryptorassistische Vorwürfe zu machen, meist unter dem Deckmantel des Widerspruchs von Anspruch und Wirklichkeit, mit Hinblick auf mögliche realpolitische Verantwortung. So distanziert sich nicht nur der reformorientierte Flügel von den Äußerungen ihrer Fraktionsvorsitzende, auch der linke Flügel, namentlich die Antikapitalistische Linke, rügt ihre Gesinnungsgenossin Wagenknecht, in dem sie im öffentlichen Papier ausdrücklich das Menschenrecht auf Asyl beschreibt, und somit den Diskurs der Sprache geflissentlich ignoriert. Die politische Linke tut es sich sehr schwer, moralisch überhöhte Begriffe für sich zu vereinnahmen, um daraus eine Losung abzuleiten, die einen demokratischen, will sagen, linken Weg zu offenbaren hat. Doch so hat sie es all die Jahre versäumt, die kritischen, gar auch, teilironischen Begriffe der politischen Rechte zu überlassen, und jene hat es zugelassen, dass nun Populist*innen und Radikale damit hantieren, um genau jene Basis zu zementieren, an die die politische Linke extrem krankt – der bezug zur eigenen Nation. Dass gerade die deutsche Linke ein Problem mit der nationalen Identifikation hat, ist so merkwürdig nicht. Zwar ist es folgerichtig, den internationalen Komplex ubiquitär zu fassen und die Gesamtheit zu kritisieren, um eine Alternative vorzuschlagen, doch die Gesamtheit ist auch im 21. Jahrhundert noch an jene Konstrukte geknüpft, die die Linke gerne überwunden haben möchte; doch die Überwindung wird nicht funktionieren, wenn sie die Identifikation, wenn auch nur rein opportunistisch, nicht zulässt. Die Partei Gregor Gysis, oder sagen wir, die postgysi'sche Partei der Linken, hat nicht nur das Erbe des Pluralismus zu tragen, sondern auch, als Funktion einer parlamentarischen Partei, den Dialog zur Bevölkerung zu intensivieren. Dass heißt nun nicht, dem Mob auf Pegida nachzulaufen, aber deren Sprache zu verinnerlichen und zu verstehen, wie wir damit umzugehen haben. So waren auch die „Wir sind das Volk!“-Chöre vor dem Fall der DDR nicht grundsätzlich mit einem Beitritt zum Geltungsbereich des Deutschen Grundgesetz verknüpft, nein, es gab auch Stimmen, die eine andere, eine bessere DDR haben wollten, die alte zu überwinden, und das ist sehr wohl eine linke Forderung gewesen. Dass diese Chöre nun von rechter Seite adoptiert wurden, jedoch nicht unter der Prämisse, einen Status quo zu überwinden, sondern vielmehr in der Reaktion zu verweilen, sprich, den Progressivismus bekämpfen, übersetzt: als hätten Breschnewist*innen versucht, den Stalinismus zu retten, und das Volk rennt mit.

Sprache kann verletzen, Sprache kann verunsichern, aber Sprache ist flexibel und nicht in Stein gemeißelt. Die Macht der Sprache hat auch schon der Poststrukturalismus versucht zu fassen, und die politische Rechte hat es geschafft, auch jene, originär dezidiert linkes Vokabular für sich zu vereinnahmen, um eine Kritik zu formulieren, die der Vision des Linken konträr. Was hindert sie nun daran, sich das Wort wieder zu schnappen, es umzudeuten und für sich, opportunistisch, gewiss!, wieder zu entdecken? Wer eine gesellschaftliche Stimmung versucht zu erreichen, die einen Wandel ermöglicht, muss auch die Sprache des Volkes verstehen, und sei's noch so polemisch, und sei's noch indifferent, nehmt der Sprache die Wucht und das Alleinstellungsmerkmal, doch bleibt nicht dabei, wie es Sahra Wagenknecht tat, die schlicht Worte in den Mund nahm, um die Stimmung aufzufangen, die gerade herrscht, ohne der politischen Rechten das Wort, die Sprache zu nehmen. Und wenn der Islam ein Problem mit Chauvinismus und der Frauenfeindlichkeit per se hat, dann gilt es dies zu benennen, ohne den allgemeinen Diskurs des gesellschaftlichen Sexismus zu delegitimieren. Dass eine schließt das andere nicht aus, sondern ist doch vielmehr ein Teil dessen. Eine postnationale Einstellung hat auch zur folge, die Sprache dann zu überwinden, wenn die Gefahr der (gegensätzlichen) Übernahme gebannt ist. Und wenn nun Rufe laut werden, Sahra Wagenknecht habe zurückzutreten, dann schlage ich viel mehr vor, dieses unsägliche Konstrukt der Linkspartei aufzulösen, und den Strömungen eine radikale Autonomie zu gewährleisten, was dann zwar zur folge hat, dass ein Netzwerk zusammenzubrechen droht, aber wenn Oskar Lafontaine ein Verständnis für Selbstmordattentäter*innen hat, dann hat dies nichts mit der Äußerung Lafontaines per se zu tun, sondern mit der selektiven Vereinnahmung derer, die sein Wort zu interpretieren versuchen. Sind wir Populist*innen? Ja, sind wir, denn der Populist, die Populistin sucht das einfache Wort, um das Volk zu erreichen, um es zu gewinnen. Und wenn das Wort nun schmerzt, aus dem Kontext gerissen noch viel tiefer greift, dann will ich nur sagen: die einstige Theorie wird euch nicht weiterhelfen. Der Deutsche hat seinen Wortfetisch zu überwinden, sonst wird das nichts mit der Revolution, welche natürlich wunderbar ist, sonst gar nichts, um eine berühmte Marxistin zu zitieren.

Sahra Wagenknecht sagt „Gastrecht“, der linke Populist wirft ihr „Rassismus“ vor. Unfreiwillig entlarvt er hierbei jedoch nicht einen Fehltritt Wagenknechts, sondern offenbart sein Verständnis zum Worte, zur Tat. Halten wir's einfach, um der Polemik ein Ende zu bereiten: Ja, es gibt demokratische Regeln, an die sich ein jeder und eine jede zu halten hat. Und nein, liebe Antikapitalistische Linke: „Das Gerede vom 'Gastrecht'“ ist kein Einfallstor rechter „Argumentationsmuster“, sondern ein Eingeständnis der verbalen Kapitulation. Sahra Wagenknecht diesbezüglich nun Rassismus vorzuwerfen, ist genauso lächerlich wie Alexander Gaulands Applaus von rechts, der nun meint, seinen rechten Gedankenwirrwarr durch einen linken Fauxpas bestätigt zu wissen.

06:33 17.01.2016
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