Buchenwald (1): Linker und naiver Antifaschismus

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"11. April erreicht die 6. Panzerdivision der 3. US-Armee das Konzentrationslager Buchenwald. Nach der Flucht der SS besetzen Häftlinge des Lagerwiderstandes noch während der Kämpfe die Türme und übernehmen die Ordnung und Verwaltung des Lagers. 21.000 Häftlinge erleben ihre Befreiung und die Ankunft der US-Armee." (www.buchenwald.de/media_de/index.html)

Wie war das möglich?

Bei deutschen Antifaschisten gibt es mittlerweile zwei bedeutende Positionen, die einander teilweise widersprechen. Die eine geht von der Schuld aller bzw. des allgemeinen Deutschen an der fabrikmäßigen Vernichtung der Juden aus. Sie fordert uneingeschränkte Solidarität mit Israel, das als der Staat anerkannt wird, der eine direkte und wehrhafte jüdische Antwort auf den faschistischen Völkermord an den europäischen Juden darstellt. Auschwitz ist das zentrale, den deutschen Faschismus (in dessen Selbstbeschreibung "Nationalsozialismus" genannt) einzigartig bestimmende Kennzeichen. Faschismus gilt als Extremform des Antisemitismus.

Nach dieser Position sind die Vorgänge vom 11. 04. 1945 auf dem Ettersberg bei Weimar kaum zu erklären. Denn die Übernahme und Gefangennahme von SS-Schergen noch vor Eintreffen der alliierten Armee, hätte nicht organisiert werden können - jedenfalls nicht mit Unterstützung deutscher Häftlinge.

Die andere Position ist eine spezifisch linke. Wer schon immer gegen Unterdrückung und Ausbeutung kämpfte, musste es auch angesichts des Faschismus tun. Ihre Vertreter waren von Anfang an Feinde des Regimes und seiner Vorläufer. Sie glauben nicht an die Nation, geschweige denn an einen genetisch bestimmten Volkskörper, als das Subjekt von Unterdrückung und Ausbeutung. Sie sehen die Nationen differenziert in Ausbeuter und Ausgebeutete. Und wenn sich, wie im Faschismus eine ganze Nation aufzuschwingen meint, andere Völker auszubeuten oder zu vernichten, sehen sie darin einerseits eine Ideologie an Werk, welche verschleiert, dass es auch innerhalb der unterdrückenden Nation, Herrscher und Beherrschte gibt. Andererseits empfinden sie den Faschismus als einen Spezialfall von Unterdrückung, dem selbstverständlich ihr Kampf gilt.

Diese Position ist mit der Darstellung der Selbstbefreiung von Buchenwald kompatibel. Mehr noch: Sie konnte sich eines Teils von Deutschland bemächtigen und muss sich nun vorhalten lassen, den historischen Antifaschismus für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren.

Setzt man beide Positionen miteinander in Beziehung, so werden oft Opfergruppen gegeneinander ausgespielt. Die einen betonen zurecht die politischen Opfer als eine besondere Gruppe, weil sie dem Faschismus etwas entgegensetzten und folglich seine ersten Opfer wurden. Die anderen heben zurecht die Vernichtung der europäischen Juden hervor, weil sie als Objekte einer bürokratisch gesteuerten Mordmaschine, das ungeheuerlichste Schicksal erfuhren. Beide haben insofern unrecht, als dass das subjektive Leid nicht gewichtet werden kann.

Aber man sollte sich nicht um die besseren Opfer streiten. Man erinnere sich an die antifaschistischen Widerstandskämpfer als lebendige. Mit Blick auf den 66. Befreiungstag von Buchenwald lohnt diese Erinnerung, da es Widerstand in diesem KZ gab. Dabei muss keiner der beiden Positionen ein humanistisch inspirierter Antifaschismus abgesprochen werden. Die einen bekämpfen den Faschismus als eine besonders perverse Form der Ausbeutung und Unterdrückung. Der Schwur von Buchenwald erinnert daran, dass sie dabei auch das Engagement von Antifaschisten würdigen, denen das sozialistische Ziel abgeht. Die anderen bekämpfen den Faschismus, weil seine Unmenschlichkeit ihren Widerstand weckt. Der Schwur von Buchenwald bezeugt diese Möglichkeit, indem dort Roosevelt gedacht wird.

Allerdings widersprechen sich die Vertreter der beiden Positionen in einem wesentlichen Punk. Während die Linke, die den Faschismus als Extremform von Ausbeutung und Unterdrückung begreift, den Kampf gegen jede Form von Unterdrückung und Ausbeutung führt, thematisieren die anderen diese Möglichkeit nicht oder ordnen sie der Forderung nach unkritischer Unterstützung Israels unter. Der Staat Israel ist in jeder politischen Form wichtiger als die Abschaffung der Ausbeutung. Letztere Position ist demnach mit einer linken Politik (die Ausbeutung und Unterdrückung abzuschaffen versucht) nicht vereinbar. Wohlgemerkt mit dem antifaschistischen Kampf kann sie koalieren.

Um die beiden antifaschistischen Positionen einordnen zu können, muss man sich einfach von der unbegründeten Annahme verabschieden, Antifaschismus sei etwas grundsätzlich linkes. Es gibt linken Antifaschismus aber eben auch anderen (z. B. den religiösen der Zeugen Jehovas). Dieser andere Antifaschismus kann "naiver Antifaschismus" genannt werden, denn trotz aller redlichen Motive ist diese Position defizitär. Sie ist erstens historisch zu spät gekommen und zweitens leicht pervertierbar. Erst das Erschrecken über Auschwitz, als es im vollem Gange war, ist die Voraussetzung dafür, dass man diesen Völkermord zum Bezugspunkt seines Widerstands macht. Der linke Antifaschismus ist dagegen schon längst vor Auschwitz aktiv geworden, obwohl er das Ausmaß des Verbrechens kaum erahnen konnte.

Der naive Antifaschismus kann sich nur auf Antisemitismus oder auf den Neofaschismus beziehen, der sich erkennbar in der Tradition des deutschen Faschismus entwickelt. Die Entstehung von etwas vergleichbarem, welches sich aber in der Opfergruppe oder im Mordverfahren vom deutsche Faschismus unterscheidet, kann nicht mit Sicherheit identifiziert werden. Anders der linke, der in guter Tradition gegen Unterdrückung und Ausbeutung kämpft und dabei in jedem Fall neue faschistische oder andere menschenverachtende Tendenzen angeht, dabei allerdings auch das eine oder andere Verbrechen Israels.

Pervertierbar ist der naive Antifaschismus, weil er seinen Erfolg nicht mit Sicherheit von seinen Missbrauch unterscheiden kann. Ist nämlich irgendwo in der Welt einem neuen mutmaßlichen Hitler der Garaus gemacht worden, kann man nicht mehr prüfen, ob letzterer bei Passivität der vermeintlichen Antifaschisten tatsächlich einen entsprechenden Weg gegangen wäre. Darum kommen im Gewandt des naiven Antifaschismus allerlei Kriegstreiber daher, die das Geschäft derer Besorgen, gegen die Linke so engagiert streiten.

Der Schwur von Buchenwald gibt allerdings eine Orientierung: "Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel," lautet eine Formel im Schwur (www.vvn-bda.de/geschichte/schwur_buchenwald.html). Allerdings ist das Friedensgebot nicht hinreichend, um den Missbrauch des naiven Antifaschismus zu identifizieren, denn schließlich gilt den Häftlingen von Buchenwald auch die antifaschistische Kriegs-Allianz als Partner im Kampf.

Entscheidender Hinweis auf den Missbrauch des naiven Antifaschismus ist das Aufkündigen der Koalition mit den linken Antifaschisten. Denn ein naiver Antifaschismus, der auf das Frühwarnsystem des linken verzichtet, kann es kaum ernst meinen. Natürlich muss der naive Antifaschismus die umstürzlerischen Ziele der Linken nicht teilen. Genauso wie der linke nicht jeden ausländischen Diktator als Antisemiten oder Inkarnation von Hitler anerkennen muss, den der naive Antifaschismus mit Bomben bedecken will. Aber wenn mithilfe der naiven Position, den linken Kämpfern gegen Unterdrückung und Ausbeutung ein ernsthafter Antifaschismus abgesprochen und sogar Antisemitismus untergejubelt wird, kann man sicher sein: Diese Propaganda richtet sich nicht primär gegen den Faschismus, sondern gegen linke Antifaschisten.

Buchenwald ist ein Ort des Gedenkens, an dem die Zukunftsfrage dialektisch beantwortet wird. Nicht die Wiederholung konkret dieser Verbrechen soll dem Schwur zufolge verhindert werden, sondern die Vernichtung des Verbrechers sowie der Aufbau einer Alternative wird geschworen.

Auch in diesem Punkt sind linke und echte naive Antifaschisten konsensfähig. Beide Positionen müssen beispielsweise das Völkerrecht stärken. Kriegstreiber, die den naiven Antifaschismus benutzen, um den linken zu diskreditieren und die Friedensordnung der Nationen zu untergraben, müssen von beiden Positionen bekämpft werden. Die Häftlinge im KZ Buchenwald haben es vorgemacht. Aus unterschiedlichsten Gründen wurden sie zu Feinden des Faschismus, gemeinsam forderten sie seine Auslöschung und für die Zukunft gelobten sie, am Frieden und der Freiheit zu arbeiten. Und wenn uns heute das Verhältnis von Frieden und Freiheit nicht ganz klar ist, so gilt zweifellos, dass sich weder das eine noch das andere gegen solche Antifaschisten wenden darf, die in der Tradition des Lagerwiderstands von Buchenwald stehen.

23:31 31.03.2011
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Geschrieben von

Nafets

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