Die Utopie des sozialistischen Zusammenlebens

Kulturrevolution Vor fünfzig Jahren fand in der DDR die Zweite Bitterfelder Konferenz statt
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Am 24. und 25. April 1964 wurde ein gleichzeitig hochkarätiges und breites Publikum in den Kulturpalast nach Bitterfeld im heutigen Sachsen-Anhalt eingeladen. Vertreter der Regierung der 1964 in ihrem fünfzehnten Jahr bestehenden Deutschen Demokratischen Republik, der SED und der Gewerkschaften, Vertreter der Wirtschaft als auch der Kulturinstitutionen und Akteure der kulturellen Szene aus den Bereichen der Hochkultur und der „Volkskultur“, der offiziellen Populärkultur in der damaligen DDR, trafen zusammen, um über die Ergebnisse und Herausforderungen auf dem Weg zur Schaffung einer nationalen Kultur zu diskutieren. Diese Bemühung wurde seit 1959 und der ersten so genannten „Bitterfelder Konferenz“ unter dem Synonym des „Bitterfelder Weges“ vorangetrieben und stellten nach einer Phase der Besinnung auf antifaschistisch-demokratische Aussagen in Kunst und Kultur ein weitgreifendes Experiment dar, mit der Absicht, einen kulturellen Neubeginn zu gestalten. Ziel der Bemühungen des 1959 eröffneten Programms Bitterfelder Weg war es, die Kultur der jungen Nation DDR auf Sozialismus einzustellen, sie in diesem Sinne auch zu ideologisieren, sie darüber hinaus zu einem pädagogischen Instrument zu machen und den Blick der Künste nun auf die Gegenwart zu lenken. Dass dabei nicht selten der optimistische Blick in die Zukunft mit dem feststellenden auf die real existierende Gegenwart vertauscht wurde, kann als ein eigentümliches Charakteristikum dieser Zeit, besonders auf dem Gebiet der bildenden Kunst, gelten. Die Umsetzungen des Bitterfelder Weges auf dem Gebiet der bildenden Kunst sind unter dem Begriff Sozialistischer Realismus in die Kunstgeschichte eingegangen. Der politische Vater des Programms Bitterfelder Weg war der damalige Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Walter Ulbricht, der damit seine Ära kulturpolitisch prägte und das Programm auch als Kulturrevolution verstanden wissen wollte, die dazu beitragen sollte, den sich formierenden sozialistischen Staat von Innen heraus stabilisieren. Eines der monumentalsten Zeugnisse der bildenden Kunst der Zeit des „Bitterfelder Weges“ ist das Fries des Malers Walter Womacka am Haus des Lehrers am Alexanderplatz in Berlin.

Ausgangspunkt der Überlegungen zu einer neuen Kunstpraxis und –theorie war eine politisch-ideologisch konstruierte Kluft zwischen Künstler und Arbeiter, Kunst und Leben, deren Überwindung durch die Bindung der Werktätigen an die Künste und Künstler und vice versa der Künstler an die Betriebe vorangetrieben wurde. Nebenprodukt der ideologischen Vereinbarung war Schaffung von vielfältigen kulturellen Angeboten und Räumen für die Allgemeinheit, die auch unter dem Dach der Ideologie künstlerisch-kreative Freiräume für das Individuum bieten konnten und beispielsweise auch Anstoß geben konnten für eine künstlerische Karriere.

Seit der ersten Bitterfelder Konferenz fünf Jahre zuvor, am 24. April 1959, die ebenfalls im Kulturhaus Bitterfeld im damaligen Bezirk Halle stattfand, entwickelte sich auf dem Weg zur neuen Nationalkultur der DDR vor allem das Zirkelwesen als Ort der Überwindung der Kluft zwischen des gesellschaftlichen Schichten Künstler und Arbeiter. In den an die Betriebe und Kombinate angeschlossenen Kulturhäusern konnten Laienkünstler, -fotografen, -tänzer, -musiker oder –schriftsteller unter Anleitung tätig werden. Die Zahl der Zirkel an den Betrieben und ihren Kulturhäusern wuchs Anfang der 1960er Jahre sprunghaft an und entwickelte sich für eine kurze Hochzeit in allen Sparten der Kultur zu einer massenkulturellen Bewegung.

Ermöglicht wurde das breite kulturelle Engagement vor allem durch die Finanzierung aus den Mitteln der Betriebe und Kombinate und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Sie finanzierten jedoch nicht nur die künstlerische Laienarbeit, sondern auch Künstleraufträge für freie, das heißt in den Verband Bildender Künstler aufgenommene Künstler, die mehrheitlich zur Ausstattung der vielen Neubauprojekte in den Städten in den beginnenden 1960er Jahren der DDR dienten und so gleichzeitig den Lebensunterhalt der bildenden Künstler absicherten.

Die Umstellung des Kulturbetriebes erfolgte gleichzeitig mit der Umstellung der Produktion in der Wirtschaft auf eine „sozialistische Arbeitsweise“, die in den Betrieben die Einführung des Brigadesystems und des Wettbewerbssystems bedeutete und auf dem Lande die des Systems der genossenschaftlichen Produktion in LPGs. Nicht weniger als ein ganzheitliches und alltägliches „sozialistisch arbeiten, lernen und leben“ wurde angestrebt.

Das seit dem Jahr 1959 in Gebrauch genommene Emblem der Flagge der DDR mit Hammer, Sichel, Ährenkranz versinnbildlicht die utopische Gesellschaftsordnung eines sozialistischen Zusammenlebens und –arbeitens von Industrie, Landwirtschaft und Intelligenz (hier waren die Künstler einzuordnen) im ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden, in dem die Kluft zwischen diesen drei Bereichen durch das kulturelle Förderprogramm „Bitterfelder Weg“ aufgehoben ist – unter Führung von Regierung und Partei.

Viele dieser seit den 1990er Jahren oftmals als „Auftragswerke“ verfemten Malereien, Grafiken und Plastiken schlummern schambehaftet in den Archiven und Depots von Museen, Sammlungen oder Städten und werden der Öffentlichkeit kaum präsentiert. Gerade die Gegenüberstellung, die bewusste Spiegelung der Bilder und Positionen der 1960er Jahre beider Deutschlands, könnte jedoch über die bestehenden kulturellen Verbindungen und Bezugnahmen zueinander, und sei es auch in der totalen Gegenposition, Auskunft geben.

Zweite Bitterfelder Konferenz : 1964 ; Protokoll der von der Ideologischen Kommission beim Politbüro des ZK der SED und dem Ministerium für Kultur am 24. und 25. April im Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld abgehaltenen Konferenz, Dietz: Berlin 1964

Greif zur Feder, Kumpel : Protokoll der Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlags Halle (Saale) am 24. April 1959 im Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld, Mitteldeutscher Verlag: Halle (Saale), 1959

19:52 22.04.2014
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Geschrieben von

Nadine Sommer

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