Lest (mehr) Anne Frank!

Das Hinterhaus Der Film "Das Tagebuch der Anne Frank" als Plädoyer für mehr Menschlichkeit in Zeichen der aktuellen Tragödien. Anne Frank als Sinnbild der Liebe zum Leben.
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„Warum gibt es jeden Tag Millionen an Geld für den Krieg und keinen Cent für die Heilkunde, für die Künstler, für die armen Menschen? Warum müssen die Menschen Hunger leiden, wenn in anderen Teilen der Welt die überflüssige Nahrung wegfault? Oh warum sind die Menschen so verrückt? Ich glaube nicht, dass der Krieg nur von den Großen, von den Regierenden und Kapitalisten gemacht wird. Nein, der kleine Mann ist ebenso dafür. Sonst hätten sich die Völker doch schon längst dagegen erhoben! Im Menschen ist nun mal ein Drang zur Vernichtung, ein Drang zum Totschlagen, zum Morden und Wüten, und solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet, und dann fängt es wieder von vorn an“

So schrieb es Annelies Marie Frank am 3. Mai 1944 in ihr Tagebuch. Ihr Werk sowie ihr Leben wurde von Hans Steinbichler (Regisseur) und Fred Breinersdorfer (Drehbuch) auf die Leinwand gebracht, und bereits der Prolog mutet an wie ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit, als spräche Anne Frank (hier authentisch dargestellt von Lea van Acken) den Menschen in der heutigen Zeit an, angesichts der Tragödien, wie sie vor der Ägäis oder in Idomeni in Zentralmakedonien zu sehen sind. Breinersdorfer nutzt das Medium Film, um auch ein Statement zu setzen, ohne ein Urteil fällen zu wollen, wie damit umgegangen wird. Vergleiche mit dem Nationalsozialismus zu ziehen haben stets den faden Beigeschmack der moralischen Selbstverherrlichung, und dennoch können die Tagebücher (die im Original übrigens „Das Hinterhaus“ lauten) als Mahnmal dessen gelesen werden, wie eine Entwicklung sich vollziehen kann, bei Schließung der Grenzen, bei Separation der Menschen, ob in Juden und Nichtjuden, oder in Muslime und Nichtmuslime, wenn das Tränengas der Verteidigung gilt, und im medialen Wahn, ob analog oder virtuell, die Schere zwischen Realität und (gelebter) Fiktion, zelebriert wird. Anne Frank – und der Film – ist in erster Linie jedoch ein Zeitzeugnis eines pubertierenden, jungen Mädchens, das aufgrund des Nationalsozialismus in einem Unterschlupf – dem Hinterhaus – Zuflucht findet, mitsamt ihrer Familie. Er dokumentiert die moralische Auffassung, auch das dezente Rebellentum, trotz – oder gerade – im Zeichen des Terrors, den ersten Kuss, sowie die innere Zerrissenheit eines Mädchens, das die Freiheit liebt, die sie in den Worten findet, welche sie ihrem Tagebuch schenkt. Der Film ist kein Spiegelbild des nationalsozialistischen Verbrechens, welches nur eingestreut wird, sondern ein Kammerspiel, das auch, wenngleich nur sehr vorsichtig, die Problematik auf engem Raum anspielt, den Streit, durch das zerbrochene Porzellan oder die Abnabelung der Familie. Es ist jedoch mitnichten das Projekt, das nur „der immer gleichen deutschen Zeitgeschichtsverwurstung“ sich verpflichtet fühlt, wie es Matthias Dell für Spiegel Online schreibt, der den Film generell negativ bewertete, maßgeblich gefußt auf eine Erinnerungskultur, der sich Dell wohl gerne überwunden fühlt. „Zeitgeschichtsverwurstung“ ist in ihrem Ausdruck nicht nur pietätlos, sondern zeigt mehr die Diskrepanz des Deutschen Films zur eigenen Geschichte. Der Film fungiert nicht als Moralapostel, er propagiert keinen konzeptlosen Deutschenhass, obzwar der Tatsache, dass Anne der deutschen Sprache den Kulturstatus absprach. Einzig die letzten Szenen, als die Familie(n) von der Gestapo abgeholt werden, muten in der immanenten Konsequenz fremdartig an, als das Kammerspiel sich der Offenheit widmet. Anstatt auszublenden und den obligaten Text einzuführen, werden kurze Sequenzen gezeigt, die die Mädchen im Konzentrationslager wiederfinden, bei der Rasur des Haars, wodurch diese Szene erschreckend voyeuristisch anmutet, doch der Geheimnisse, die uns Anne anvertraute.

„Das Tagebuch der Anne Frank“ will nicht provozieren, auch nicht den Zeigefinger erheben, sondern trägt dazu bei, sich der Erinnerung zu verpflichten, die nicht nur das Leid und das Elend beinhaltet, sondern auch den Widerstand, die Personen, die sich gegen das erhoben, was der Unterdrückung gewidmet. Anne Frank war ein zufälliges Mädchen, wie so viele weitere, junge Mädchen und Jungen, die der Vernichtung nicht entkamen, weil sie nicht dem entsprachen, wie es der Nationalsozialismus empfand. Auch heute sterben Mädchen und Jungen, auf der Flucht vor Elend, doch die Rolle Europas ist eine andere als während des zweiten Weltkriegs. Sie kann die Tore öffne, dem leidenden Kind und der Familie die Hand, das Wasser und Brot reichen, und nicht in der Defensive verweilen. Gerade Europa und Deutschland ist in der Pflicht, den flüchtenden Kindern von heute, die an der mazedonischen Grenze Hunger und Not leiden, den Erwachsenen von morgen nicht zu verwehren. „Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen, einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein!“ steht es geschrieben im Tagebuch vom 11. April 1944. Sich dem Humanismus verpflichtet heißt, die Nationen zu überwinden, Jüdinnen und Juden, Muslima und Muslime als Menschen wahrzunehmen, und nicht als Personen dieser oder jener „Abstammung“, um eine perverse Argumentation abzuleiten, die dazu dient, die Hand nicht zu reichen. Anne Frank wollte eine berühmte Schriftstellerin werden. Doch hätte sie zwischen dem Leben und der Berühmtheit entscheiden müssen, so fiele ihre Wahl auf das Leben, das sie innig liebte. Der Terror hat ihr diese Entscheidung jedoch genommen. Lassen wir es so weit nicht (wieder) kommen.

23:01 04.03.2016
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